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Oma und Opa als Hilfslehrer*innen

Ritterhude (jm). Schulschließungen und Quarantäne bedeuten Stress für alle Beteiligten, vor allem berufstätige Eltern. Ein pensionierter Schulleiter aus Ritterhude schafft Abhilfe mit Online-Unterricht für seine Enkelkinder.

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Onlineunterricht mit Opa: Der Ritterhuder Helmuth Schnitger und seine Ehefrau helfen ihren Enkelkindern in Nordrhein-Westfalen bei den Schulaufgaben.  Foto: eb

Onlineunterricht mit Opa: Der Ritterhuder Helmuth Schnitger und seine Ehefrau helfen ihren Enkelkindern in Nordrhein-Westfalen bei den Schulaufgaben. Foto: eb

Die Schulen werden zwar bislang von den erneuten Lockdown-Maßnahmen ausgenommen, dennoch fällt vielerorts der Unterricht wegen Corona-Fällen aus, Klassen werden in Quarantäne geschickt. Berufstätige Eltern wissen in dieser Situation oft nicht weiter. Ein ehemaliger Schulleiter aus Ritterhude hat gemeinsam mit seiner Ehefrau eine Lösung gefunden: Die beiden unterrichten ihre Enkelkinder online.
Helmuth Schnitger ist vierfacher Großvater, pensionierter Schulleiter aus Bremen und ehemaliger Vorsitzender der Schulleitungsvereinigung in der Hansestadt. Nach dem Ende der Herbstferien schreibt seine Tochter, die in Nordrhein-Westfalen lebt, eine verzweifelte Whatsapp-Nachricht: Der Unterricht und die Nachmittagsbetreuung für ihre beiden schulpflichtigen Kinder fallen aus. Es ist nicht das erste Mal: „Bereits vor den Herbstferien war der Unterricht für die 200 Kinder der Grundschule für zwei Wochen komplett ausgesetzt worden“, erinnert sich Schnitger.
Das Problem: „Meine Tochter hat seit sechs Wochen eine neue Arbeitsstelle angetreten, nachdem sie ihre drei Kinder in Ganztagseinrichtungen versorgt geglaubt hat“, berichtet der Ritterhuder - die jüngste Enkeltochter geht in die Kita. “Meine Tochter ist noch in der Probezeit ihrer neuen Beschäftigung, der Schwiegersohn zwar im Homeoffice, aber eben auch nicht in der Lage dauerhaft die beiden Kinder zu beschäftigen und gleichzeitig seiner Arbeit gewissenhaft nachzugehen“, sagt Schnitger. In den 200 Kilometer entfernten Wohnort zu reisen, kam für Schnitger und seine Ehefrau nicht infrage: „Wir sind beide mehrfache Risiko-Patienten.“
 
Facetime schafft Abhilfe
 
Vom Sohn des Ehepaars in Ritterhude kommt schließlich die Idee, Oma und Opa als Online-Hilfslehrer*innen einzusetzen - schließlich waren beide vor dem Ruhestand im Schulsystem tätig. „Wir fanden diese Idee spannend, bestanden unsere bisherigen Online-Kontakte doch im Wesentlichen aus gelegentlichen Großeltern-Enkel-Videochats“, erzählt Schnitger. So wurden kurzerhand mit der Tochter in Nordrhein-Westfalen die technischen Voraussetzungen geklärt - und natürlich ein Lehrplan erstellt. Ab sofort finden die FaceTime-Anrufe zu fest vereinbarten Zeiten statt, Arbeitsblätter werden vorab per Whatsapp ausgetauscht. Die Enkelkinder bearbeiten ihre Schulaufgaben, Schnitger und seine Frau unterstützen sie und stehen für Fragen bereit. Schon nach den ersten „Unterrichtsstunden“ - Deutsch und Mathe - zeigt sich: „Es klappt super mit uns und die Kinder nehmen diese Form des Fernunterrichts als etwas völlig Normales wahr. Der Vater kann in der Zwischenzeit in Ruhe arbeiten und die Kinder lernen.“
 
Modellvorlage für Schulen?
 
Inzwischen sei die tägliche Lernzeit ein fester Bestandteil im Tagesablauf der Kinder. Angesichts des erfolgreichen Versuchs fragt Schnitger sich, ob das Modell nicht vielleicht als Vorlage für andere Familien dienen oder gar institutionalisiert werden könne. „Wir sind sicherlich privilegiert in dieser Situation, denn meine Frau und ich sind zeitlich und fachlich in der Lage, den Kindern zu helfen und wir haben die technische Ausrüstung dafür“, dessen sei er sich bewusst.
Er könne sich vorstellen, sowohl pensionierte Lehrkräfte als auch Sport- oder Kunstlehrer*innen, die im Falle einer Schulschließung keinen Präsenzunterricht geben, für eine Online-Hausaufgabenhilfe einzubinden. Auch vom Unterricht freigestellte Lehrkräfte, die Risikogruppen angehören, könnten ihren Schüler*innen auf diesem Wege helfen. Organisieren ließe sich die Online-Betreuung über die einzelnen Schulen oder Schulträger, meint der pensionierte Schulleiter.
„Wenn wir vertraute Pfade verlassen und nicht immer zuerst daran denken, was nicht geht, sondern daran, wie wir eine Lösung schaffen, dann lassen sich wenigstens ein paar Belastungen der Familien abmildern“, sagt Schnitger. „In dieser Zeit gibt es unendlich viele Eltern, die das Dilemma kennen und zum Teil nicht ein und aus wissen. Eine Schule zu schließen, mag von dem einen oder anderen Experten epidemiologisch als richtig angesehen werden – gesellschaftlich ist es eine Katastrophe.“


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