Luisa Mersmann

Natur in Gefahr

Zum Internationalen Tag der biologischen Vielfalt am 22. Mai warnen Expertinnen und Experten vor einem menschengemachten Artensterben mit weltweiten Folgen für Umwelt und Gesellschaft.

„Mir scheint, dass die Natur die größte Quelle der Faszination, die größte Quelle visueller Schönheit und die größte Quelle intellektuellen Interesses ist. Sie ist die größte Quelle für so vieles im Leben, das das Leben lebenswert macht“, sagte einst der britische Naturforscher und Tierfilmer Sir David Attenborough, der am 8. Mai 100 Jahre alt geworden ist. Vermutlich gibt es wenige Menschen, die sich so lange und intensiv mit der Natur und den Auswirkungen des Klimas und der Menschen auf sie auseinandergesetzt haben, wie er.

Schon als Kind war er fasziniert von der Tier- und Pflanzenwelt und spätestens nach einem Vortrag über den Einsatz für den Naturschutz war ihm klar, dass dieses Thema sein Leben maßgeblich beeinflussen wird. Auf seinen Reisen durch die Welt hat er nicht nur die schönsten Orte erkundet, die faszinierendsten Tiere gesehen und besondere Naturschauspiele miterlebt – er hat sie mit seiner Kamera begleitet und damit für alle Menschen auf der Welt sichtbar gemacht. Aber neben all den schönen, besonderen und faszinierenden Dingen hat er vor allem eins gesehen: den Rückgang der Artenvielfalt. In seiner BBC Dokumentation „Extinction 2020: The Facts“ warnte er davor, dass genau dieser Rückgang zu einer der größten Herausforderungen auf unserem Planeten werde. Ihm wurde klar, wie viel Glück er hatte, einige der bemerkenswertesten Tierarten gesehen zu haben. „Viele dieser Wunder scheinen für immer zu verschwinden“, so Attenborough.

 

Die Artenvielfalt

Am 22. Mai erinnert der Internationale Tag der biologischen Vielfalt daran, wie wichtig die Artenvielfalt für Mensch und Umwelt ist. Der Tag wurde 1992 von den Vereinten Nationen eingeführt.

Artenvielfalt beschreibt die Vielfalt der Arten von Lebewesen, geht aber weit über die Anzahl der Tiere und Pflanzen hinaus. Es beschreibt auch unterschiedliche Lebensräume wie Wälder, Moore oder Meere sowie genetische Vielfalt innerhalb einzelner Arten. Gemeinsam bildet diese Biodiversität die Grundlage für unser Ökosystem. Die Natur übernimmt Aufgaben, die wir im Alltag gar nicht so aktiv mitbekommen: Insekten bestäuben Obst- und Gemüsepflanzen, Wälder speichern Kohlendioxid und produzieren Sauerstoff und Böden filtern Wasser und liefern so Nährstoffe für die Landwirtschaft.

Ohne die Artenvielfalt geraten diese natürlichen Kreisläufe aus dem Gleichgewicht. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES veröffentlichte 2019 seinen Globalen Bericht, laut dem eine Million Arten innerhalb der nächsten Jahrzehnte akut bedroht sind. Die Aussterberate von Tieren und Pflanzen liege aktuell zehn- bis mehrere hundert Male höher, als es im Durchschnitt in den vergangenen zehn Millionen Jahren der Fall gewesen sei.

Sechstes Massensterben?

Das aktuelle Artensterben ist allerdings nicht das erste, das die Erde ertragen muss. In den vergangenen 500 Millionen Jahren gab es bereits fünf Massensterben und das Leben auf dem Planeten wurde jedes Mal fast ausgelöscht. Das bekannteste ist wohl das Sterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren. Laut Definition spricht man von einem Massensterben, wenn es sich um ein „periodisches, episodisches oder zufälliges gleichzeitiges Sterben von zahlreichen Individuen einer Tierart oder mehrerer Arten“ handelt.

Aufgrund der aktuellen Lage gehen Expertinnen und Experten davon aus, dass das sechste große Massensterben gerade direkt vor unseren Augen passiert. Wichtig dabei ist auch, dass sich einige der vergangenen Massensterben über tausend Jahre hinziehen konnten. Der derzeitige Artenverlust spielt sich allerdings in einer rasanten Geschwindigkeit ab. Laut dem Living Plant Index gab es allein zwischen 1970 und 2010, also innerhalb von nur 40 Jahren, einen Rückgang der weltweiten biologischen Vielfalt um 65 Prozent. Zudem waren die früheren Massensterben natürlichen Ursprungs, während das jetzige laut Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf menschliche Aktivitäten zurückgeht.

