Felix Michaelis

From Campus to the sea

Das Gedenken der Opfer an den Nationalsozialismus sieht sich einem weltweit erstarkenden Antisemitismus gegenüber. Unter anderem gedeiht er auch an Universitäten. Felix Michaelis schildert seine persönlichen Erfahrungen.

Unser Auto ging in Lilienthal zur Schule. Er schreibt über die AfD, Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Fußball. Seine Familie hat jüdische Wurzeln.

Unser Auto ging in Lilienthal zur Schule. Er schreibt über die AfD, Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Fußball. Seine Familie hat jüdische Wurzeln.

Bild: Femi

Den Montag nach dem 7. Oktober 2023 hoffte ich, meine Gedanken über den Angriff der Hamas mit Freunden teilen zu können. Als ich meinen damaligen Sitznachbarn in der Schule auf die Bilder aus Israel ansprach, entgegnete er nur erzürnt: „Sie sind doch viel schlimmer!“ Wegen der israelischen Siedler sei der Terrorangriff letztlich selbst verschuldet.

Seither ist mein Freundeskreis größtenteils entpolitisiert – zumindest, was den Nahostkonflikt betrifft. Zeichnete sich mein Bekanntenkreis zuvor durch vermeintlich linke emanzipatorische Positionen aus, sprachen die meisten in meinem Umfeld schon kurz nach dem 7.10. von Israel als „Aggressor“ und bald auch von „Zios“ (Abkürzung für Zionisten, in dem Kontext eine antisemitische Chiffre), die einen angeblichen – bislang nicht nachgewiesenen – „Genozid“ unterstützen würden.

Von den wahllos getöteten Zivilisten, den Massenfemiziden und -vergewaltigungen der Hamas am 7.10. kam nie auch nur ein Wort. Ein Freund kehrte mir gar vollends den Rücken und brach auf gleich den Kontakt ab, nachdem ich Greta Thunberg als Antisemitin bezeichnete. Erstmals stand ich unter dem schweren Verdacht, israelsolidarisch zu sein – eine Haltung, die unter Linken eher weniger populär ist.

Wohlfühloase Studium?

In der WhatsApp-Gruppe meines Studiengangs wurden wiederholt Aufrufe zu israelfeindlichen Kundgebungen geteilt. Ein Aufruf zu einer Demo kurz vor dem 7. Oktober 2025 sprach von einem angeblichen „Überfall“ auf die von der IDF bestens versorgte Flotte um Greta Thunberg. Als ich in der Gruppe auf die rhetorische Verharmlosung hinwies – auch mit Blick auf den unmittelbar bevorstehenden Jahrestag des 7. Oktober –, schlug mir feindlicher Widerspruch entgegen. Wie ich es wagen könne, Thunbergs wagemutigen Einsatz angesichts eines „Genozids“ zu kritisieren? Einem Kommilitonen blieb nichts anderes übrig, mich als „antideutsch“ zu markieren. Eigentlich eine linke Strömung, die linke Irrwege und als „deutsch“ kritisiert, was den NS und die Shoah ermöglichte und sich solidarisch zu Israel bekennt. Für Israelhasser ist „antideutsch“ aber gleichbedeutend mit rassistisch, faschistisch oder „hyperdeutsch“.

Dass diese Markierung gefährlich sein konnte, wusste ich. Sie legitimiert für antizionistische Aktivisten die Anwendung körperlicher Gewalt. Der jüdische, israelsolidarische Studente Lahav Shapira wurde deshalb brutal zusammengeschlagen. Das machte mir – das macht mir Angst. Auf den Rückhalt von Kommilitonen oder dem ebenfalls in der Gruppe vertretenden Studiengangsausschuss konnte ich nicht zählen. Man wollte schließlich, dass sich alle wohlfühlen.

