Ralf G. Poppe

In den Faschismus schlafwandeln

Am kommenden Montag hätte Klimaaktivistin Carla Hinrichs in Bremervörde zu Gast sein sollen. Die Veranstaltung wurde jedoch vom Veranstalter abgesagt. Es wurden zu wenige Tickets verkauft. Ralf G. Poppe hat Hinrichs daher um ein Gespräch gebeten.

Schrieb das Buch „Meine verletzte Generation“: Klimaaktivistin Carla Hinrichs.

Schrieb das Buch „Meine verletzte Generation“: Klimaaktivistin Carla Hinrichs.

Bild: Marlene Charlotte Limburg

Bremervörde. Der Tandem-Vorsitzende Andreas von Glahn betont auf Nachfrage, es handele sich bei der Absage um ein gesellschaftliches Armutszeugnis. Man sei enttäuscht und irritiert, dass so ein aktuelles Thema nicht auf Interesse gestoßen sei – es wurden lediglich neun Eintrittskarten verkauft. Allzu gern hätte man auf der Kulturbühne mit den Bremervördern und Hinrichs über ihr Buch und ihre Erfahrungen diskutiert. Es wäre sicherlich spannend geworden. Denn Carla Hinrichs ist auf ihrem Pfad zwischen Protest und ihrem Wunsch, Richterin zu werden, ins Visier der Justiz geraten.

 

Frau Hinrichs, was ist das Anliegen Ihres Buches und was hätten Sie uns in Bremervörde erzählt?

In unserer Verfassung steht, dass sie unser Leben schützen, uns auf unsere Zukunft vorbereiten sollte. Gerade ist jedoch anscheinend alles, was die Verantwortlichen in diesem Land tun, uns (jungen Menschen) die Lebensgrundlagen unter den Füßen wegzureißen. Gleichzeitig beobachte ich einen Autokratisierungsprozess, in dem Schritt für Schritt unsere demokratischen Grundrechte abgeschafft werden. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. Und das möchte ich den Menschen mitgeben. Ich glaube, in diesem Moment können wir uns noch dagegenstellen. Wenn wir es nicht tun, dann schlafwandeln wir miteinander in den Faschismus. Das wäre dramatisch. Gerade wir jungen Menschen haben keine andere Wahl als für unsere Zukunft zu kämpfen. Die wird uns nicht gegeben, die bereitet uns niemand, die legt uns niemand zu Füßen. Dieses generationelle Versprechen ist schon längst gebrochen. Wenn wir die Zukunft, die ich mir vorstelle, haben wollen, dann ist es meine Aufgabe, dass ich dafür auch einstehen und dafür kämpfen muss. Und die Konsequenzen trage.

Was soll das heißen?

Ich glaube, man muss dafür bereit sein, einen Schritt aus der Komfortzone herauszutreten. Denn vom Sofa aus wird sich nichts ändern. Das ist auch ein wenig die Absurdität meines Buches. Dass ich ein Buch geschrieben habe, dass man vielleicht gerne zu Hause liest, wenn man es sich gemütlich gemacht hat. Ich hoffe allerdings, dass „Meine verletzte Generation“ ein Buch ist, wo man am liebsten aufspringen will vom Sofa, um es in die Ecke zu werfen. Um zu sagen, let‘ s go, wir müssen etwas machen.

Mich hat die Härte, mit der Sie vom Gesetz getroffen wurden, verwundert. Ist es denn bei Straßenblockierungen nicht letztendlich egal, ob man sich festklebt oder die Wege mit Traktoren versperrt? Oder wo glauben Sie, liegt der Unterschied?

Der Unterschied ist der Traktor. Und dass die Traktorfahrer eine Lobby haben, viel näher an der Politik dran sind als junge Menschen, die altruistisch etwas für ihre Zukunft einfordern, bzw. irgendwie für alle. Die einen haben eine Lobby und kämpfen für den Erhalt ihrer eigenen Privilegien. Denen gibt man nach. Die anderen kämpfen für etwas Altruistisches, etwas für uns alle. Darauf wird skeptisch geguckt, beziehungsweise, man kriminalisiert es. Der grundlegende Unterschied ist, dass wir ein System infrage stellen. Dass wir sagen, so wie es gerade ist, das ist ein im System angelegtes Problem. In einem System, das darauf aufgebaut ist, immer weitere Ressourcen abzubauen und den Planeten auszubeuten, wird es keine Zukunft für die nächsten Generationen geben. Das stellt etwas Grundlegendes, auf dem hier alles zu fußen scheint, infrage. Das haben die Bauern nicht getan, sondern sie haben innerhalb des Systems etwas gefordert. Das unterscheidet uns. Es wird schlechter. Die Klimakrise ist Realität. Sie eskaliert vor unseren Augen. Sie ist nicht mehr aufhaltbar zu diesem Zeitpunkt. Sich nicht darauf vorzubereiten, ist eine vollkommene Verdrängung der Realität.

Was hat die Berichterstattung in der Boulevardpresse bewirkt?