 

Dramatische Folgen

Der Lebensraum vieler Arten wird oder wurde zerstört, Wälder werden abgeholzt und Flächen für Städte, Straßen oder intensive Landwirtschaft genutzt. Größere Tiere wie Elefanten, Nashörner oder Löwen werden gejagt oder gewildert. Plastik ist mittlerweile in beinahe jedem Teil der Erde zu finden, auch im Meer. Tiere verwechseln es mit Nahrung und verhungern schließlich. Hinzu kommt der Klimawandel: Steigende Temperaturen, Dürren, Überschwemmungen durch Starkregen und verändertes Wetter in den einzelnen Jahreszeiten setzen zahlreiche Arten unter Stress. Besonders empfindliche Ökosysteme wie Korallenriffe oder Polarregionen gelten bereits als stark bedroht.

Aber auch in Deutschland zeigen sich Folgen: Laut der Waldzustandserhebung 2025 ist nur jeder fünfte Baum in den Wäldern gesund und auch einige Vogelarten gelten hier als stark gefährdet, wie etwa das Rebhuhn, der Kiebitz oder das Braunkehlchen, wie es vom Bundesamt für Naturschutz heißt. Auf der Roten Liste für Deutschland steht, dass 37 Prozent der Wirbeltiere, 32 Prozent der wirbellosen Tiere, 32 Prozent der Pflanzen sowie 23 Prozent der Pilze und Flechten bestandsgefährdet sind.

All diese Entwicklungen zeigen, wie eng Klima-, Umwelt- und Artenschutz miteinander verbunden sind. Verschwindet die Artenvielfalt, gerate ganze Ökosysteme ins Wanken – mit Folgen, die letzten Endes auch den Menschen betreffen.

 

Was kann getan werden?

Der Schutz der Biodiversität ist also essenziell für unser aller Leben. Um das zu gewährleisten, muss einiges getan werden – und einiges wird auch schon getan. Jede Person kann etwas für die Artenvielfalt tun, wie beispielsweise naturnahe Gärten anlegen, das Autofahren reduzieren oder nachhaltiger konsumieren. Es gibt auch Organisationen, die sich aktiv für den Schutz einsetzen. Der WWF setzt sich zum Beispiel für den Schutz der Lebensräume ein und arbeitet eng mit der Politik und Wissenschaftlern zusammen. Greenpeace macht vor allem mit Kampagnen auf die Umweltzerstörung aufmerksam, etwa gegen Überfischung oder Abholzung. In Deutschland spielt außerdem der NABU eine wichtige Rolle. Er setzt sich für die heimische Flora und Fauna ein, indem er Biotope pflegt und Projekte zum Erhalt von Insekten, Vögeln und Feuchtgebieten organisiert.

Doch ohne politisches Handeln werden diese Maßnahmen nicht dauerhaft halten. Die Politik ist maßgeblich mitverantwortlich, weshalb Expertinnen und Experten die Umsetzung des Naturschutzabkommens von 2022 fordern. Auf dieses haben sich im Dezember 2022 rund 200 Staaten geeinigt. Es umfasst zum einen das „30x30“-Ziel: Mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen sollen bis 2030 unter effektiven Schutz gestellt werden. Zum anderen soll das Artensterben bis 2030 gestoppt und der Trend umgekehrt werden. Auch Umweltverschmutzungen durch Plastik, Pestizide und Düngemittel soll deutlich reduziert werden, ebenso wie invasive Arten bis 2030 um 50 Prozent.

 

Hilfe kommt an

Dass in den vergangenen Jahren aber tatsächlich schon etwas getan wurde, das auch hilft, lässt sich an einigen Beispielen erkennen. In Ecuador zeigt ein Forschungsprojekt, dass sich der Regenwald schneller erholen kann, als zunächst gedacht. Nach fast 30 Jahren zeigt ein neuer Regenwald auf ehemaligen Wiesen und Plantagen fast dieselbe Artenvielfalt wie die Regenwaldreste in der Umgebung. Und auch im Tierreich gibt es immer wieder Fälle, in denen Tiere, die als ausgestorben galten, wieder auftauchen. Dazu gehört beispielsweise die Fernandina-Riesenschildkröte auf den Galapagos Inseln, die mehr als 100 Jahre als ausgestorben galt. Und in Neuseeland ist vergangenes Jahr nach fast 50 Jahren erstmals wieder ein Kiwi Pukupuku – auch Zwergkiwi genannt – gesichtet worden.

Das sind Beispiele dafür, dass es noch nicht zu spät ist, die Natur und alle darin vorkommenden Arten zu retten. „Wir müssen mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie“, mahnt auch David Attenborough schon seit Jahrzehnten.


UNTERNEHMEN DER REGION

E-PaperMarktplatzStellenmarktZusteller werdenLeserreiseMagazineNotdienst BremervördeNotdienst OHZReklamationgewinnspielformular