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Amelie Nobel

Hürden in der Pflege

Personalmangel und Bürokratie erschweren den Pflegealltag. Bei Gutskinderpflege trotzt man den Widerständen, stellt aber auch Forderungen an die Politik.

Leiterin Michelle Hanschen und ihr Team haben es sich zur Aufgabe gemacht schwerstkranken Kindern in der Häuslichkeit zu pflegen, um ihnen soziale Teilhabe und Inklusion zu ermöglichen.

Leiterin Michelle Hanschen und ihr Team haben es sich zur Aufgabe gemacht schwerstkranken Kindern in der Häuslichkeit zu pflegen, um ihnen soziale Teilhabe und Inklusion zu ermöglichen.

Lilienthal.GutsKinderPflege hat es sich zur Aufgabe gemacht schwerstkranke Kinder in der Häuslichkeit zu pflegen, um ihnen soziale Teilhabe und Inklusion zu ermöglichen. So wird das Kinderzimmer zu einer Art Intensivstation. Das Pflegen in der Häuslichkeit hat den Vorteil, dass die Kinder trotzdem zur Schule gehen und an Freizeitaktivitäten der Familie teilnehmen können, weil ständig eine pflegerische Kraft vor Ort ist.

An erster Stelle stehen dabei die Kinder. Aktuell sind alle Kinder, die betreut werden, im schulpflichtigen Alter und leiden seit ihrer Geburt an Krankheiten wie Epilepsie, Herz- und Lungenerkrankungen, Sauerstoffmangel oder Entwicklungsverzögerungen.

 

Eine echte Herzensangelegenheit

 

Für die Pflegedienstleiterin Michelle Hanschen ist ihr Job eine echte Herzensangelegenheit. Das Schönste seien die strahlenden Kinderaugen und die Erleichterung der Eltern. Es sei keine Seltenheit, dass Eltern durch die Hilfe des Pflegepersonals das erste Mal nach Jahren mal wieder einen Abend für sich hätten. Zudem sei es ihr Motivation, die besten Arbeitsbedingungen für die Pflegenden zu schaffen. Dies sei auch bei der Gründung mit das Ziel gewesen: nicht nur die Familien und Kinder glücklich zu machen, sondern auch die Bedingungen für das Personal so zu gestalten, dass es in der Pflege bleibt.

 

Bürokratische Hürden

 

Eine große Herausforderung sei es, dass die Gewinnung von Kollegen und Kolleginnen aus dem Ausland so schwierig gemacht werde, so Hanschen. Fachkräfte aus der Ukraine dürfen ohne Anerkennung in Deutschland als Pflegefachkräfte arbeiten, für Bewerber:innen aus anderen Ländern wie z.B. der Türkei ist das nicht möglich. Diese müssen erst eine 6-monatige kostspielige Anerkennung erwerben, Deutsch auf B2 Niveau erlernen und überhaupt einen Platz an einer Schule bekommen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Dies erschwere und verzögere das Arbeiten in Deutschland.

Ein weitere große bürokratische Hürde und Herausforderung ist die Generalisierung der Pflegeausbildung. Seit dem 1. Januar 2020 sind die neuen Ausbildungen zur Pflegefachfrau und zum Pflegefachmann gestartet, damit sind die Berufsausbildungen der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege und der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege zusammengeführt worden. Was als Vereinfachung gedacht ist, führt zu neuen Problemen.

Laut Michelle Hanschen sei vor allem ein Mangel an Qualifikation zu merken. Es sei einfach nicht möglich drei verschiedene Berufe in einen Beruf zu packen. Die Qualität am Bett lasse dadurch nach. So komme es z.B. dazu, dass unqualifiziertes Personal überall eingesetzt werden kann oder dass Examenschüler:innen, die die generalisierte Ausbildung absolviert haben mit sehr unterschiedlichem Wissen in den Beruf einsteigen. Viele Kräfte aus der Altenpflege wechseln außerdem zur Pflege ins Krankenhaus, da die Bezahlung attraktiver ist. So habe die Generalisierung nicht entbürokratisiert, sondern habe den bürokratischen Aufwand noch größer gemacht, da durch die Neuerung zahlreiche neue Gesetze in Kraft getreten seien, so Hanschen.

Neben dem Anerkennungsverfahren und der Generalisierung der Ausbildung erlebt Michelle Hanschen die administrativen Aufgaben in der Pflege, die Dokumentationspflichten, sowie langwierige Genehmigungsverfahren für Leistungen in der Pflege als weitere Hürden.

 

Wünsche an die Politik

 

Um das Arbeiten in der Pflege attraktiv zu machen, weil es eigentlich ein sehr schöner und unglaublich wichtiger Beruf sei, hat Michelle Hanschen viele Ideen. Zum einen sei eine Erleichterung der Bürokratie notwendig. Hierbei seien insbesondere barrierefreie Anträge wichtig, weil die Antragsstellung für Leistungen in der Pflege selbst für Menschen ohne Sprachbarriere eine große Herausforderung ist.

Ein weiteres wichtiges Anliegen sei außerdem „gelebte Inklusion“. Das fange bei barrierefreien Gehwegen, behindertengerechten Behindertentoiletten in Niedersachsen, oder auch mehr Sichtbarkeit von Kindern mit Pflegegrad an. Für die Arbeitsbedingungen in der Pflege würde Hanschen sich höhere Pflegeschlüssel und eine Anpassung des Arbeitszeitschutzgesetzes wünschen. Denn es sei immer noch in vielen stationären Institutionen üblich, dass Pflegefachkräfte zwölf Tage am Stück arbeiten. Bei GutsKinderPflege arbeiten die Pflegekräfte maximal 4 Tage am Stück.

 

Wertschätzung in der Praxis

 

Um den Beruf attraktiver zu machen, sei auch ein viel größeres Maß an Wertschätzung erforderlich. Viele würden nicht verstehen, dass sie in der Pflege arbeite. Der Beruf würde trotz der hohen Verantwortung, die die Pflegefachkräfte tragen, viel zu gering angesehen werden, so Hanschen. Eine kleine Hoffnung bestehe für sie darin, dass sich durch die Akademisierung des Berufes die Wertschätzung in der Gesellschaft verbessere.

Aber feststehe, dass sich eine wirkliche Wertschätzung in der Politik und in der Gesellschaft erst durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege zeigen würde, so Michelle Hanschen. Und diese müssen erfolgen, um langfristig das Arbeiten in der Pflege attraktiv zu machen.


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