Lena Stehr

Kommentar: Im Hamsterrad der Frustration

Das tägliche Hamsterad macht nicht glücklich. Das ist aber kein Grund, dafür andere Menschen leiden zu lassen, findet unsere Redakteurin Lena Stehr.

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Einfach mal inne halten, wenn man einen schlechten Tag hatte und seinen Frust nicht bei jemand anderen abladen. Die Person hatte wahrscheinlich auch einen schlechten Tag. (Bild: Weiß auf Weiß, Malevich/commons)

Einfach mal inne halten, wenn man einen schlechten Tag hatte und seinen Frust nicht bei jemand anderen abladen. Die Person hatte wahrscheinlich auch einen schlechten Tag. (Bild: Weiß auf Weiß, Malevich/commons)

„Mach das noch einmal du Schlampe!“, schrie mich neulich ein ca. 1,90 Meter großer, breitschultriger Mann um die 20 mitten in der Stadt an und ging mit angriffslustigem Gesichtsausdruck einen Schritt auf mein Auto zu, in dem ich mit meiner Tochter saß. Kurz zuvor hatte ich mir erlaubt ihn anzuhupen, weil er - ohne zu gucken und mit breitbeinig-arrogantem Schritt - plötzlich auf die Straße gestiefelt kam, als habe er grundsätzlich überall „Vorfahrt“.
Diese verbale Attacke und subtile Drohung, mir reale Gewalt anzutun, hat mich so unvermittelt brutal getroffen, dass ich sprachlos mit vor Angst und Wut klopfendem Herzen weiterfuhr.
Wie kann es sein, dass mich ein Fremder auf offener Straße plötzlich derartig angreift? Warum scheint es immer wahrscheinlicher, zum menschlichen Blitzableiter für die aufgestauten Aggressionen und enttäuschten Wünsche eines anderen zu werden? Warum scheint der Umgangston rauher zu werden und warum sinkt die Hemmschwelle, andere anzupöbeln und zu beleidigen, anscheinend immer weiter?
Fast scheint es so, als würden manche Menschen nur auf ein willkürliches Opfer warten, an dem sie ihren Frust auslassen können. Klar, dass es so oft diejenigen trifft, die in Jobs arbeiten, in denen sie viel mit Menschen zu tun haben.
Bei den Kassierer*innen, Zugbeleiter*innen, Busfahrer*innen, Behördenmitarbeiter*innen, Servicekräften oder Verkäufer*innen lädt unsere mit sich selbst und an sie gerichteten Erwartungen latent überforderte Gesellschaft ihren seelischen Druck gerne bei Gelegenheit ab.
Und wer weiß - der eben mehrfach angepöbelte Behördenmitarbeiter beleidigt vielleicht auf dem Nachhauseweg die unfreundliche Verkäuferin, die ihrereseits einen Tag voller Anfeindungen hinter sich hat.
Die aufgrund von Lehrermangel überforderte Lehrkraft lässt sich vielleicht in einem schwachen Moment dazu hinreißen, den seinerseits durch den Erwartungsdruck seiner Eltern frustrierten und deshalb unausstehlichen Schüler anzuschreien - und löst damit wiederum eine Kettenreaktion von Gewalt und Gegengewalt aus.
Es scheint, als drehe sich dieses Hamsterrad der Frustration, Aggression, Feindseligkeit, Respektlosig- und Empathielosigkeit immer schneller und als würde der entstehende Wind immer mehr Menschen um die Ohren pfeifen. Da ist klar im Vorteil, wer sich nicht von diesem negativen Rauschen aus dem Takt bringen lässt. Wer es schafft, trotzdem in jedem erst einmal das Gute und - in Anlehnung an die DGB-Kampagne - überhaupt einen Menschen in seinem Gegenüber zu erkennen, kann vielleicht sogar das Tempo des Hamsterrads verlangsamen.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es da draußen noch genug Menschen gibt, die es nicht nötig haben, ihr schwaches Selbstbewusstsein durch das Niedermachen von anderen aufzuwerten.
Und die wissen, was für einen unersetzlichen Job zum Beispiel alle Rettungskräfte Tag für Tag leisten, viele von ihnen ehrenamtlich. Ich hoffe, dass keiner von ihnen das Handtuch wirft, weil der Wind des Hamsterrads zu stark weht.
Als kleinen Schutz vor dem Sturm könnten wir uns öfter mal Komplimente machen. Das ist nämlich gut fürs Selbstwertgefühl.


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