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Inklusion bleibt Wunschdenken

Inklusion ist ein beliebtes Schlagwort - in der Praxis ist oft schon vor dem Bewerbungsgespräch Schluss damit, wie eine junge Rollstuhlfahrerin aus Lilienthal berichtet.

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Constanze Gusek hat seit dem Abschluss ihrer Ausbildung mehr als 50 Bewerbungsversuche hinter sich - oft wird sie schon am Telefon weggedrückt.

Constanze Gusek hat seit dem Abschluss ihrer Ausbildung mehr als 50 Bewerbungsversuche hinter sich - oft wird sie schon am Telefon weggedrückt.

Lilienthal. Im Mai des vergangenen Jahres schließt Constanze Gusek erfolgreich ihre Ausbildung als Kauffrau im Büromanagement ab. Offen und herzlich kommt die junge Frau daher, fährt ein eigenes Auto und wohnt gemeinsam mit ihrem Freund in einer kleinen Wohnung. Ihre Freizeit verbringe sie fast ausnahmslos mit dem Schreiben von Bewerbungen. Doch trotz all der Arbeit blieben zahlreiche Anschreiben unbeantwortet - denn: Constanze Gusek sitzt seit ihrer Geburt im Rollstuhl.

 

„Täglich schaue ich nach neuen Ausschreibungen“

 

Dass sie anders sei, zeige man ihr bereits in der Grundschule. Gusek wurde empfohlen, lieber eine Sonderschule für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung zu besuchen. Doch schon früh wehrt sie sich gegen solche Abschiebungen in einen Sonderbereich und bewältigt die Grundschulzeit und auch die folgenden Jahre erfolgreich. Später macht sie ihren Realschulabschluss, um schließlich eine Ausbildung zu beginnen. Seit letztem Jahr ist sie nun auf der steten Suche nach Arbeit oder Praktikum. „Tagtäglich schaue ich in der Jobbörse oder Zeitung nach neuen Ausschreibungen, spreche viel mit Bekannten“, erzählt die 24-Jährige.

Auf die meisten ihrer über 50 Bewerbungsversuche erhalte sie jedoch gar nicht erst eine Rückmeldung - der Rest werde mit fadenscheinigen Begründungen abgewiesen. „Kürzlich ausgeschriebene Stellen seien dann plötzlich doch schon besetzt“, berichtet Gusek. Als sie es beim Landkreis versucht, habe sie die Antwort bekommen, sie könne dort nicht arbeiten, da sie körperlich nicht dazu in der Lage sei, Getränke zu bringen. Der Landkreis weist das zurück. „Die Dame ist der Personalabteilung nicht bekannt“, heißt es. Zudem hätten schwerbehinderte Bewerber:innen bei der Einstellung einen gesetzlichen Vorrang bei im Wesentlichen gleicher Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung.

Das stimmt, gesetzlich ist das so. Aber nun kommt es nicht selten vor, dass gesetzliche Vorgaben und die Realität auseinanderfallen, weshalb Gusek Erfahrungen wie folgende gemacht mache: „Kommt es doch einmal zum persönlichen Telefonat, werde ich häufig einfach weggedrückt, sobald ich meine Behinderung erwähne“, sagt sie weiter.

 

Arbeitsamt bietet Stelle als Kellnerin

 

Zurzeit befindet sich Constanze deshalb in einer Maßnahme des Arbeitsamtes, bei dem sie drei Tage die Woche in wechselnden Betrieben arbeitet, um an verschiedene Firmen herangeführt zu werden. „Für die Zukunft wünsche ich mir aber einen festen Arbeitsplatz, an dem ich mich wirklich respektiert und gewollt fühle“, resümiert die 24-Jährige. Immer wieder erhalte sie auch Jobvorschläge vom Arbeitsamt, die für Gusek teilweise nicht einmal umsetzbar sind. „Vor kurzem hat man mir eine Stelle als Kellnerin angeboten, obwohl die Verantwortlichen sich meiner Behinderung bewusst sind“, erzählt sie.

Viele Unternehmen wollten sich schlichtweg nicht mit ihrer Beeinträchtigung auseinandersetzen, obwohl betroffene Bewerber:innen sogar staatlich gefördert und Betriebe nach deren Einstellung behindertengerecht angepasst werden. „Häufig habe ich das Gefühl, dass von meiner körperlichen Behinderung automatisch darauf geschlossen wird, ich könne auch geistig nichts leisten“, bemerkt Constanze frustriert. Die ständige Abweisung deprimiere so sehr, dass sie sich inmitten ihrer aussichtslosen Lage immer öfter frage, wofür sie die ganze Zeit und Kraft eigentlich investiere. Weiter vermutet Gusek, dass einige Betriebe auch den Aufwand scheuten, der mit der behindertengerechten Umstellung einer Firma verbunden sei. „Deshalb frage ich mittlerweile immer häufiger bei Altenheimen nach, da diese ja sowieso schon über die nötigen Vorrichtungen verfügen“, erläutert die 24-Jährige. Doch auch dort endeten alle Versuche erfolglos. Im Gespräch mit dem Kreisbehindertenbeauftragten des Landkreises habe dieser ihr zu einer Umschulung geraten, die wiederum mit einem hohen Zeitaufwand verbunden wäre. „Und ob sich durch diese Umschulung dann mehr Chancen für mich eröffnen, kann mir niemand mit Sicherheit garantieren“, stellt die junge Frau fest.

 

Junge Betriebe könnten es besser machen

 

Für die Zukunft wünscht sich Constanze nicht nur mehr Kontaktpersonen, die Arbeitssuchende bei der Kommunikation mit lokalen Betrieben unterstützen und dazu ermutigen, wertfrei an Menschen mit Behinderung heranzutreten. Auch erhofft die junge Frau sich ein stärkeres Bewusstsein für Betroffene in der Gesellschaft. „Besonders junge Betriebe müssen sich mehr damit auseinandersetzen, denn gerade die haben die Möglichkeiten, um es besser zu machen“, findet sie. Am Ende ist es Sichtbarkeit, für die Constanze Gusek täglich kämpft. Denn auch, wenn viele Menschen Angst vor einem persönlichen Gespräch haben, ist es mir lieber, dass jemand etwas Unüberlegtes sagt, als am Ende gar nichts zu sagen.“


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