

Sandbostel. Sucht man Holocaust auf Instagram, informiert einen die App, dass der Holocaust die „gezielte Verfolgung und Ermordung von 6 Millionen Juden und bestimmten anderen Bevölkerungsgruppe durch die Nazis“ war.
Unter dem Infotext werden Posts und Videos angezeigt. Das erste Video mit 440.000 Views und 40.000 Likes stammt von dem Account resist_in_peace mit Palästinaflagge, das mit vermeintlich historischen Aufnahmen, Dokumenten und Dokumentationen belegen will, dass nicht nur die Zahl von sechs Millionen übertrieben sei, sondern dass Vergasungen nicht stattgefunden hätten. Es seien letztlich 270.000 Juden gestorben, weil die Deutschen vergaßen, sie mit Essen in den Konzentrationslagern zu versorgen, bevor sie vor den Alliierten flüchteten.
Angesichts solcher aber auch weitaus subtileren Geschichtsverfälschungen in den Sozialen Medien haben die Gedenkstätte Lager Sandbostel und zahlreiche weitere Gedenk- und Bildungseinrichtungen einen offenen Brief verfasst, der sich gegen die zunehmende Verbreitung KI-generierter Holocaust-Verfälschungen in sozialen Medien richtet. Der Brief wurde am 13. Januar 2026 veröffentlicht und richtet sich an die Betreiber großer Plattformen wie Instagram, Facebook oder TikTok.
Aus Sicht der Unterzeichner nehmen sogenannte „AI-Slop“-Inhalte seit Monaten stark zu. Gemeint sind massenhaft produzierte Bilder und Videos, die mit Hilfe Künstlicher Intelligenz scheinbar historische Szenen aus Konzentrations- und Kriegsgefangenenlagern darstellen, tatsächlich jedoch frei erfunden sind. Diese Inhalte vermittelten ein verzerrtes, emotional aufgeladenes und historisch falsches Bild des nationalsozialistischen Terrors.
Emotionalisierung statt historischer Wahrheit
Konkret kritisieren die Einrichtungen Darstellungen, die etwa angebliche Wiedersehen zwischen Häftlingen und Befreiern zeigen oder erfundene Szenen leidender Kinder hinter Stacheldraht inszenieren. Solche Bilder setzten sich aus Versatzstücken realer Geschichte und fiktionalen Elementen zusammen und wirkten dadurch besonders glaubwürdig.
Nach Einschätzung der Unterzeichner verfolgen die Urheber unterschiedliche Motive. Einerseits nutzten Content-Farmen die emotionale Wucht des Holocaust gezielt aus, um mit geringem Aufwand Reichweite, Klicks und Werbeeinnahmen zu erzielen. Andererseits würden KI-Inhalte auch bewusst eingesetzt, um historische Fakten zu verwässern, Täter- und Opferrollen zu verschieben oder revisionistische Narrative zu verbreiten. Die Logik der Plattform-Algorithmen verstärke diesen Effekt, da emotionalisierende Inhalte bevorzugt ausgespielt würden – unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt.
Folgen für Gedenkstättenarbeit
Die Gedenkstätten und Archive sehen dadurch ihre Arbeit massiv bedroht. KI-generierte Falschdarstellungen führten zu Verharmlosung und Verkitschung des Holocaust und veränderten zugleich die Sehgewohnheiten der Nutzerinnen und Nutzer. Diese begännen zunehmend, auch authentische historische Fotografien, Filme oder Zeitzeugenberichte anzuzweifeln.
Mit jedem dieser Beiträge werde die jahrzehntelange Arbeit von Gedenkstätten, Museen und Forschungseinrichtungen entwertet und deren Glaubwürdigkeit untergraben, heißt es in dem Schreiben. Besonders problematisch sei zudem, dass Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung und ihre Nachkommen erneut instrumentalisiert würden – diesmal für digitale Geschäftsmodelle und politische Verzerrungen
Forderungen an die Plattformbetreiber
Der offene Brief enthält einen klaren Forderungskatalog an die Betreiber sozialer Netzwerke. Diese müssten proaktiv gegen geschichtsverfälschende KI-Inhalte vorgehen und nicht erst nach Nutzerhinweisen reagieren. Entsprechende Beiträge sollten eindeutig als Fehlinformation meldbar sein. Konten, die solche Inhalte verbreiten, seien von Monetarisierungsprogrammen auszuschließen.
Darüber hinaus verlangen die Unterzeichner eine ausnahmslose Kennzeichnung KI-generierter Inhalte sowie deren Entfernung bei Verstößen. Zudem fordern sie eine engere Zusammenarbeit der Plattformen mit Gedenkstätten, Archiven und Expertinnen und Experten, um Erkennungssysteme für Holocaust-bezogene Desinformation zu verbessern.
Kein Nein zur digitalen Vermittlung
Gleichzeitig stellen die Einrichtungen klar, dass sie digitale Formen des Gedenkens und der Vermittlung nicht grundsätzlich ablehnen. Auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz könne in der historisch-politischen Bildungsarbeit sinnvoll sein. Entscheidend sei jedoch, verbindliche ethische und historische Standards zu entwickeln.
Mit der Unterzeichnung des offenen Briefes macht auch die Gedenkstätte Lager Sandbostel deutlich, dass Erinnerungskultur im digitalen Raum nicht dem freien Spiel von Algorithmen und Klickökonomie überlassen werden darf. Die Verantwortung für den Schutz historischer Wahrheit liege nicht zuletzt bei den Plattformbetreibern selbst.



