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Monika Hahn

Gesellschaft ohne Sicherheit

Interviewreihe zu Psyche, Gesellschaft und Krise -  Teil II

"Der tatsächlich oft inflationäre Gebrauch des Trauma-Begriffs schadet der Debatte um psychische Gesundheit sehr." -
Monika Hahn hat ein Interview mit dem Psychologen Klaus Henner Spierling und dem Sozialpädagogen und Sozialarbeiter Andreas von Glahn geführt.

"Der tatsächlich oft inflationäre Gebrauch des Trauma-Begriffs schadet der Debatte um psychische Gesundheit sehr." - Monika Hahn hat ein Interview mit dem Psychologen Klaus Henner Spierling und dem Sozialpädagogen und Sozialarbeiter Andreas von Glahn geführt.

Das Thema psychische Gesundheit erfährt aktuell viel Öffentlichkeit - die Europäische Union hat 2023 zum Jahr der psychischen Gesundheit erklärt. Also genau das Jahr, indem sich die Gesellschaft in einer tiefen Krise befindet und psychische Erkrankungen vermehrt registriert werden. Zum Zusammenhang von Psyche und krisenhafter Gesellschaft hat Monika Hahn ein Interview mit dem Psychologen Klaus Henner Spierling und dem Sozialpädagogen und Sozialarbeiter Andreas von Glahn geführt, das wir in mehreren Teilen abdrucken. Dieser zweite Teil behandelte die Frage: Was psychische Gesundheit ist und wie kann sie gefährdet werden. Im zweiten Teil fragen wird nach Kausalzusammenhängen zwischen gesellschaftlichen und persönlichen Krisen.

 

2022 sorgten die Veröffentlichungen mehrerer Studien zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen für viel Aufsehen: Bekannt ist, dass insbesondere aufgrund der sozialen Isolation während der Corona-Maßnahmen psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen inzwischen vermehrt auftreten. Teilen Sie diese Beobachtungen und welche charakteristischen Leiden haben Betroffene?

 

Spierling: So pauschal kann ich das aus meinem eigenen Erleben nicht bestätigen, wenngleich ich die Zahlen kenne und von vielen Kolleg:innen weiß, deren ohnehin lange Wartezeiten sich nach der Pandemie noch einmal verlängert haben. Beobachtet habe ich, dass das Wegbrechen vieler Gruppenangebote sich für viele Familien belastend ausgewirkt haben. Hinsichtlich der schulischen Situation wie auch des Alltagslebens scheint mir eine soziale Schere weiter aufgegangen zu sein: Dort wo elterliche Unterstützung möglich war, klappte in der Regel auch das Home-Schooling besser.

Wenn ein eigener Garten verfügbar ist, dann wirken sich die Belastungen anders aus als in einem beengten Berliner Plattenbau. Anders herum war der Rückzug ins private für manche auch zumindest vorübergehend entlastend, so etwa bei Kindern und Jugendlichen die von Mobbingerfahrungen an der Schule berichtet haben. Gerade diesen Familien fällt nun aber die Rückkehr in den nicht mehr gewohnten Alltag besonders schwer. Führen wir uns vor Augen: Es gibt aktuell viele Kinder im zweiten und dritten Schuljahr, die gerade erst jetzt unser klassisches Schulsystem kennenlernen.

 

Von Glahn: Erweitern wir das auf die Erwachsenen, erlebten auch wir mit unseren aufsuchenden Hilfsangeboten, dass die Beziehungen sehr brüchig wurden. Die Betroffenen zeigten zwar überwiegend Verständnis für unsere Situation – z. B., wenn aufgrund erkrankter Mitarbeiter ein unbekanntes Gesicht vor der Tür stand – dennoch war ihnen wenig geholfen, wenn wir erkennbar von einem Termin zum nächsten eilten. Wir haben recht schnell gemerkt, dass hier eine hohe Gefahr des Beziehungsabbruchs bestand, den wir unter riesigem Kraftaufwand vermieden haben. Auch an Menschen, die Termine abgesagt haben, blieben wir dran, um die Beziehung aufrecht zu erhalten. Dank unseres gut vernetzten Systems aus Begegnungsstätten und Beschäftigungsgesellschaft ist uns dies im Raum Bremervörde auch gelungen. Das ist Kern unserer Aufgabe: Wie gestalten wir gesellschaftliche Teilhabe im Alltag der Menschen. Da reicht es meist leider nicht, einfach Bedürftigen mehr Geld in die Hand zu drücken.

Die Corona-Pandemie war ja nur ein möglicher Auslöser unter aktuell vielen von Niedergeschlagenheit und Weltschmerz. Inwiefern wirkt sich das aktuelle Nachrichtengeschehen auf die Häufigkeit und das Beschwerdebild psychisch erkrankter Menschen aus?