Ich würde sagen, dass gerade die Springer-Presse einen sehr großen Beitrag in der Kriminalisierung unseres Protestes geleistet hat. Sie hat den Begriff Klimakleber geschaffen, wo es dann plötzlich überhaupt nicht mehr um unsere Inhalte ging, sondern nur darum, was wir machen. Die Boulevardpresse hat angefangen, uns Klimaterroristen zu nennen. Und sie hat sämtlichen Menschen eine Plattform gegeben, ihre verachtenden Kommentare über uns abzulassen. Sie hat etwas forciert, was es wahrscheinlich ohne die Springer-Presse, also mit einer neutralen Berichterstattung, so glaube ich, nicht gegeben hätte.“

War die erste Motivation, salopp gesagt, die Welt retten oder der Welt Gutes zu tun?

Für mich persönlich entstand die Motivation, als ich verstanden habe, wie groß diese Krise ist, und dass sie eben nicht irgendwann irgendwo eskaliert. Sondern jetzt hier vor unseren Augen. Dass sie meiner Oma im Sommer in ihrer Dachgeschosswohnung das Wohnen lebensbedrohlich macht. Das hat für mich dazu geführt, dass ich gar nicht anders konnte, als einzufordern, dass sich dieser Staat wenigstens an seine eigenen Gesetze hält. Ich würde sagen, das ist so die grundlegende Motivation, sich diesem endlosen Verdrängen und Auslagern von Verantwortung in den Weg zu stellen, und zu sagen, nein, hier und jetzt und heute muss was passieren. Der Staat muss sich an die eigenen Gesetze halten. Das ist immer auch ein sehr kritischer Aspekt, wenn man Personen, auch wenn es juristische Personen sind, darauf hinweist, was sie zu machen haben, an ihre eigenen Worte erinnert. Es ist so grundlegend und so simpel. Wir wollen nur, dass der Staat sich an seine eigenen Gesetze, an seine eigene Verfassung, hält! Wenn man für die Menschheit einsteht, und morgens, circa gegen sechs Uhr aufwacht, und die Polizei mit gezogener Waffe im Zimmer steht, ist das krass beängstigend.

Ist Ihr Vertrauen, in dieser Gesellschaft einen sicheren Platz zu haben, erschüttert worden?

Ja, mein Vertrauen, dass ich beschützt werde, dass ich in diesem Land sicher leben darf, dass für meine Zukunft, und nicht gegen mich geplant wird, das ist in diesem Moment massiv erschüttert. In dem Moment, in dem ich 30 Polizisten in meine Wohnung habe stürmen sehen, plötzlich in den Lauf einer Waffe blicke, in dem Moment habe ich mich gefragt, was passiert hier? Es ist eine vollkommene Umkehrung der Situation. Plötzlich stehe ich als kriminell angeklagt vor Gericht, während jene, die unsere Zukunft zerstören, einfach davonkommen. Man nennt das das Kreieren einer In-Group und einer Out-Group. Das ist eine strategische Taktik, um zu sagen, es gibt gute und schlechte Bürger. Es ging in diesem Moment anscheinend darum, dass ich eine schlechte Bürgerin bin, und darum, dafür zu sorgen, mich an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Mein Mitbewohner ist in dem Zuge ausgezogen, weil er das Verhältnis zu mir nicht mehr tragen konnte. Das isoliert mich. Ich hatte das große Glück, dass ich in meiner Wohnung bleiben durfte, weil meine Vermieterin das Geschehen ebenso als ungerecht empfunden hat.

Wie sehen Ihre Eltern das Geschehen?

Meine Eltern sind, glaube ich, durch das, was ich tue, ziemlich politisch geworden. Weil sie verstanden haben, hier geht wirklich etwas massiv schief. Mein Vater ist Ingenieur. Er hat, glaube ich, immer darauf vertraut, dass wir das mit der Klimakrise technisch lösen werden. Als er dann auch über meinen Protest verstanden hat, dass es nicht um technische Lösungen geht, sondern darum, dass politisch gerade kein Wille dafür da ist, das hat meine Eltern ziemlich geschmerzt. Sie machen sich um mich persönlich Sorgen. Ich würde aber sagen, sie machen sich um die Zukunft viel, viel mehr Sorgen.

Ihr Wunsch, als Richterin arbeiten zu dürfen, wird wohl nicht mehr in Erfüllung gehen?

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich doch noch Richterin werde, und sich mein Traum, einmal im Gerichtssaal für Gerechtigkeit einstehen zu können, erfüllt. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich genau an der richtigen Stelle bin. Ich stelle mich da in den Weg, wo es weh tut. Ich zeige das auf, was gerade notwendig ist. Und ich fühle mich darin wahrhaftig, was ich tue. Was ich mir mit dem Richterberuf einmal gewünscht habe, nämlich für Gerechtigkeit einstehen zu können, das kann ich mit dem, was ich heute tue, viel besser erreichen.

 

Tickets für die Lesung „Meine verletzte Generation – Wie der Staat uns alle verrät“, werden dort erstattet, wo sie gekauft wurden.


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