Patrick Viol

Kommentar: Die verdrängte Unfähigkeit zur Flucht

Warum die Unfähigkeit, der Misere des eigenen Lebens praktisch zu entkommen, zum Hass auf die Menschen in Moria anstachelt.
 
Bilder
Flüchten lässt sich nicht nur geographisch.  (Bild/Malewitsch/commons)

Flüchten lässt sich nicht nur geographisch. (Bild/Malewitsch/commons)

Zwischen dem Motiv liegen gebliebener Autos in manchen Filmen des französischen Filmemachers Jean Luc-Godard auf der einen Seite und Verschwörungstheorien und Rassismus auf der anderen Seite gibt es eine Gemeinsamkeit: Die am Stadtrand nicht weiter kommenden Autos stehen wie Rassismus und Verschwörungstheorien für gescheiterte Fluchtversuche von Menschen aus der Stumpfsinnigkeit und Ärmlichkeit ihres alltäglichen Lebens. Die geschrotteten Karossen bringen wie Verschwörungstheorien und Rassismus zum Ausdruck, dass die Menschen es schlicht in ihrem Leben nicht aushalten und sich woanders hinwünschen. Entweder - sympathisch - mit dem Auto in die weite Welt. Oder - menschenverachtend und resignativ - in die falsche Sinnhaftigkeit eines Wahngebildes, in dem man die Schuld für die eigene Misere anderen geben kann. Denen da oben, oder - gerade in den sozialen Medien sehr angesagt - zusätzlichen 1.500 Menschen auf deutschem Grund und Boden. Es scheint so zu sein, dass die Welt, so wie sie ist, die Menschen allgemein - und nicht nur in Kriegs- und Elendsgebieten - zur Flucht anhält. Und damit kommen wir zur Frage dieses Kommentars: Was verleitet Menschen zu dieser menschenverachtenden Kaltschnäuzigkeit, die sich in den sozialen Netzwerken unter jedem Post zur Aufnahme von Menschen aus dem abgebrannten Lager in Moria breitmacht? Was stachelt sie in Anbetracht des offenkundigen Elends zu Sätzen an wie: „Wir“ dürften uns nicht „von Brandstiftern erpressen lassen“. (Was man im Übrigen auch im deutschen Parlament hört.) Das seien gar keine „Kriegsflüchtlinge“. Die haben ja Smartphones und wollen nur nach „Germoney“. Lassen sie mich zur Beantwortung der Frage etwas ausholen: Überall, auch unter gut situierten Angestellten und Twitter-Nutzer*innen herrscht die tiefsitzende Angst vor Hunger und Elend. Weil letztlich jeder weiß und spürt, dass die eigene materielle Existenz nicht durch die eigene Arbeit abgesichert ist. Der Job ist nie wirklich sicher und nach der Corona-Krise kommt eine andere. Deshalb wird das eigene Überleben als ein Gnadenerweis empfunden, der aber jederzeit widerrufbar ist. Deshalb besteht ein allgemeiner aber bei den meisten verdrängter Fluchtwille aus dem Verhängnis, das die meisten „mein Leben“ nennen.
An der bloß dumpf als misslich empfundenen Situation ändert aber die Flucht in den Wahn und den Hass praktisch nichts. Sie ist der Motorschaden, der einen am Stadtrand des eigenen Elends liegen bleiben lässt. Weil man sich die Ausweglosigkeit der eigenen Flucht aber nicht zugesteht, sie als solche nicht mal erkennt und sich stattdessen in der eigenen glücklosen Anspruchslosigkeit unterwürfig eingerichtet hat, wird man wütend. Aber nicht auf sich selbst, sondern auf jene, die tatsächlich praktisch versuchen, ihrem Elend zu entkommen: auf die sogenannten Flüchtlinge. Was also diese spezifische Verächtlichkeit gegenüber den Menschen in Moria erklären kann, denen es ja eigentlich dort, wo sie herkommen, gut ginge, ist, dass sie ihrem Wunsch, aus der kläglichen Unwürdigkeit ihres Lebens zu fliehen, Taten folgen lassen. Dass die Menschen in Moria überhaupt eine Vorstellung von einem besseren Leben besitzen und dafür durch die Hölle gehen, muss auf jene, die so tief in der piefigen Mulde des Sofas der unterwürfigen Selbstaufgabe festsitzen, wie eine ungeheuerliche Provokation wirken.
Der Hass trifft die Menschen in Moria, weil sie ihren Fluchtreflex im Gegensatz zu ihren Verächter*innen nicht verdrängen. Stattdessen verfolgen sie einen Anspruch auf Glück. Ein Glück, das für jene, die sie verachten nur noch darin liegt, Hass zu twittern oder an der Supermarktkasse der Kassiererin Schläge anzudrohen, wenn sie einem nicht vier Packungen Klopapier verkauft.


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