Als das Studium dann losging, verschärfte sich mein Verdacht. Als ich einer Kufiya-tragenden Kommilitonin erzählte, dass ich demnächst gerne in Israel Urlaub machen würde, entgegnete sie mir wütend: „Israel?! Der Genozid ist dir bewusst, oder?“ Und für den – so die Logik hinter der meinen Urlaub skandalisierenden – Frage soll anscheinend die gesamte israelische Bevölkerung verantwortlich sein. Auch jene, die z.B. gegen den Netanyahus-Kabinett und den Krieg demostrieren. Während man geflissentlich zwischen Hamas und einer palästinensischen Zivilbevölkerung unterscheidet – obwohl Zivilisten sich am Genozid am 7. Oktober, den Kriegsverbrechen und der Geiselnahme beteiligten – nimmt man die Juden in ideelle Sippenhaftung. Basic antisemitisch.

Das ist Hass, keine Kritik. Entsprechend sollte man auch die „free Palestine“ oder „from the River to the Sea“ Sticker verstehen – als moralisch verklärte Bekundung des eigenen Judenhasses.

Antisemitismus an der Uni Bremen

Meine Erfahrungen decken sich mit denen anderer Studenten der Universität Bremen: Am 8. Mai 2024, dem Gedenktag zur Befreiung vom Nationalsozialismus, besetzten vorgeblich pro-palästinensische Studenten die Universität Bremen und skandierten antisemitische Vernichtungsparolen wie „From the River to the Sea, Palestine will be free“ oder „Yalla Intifada“. Knapp ein Jahr später hauste das „Handala-Camp“ – eine Gruppe, die kürzlich nach Leipzig einlud, Zios zu jagen und ihnen Gewalt anzutun – für mehrere Tage auf dem Universitätscampus. Das Programm: Geschichtsrevisionismus, Hamas-Symbolik, Holocaustrelativierung und Werbung für die antisemitische BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestition, Sanktionen), die an die NS-Parole „Kauft nicht bei Juden“ erinnert. Alles unter großem Zulauf linker Studenten und nicht selten vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) unterstützt. Die Universitätsführung schaute bloß zu und stellte sich taub gegenüber jüdischen Studierenden.

Der Verband Jüdischer Studierender Nord formulierte im Anschluss an eine Sitzung des akademischen Senats der Universität, wo es um die geschilderten Probleme vor Ort gehen sollte, in seiner Stellungnahme: „Lange glaubten wir, gehört zu werden. Lange glaubten wir, die Universität wolle Verantwortung übernehmen. Wir haben uns getäuscht. […] Wenn die Universität Bremen keinen Mut zeigt, Antisemitismus klar zu benennen, dann schützt sie ihn.“

Es ist erschütternd. Nach nur kurzer Freude über meinen Studienbeginn lernte ich die Uni nicht als Institution des freien Geistes, sondern als einen Ort kennen, wo der antisemitische Ungeist sich ausbreitet.

Antisemitischer Normalzustand

Jetzt zum Jahrestag der Opfer des Nationalsozialismus werden wieder überall warnend die Zahlen über das Anwachsen des Antisemitismus genannt. An der Uni kann man leider konkret und verängstigend erleben, was diese Zahlen bedeuten. Es wächst eine Generation heran, in der Antisemitismus wieder spürbar Raum gewinnt. Die meisten Hochschulen reagieren auf diese Entwicklung zurückhaltend oder gar nicht – ein fatales Zeichen.

Ich habe das Privileg, in meiner Heimat studieren zu können, wo ich einen festen Freundeskreis habe. Dennoch merke ich, wie isolierend die Lage an der Uni ist. Umso bedrückender ist die Vorstellung, was jüdische und israelsolidarische Studenten seit dem 7.10 durchleben, die nicht in ihrer Heimat studieren. Gerade deshalb bleibt es wichtig dagegenzuhalten, zu widersprechen. Auch um jenen, die sich den Widerspruch aus Angst nicht zutrauen, das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.


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