 

Spierling: Ich würde aus meiner Erfahrung heraus nicht bestätigen, dass es dadurch tatsächlich zu mehr Neuerkrankungen kommt. In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erlebe ich, dass Sorgen bezogen auf das Klima und die Zukunft, teilweise auch Kriegsängste und die Sorge vor Umweltkatastrophen eine größere Rolle spielen. Das sehe ich aber eher in dem Zusammenhang des von Ihnen angesprochenen „Weltschmerzes“, der im besten Fall durchaus produktiv sein kann. Das chinesische Schriftzeichen für Krise soll, wie ich mir einmal erklären ließ, gleichzeitig für „Chance“ stehen.

 

Sind psychische Leiden heute ein Massenphänomen und lassen sich die Betroffenen anhand von Beruf, Alter, Wohlstand oder Familienstand eingruppieren?

 

Spierling: Ob psychische Erkrankungen tatsächlich zugenommen haben wird kontrovers diskutiert. Sicherlich sind die Möglichkeiten der Diagnostik und der Zugang zu Hilfsangeboten über die Jahre besser geworden, zudem auch das gesellschaftliche Klima, in dem psychische Leiden thematisiert werden können – auch wenn das ein langer und komplizierter Prozess ist. Generell gilt, dass psychische Erkrankungen jeden treffen können. Einsamkeit, geringe soziale Unterstützung und auch Armut gehören ganz allgemein zu Risikofaktoren – aber es gibt hier keine festen Schubladen oder Eingruppierungen.

 

Von Glahn: Durch die Sozialgesetzgebung der vergangenen Jahre ist ein enormer sozialer Abstieg durch z. B. Jobverlust in nur einem halben Jahr möglich. Die Sicherheit, die eine Zugehörigkeit im Mittelstand einst bot, ist nicht mehr vorhanden. Das verunsichert die Menschen und drückt die Stimmung.

 

Spierling: Und wenn Eltern verunsichert sind, erleben das auch deren Kinder.

 

Ein anderer Begriff, der zunehmend in die den gesellschaftlichen Diskurs Einzug erhält, ist der des Traumas. Nicht zuletzt wird in den Sozialen Medien vermehrt von „traumatischen Erfahrungen“ gesprochen, vor Berichten über psychische oder körperliche Gewalt werden sogenannte Triggerwarnungen abgesetzt. Aber Was ist eigentlich ein Trauma?

 

Spierling: Ein Trauma (griech.: Wunde) ist ein belastendes Ereignis oder eine Situation, die von der betreffenden Person nicht bewältigt und verarbeitet werden kann. Es ist oft Resultat von Gewalteinwirkung – sowohl physischer wie psychischer Natur. Bildhaft lässt es sich als eine „seelische Verletzung“ verstehen. Wir unterscheiden dabei noch zwischen einmaliger oder andauernder Belastung, sowie von Menschen herbeigeführte oder durch Unfälle verursachte Belastungen.

Die wiederholten und von Menschen gemachten Belastungssituationen sind dabei die für die Psyche schädlichsten. Diese Dinge überfordern uns und gehen mit massiven Gefühlen der Bedrohung und Überwältigung einher. Solche traumatischen Erlebnisse sind nicht selten und sehr ernst zu nehmen.

 

Von Glahn: Bei traumatisierten Menschen sprechen wir fast immer von massiver Gewalt, die zum Teil auch im frühen Kindesalter erlebt wurde. Diese Menschen benötigen höchst individuelle Unterstützung z. B. im betreuten Wohnen oder in der Eingliederungshilfe.

 

Und ist diese Entwicklung, dass allgegenwärtig über Traumata gesprochen wird begrüßenswert oder eine Inflation des Begriffs?

 

Der tatsächlich oft inflationäre Gebrauch des Trauma-Begriffs schadet der Debatte um psychische Gesundheit sehr. Wenn ich höre, dass ich durch einen Stau auf dem Weg zur Arbeit ein „Mikrotrauma“ erleben kann, dann ist das ein Weg, auf dem der Begriff jede Bedeutung verliert. Außerdem entwickeln längst nicht alle Menschen nach einem Trauma auch eine Traumafolgestörung. Dies geschieht bei ca. einem Drittel der Menschen mit traumatischen Erfahrungen.

Ich wünsche mir im Bereich der frühkindlichen Entwicklung einen sensiblen Blick auf mögliche Entwicklungstraumatisierungen, wenn grundlegende Bedürfnisse über einen langen Zeitraum nicht ausreichend erfüllt werden – auch wenn einschneidende Erlebnisse im obigen Sinne vielleicht ausbleiben. Das bedeutet auch, dass wir einen feinfühligen Umgang mit den Eltern pflegen und ihnen Unterstützung zukommen lassen müssen. Aus Erfahrung wissen wir: Frühe Hilfen lohnen sich gesellschaftlich und wirtschaftlich.

Wir sollten uns im Alltag angewöhnen, nur für diese schweren Belastungszustände den Traumabegriff zu verwenden. Gleichzeitig wünsche ich mir mehr Raum für das Thema frühkindlicher Entwicklungstraumata.

 


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