Patrick Viol

Faktisch barbarisch

Der Dokumentarfilm „Kein Land für Niemand“ zeigt die Abschottung Europas gegenüber Geflüchteten als Politikvermeidung. Benjamin Moldenhauer hat ihn gesehen und empfiehlt, ihn in Ritterhuder Lichtspielen zu sehen.
Verzweiflung, Hoffnung, Angst und Tod: Die Szenen des Sterbens im Mittelmeer bilden das Zentrum des Films.

Verzweiflung, Hoffnung, Angst und Tod: Die Szenen des Sterbens im Mittelmeer bilden das Zentrum des Films.

Bild: Adobestock

Es gibt eigentlich nichts, was Menschen in diesem Land so sehr in Wallung bringt wie die Themen Asyl und Migration. Die Einigkeit, mit der eigentlich alle Parteien rechts von den Grünen davon ausgehen oder zumindest so tun, als wären Geflüchtete die Ursache der wesentlichen politischen Probleme und ihr Wegmachen durch massenhafte Abschiebung somit eine Lösung für irgendwas, hat etwas Gespenstisches.

Der Dokumentarfilm „Kein Land für Niemand“ der Regisseure Max Ahrens und Maik Lüdemann geht das Problem in einem ersten Schritt von den Rändern an. Von den Außengrenzen Europas nämlich, an denen Boote des EU-Grenzschutzes und nationale Küstenwachen patrouillieren und versuchen, Flüchtlingsboote wieder zurückzudrängen. Die Kamera begleitet eine Rettungsaktion der NGO Sea-Eye. Menschen werden von einem maroden, überfüllten Schlauchboot auf das Deck des NGO-Schiffes rübergeholt. Die Szenen auf See, aus der Überwachungskamera- oder aus der Vogelperspektive gefilmt, sind nüchtern aufzeichnend; allein ein immer wieder einsetzender Soundtrack aus monoton dröhnenden, statischen Geräuschen unterstreicht das Beklemmungsgefühl, das sich beim Sehen von „Kein Land für Niemand“ bald einstellt.

Und das dann auch bleibt. Die Bilder werden immer wieder aufs Meer zurückkehren, die Szenen des Sterbens im Mittelmeer bilden sozusagen das Zentrum des Films. Von hier aus montieren Ahrens und Lüdemann verschiedene Stimmen: Migrationsforscher und Publizisten, Politiker, die Brandreden zur Verschärfung des Asylrechts halten, Seenotretter und die Stimmen von Menschen, die aus ihrem Herkunftsland geflohen sind.

Eine keineswegs neutrale Bestandsaufnahme

„Kein Land für Niemand“ verfährt zehn Jahre nach der sogenannten Flüchtlingswelle von 2015 nicht neutral, sondern baut seine Bestandsaufnahme so, dass sie zugleich als moralische Anklage und Analyse eines politischen Versagens verstanden werden soll. Auf der ersten Ebene sprechen die Aufnahmen der Seenotrettung für sich. Ein Boot der Küstenwache vor Griechenland bedrängt ein überfülltes Schlauchboot, die Insassen halten ein Baby hoch, eine Bitte um Gnade. Diese Bilder werden mit den Reden von Politikern zusammengebracht, die sprechen, als sei die Asylfrage eine Frage des Überlebens der deutschen Nation. Die Idee lautet demonstrative Abschreckung, um, wie ein CDU-Politiker erklärt, die Wählerinnen und Wähler der AfD zurückzugewinnen.

Der Film ist zum einen eine Dokumentation, jede Position kommt zu Wort. Und zugleich ist er ein Interventionsversuch, indem er klar Position bezieht. Probleme, die nicht mehr unmittelbar mit rassistisch befeuerten Abschottungsversuchen erklärbar sind, sondern durchaus real sind, sind nicht so sehr sein Thema. Vertreter von mehr als der Hälfte der Kommunen sagen, sie fühlten sich durch den Aufwand, den die Aufnahme von Geflüchteten für sie bedeutet, nicht überfordert, erklärt zum Beispiel ein Zwischentitel. Was aber im Umkehrschluss heißt, dass fast die Hälfte der Kommunen dies eben doch tut.

Die Linie, die sich in der Zusammenschau der Interviews ergibt, ist klar. Jede Schikane wie zum Beispiel die Geldkarte für Geflüchtete, die verhindern soll, dass Geld an die Familien im Herkunftsland geschickt wird, wird mit einer Gegenrede beantwortet, die klarmachen soll, dass die weitgehende Abschaffung des Asylrechts nicht nur für die direkt Betroffenen, sondern auch für die europäische und deutsche Wirtschaftslage fatal ist. Es herrscht Arbeitskräftemangel, und anstatt dass das Kapital Migration nutzen (also ausbeuten) würde, werden Geflüchtete als Sündenböcke gebraucht, um von tatsächlichen Problemen abzulenken. Dabei wären zumindest laut den interviewten Migrationsforschern die realen Probleme, die mit Migration potenziell verbunden sind, bearbeitbar und lösbar. Wenn man sie denn angehen und nicht instrumentalisieren würde.

Die Passagen, in denen die Sündenbockfunktion in den Reden von Politiken wie Friedrich Merz oder Christian Lindner unüberhörbar wird, sind die argumentativ stärksten des Films.

Die Verschiebung der Probleme

Das ist noch einmal ein anderer Punkt als der Beleg, dass die Praxis der Abschreckung, die Illegalisierung von privat organisierter Seenotrettung und das mit beidem verbundene Sterben faktisch barbarisch ist. Die Mieten explodieren, die Welt heizt sich auf, die Kriegsgefahr wächst, die Inflation geht durch die Decke. Und alle reden ununterbrochen davon, wie Flüchtlinge die Welt, wie wir sie kannten, ruinieren würden. Das Bestürzende an den Reden der Politiker, die die Migrationsfrage in diesem Sinne für sich nutzen, ist, dass es funktioniert. Menschen, die für ihre eigenen Interessen kämpfen könnten, glauben ernsthaft, dass es nicht-deutsche Menschen wären, die ursächlich für ihre Probleme sind.

„Kein Land für Niemand“ setzt diesen Zusammenhang konsequent ins Bild. Der hummeldumme Triumph über jede neue Sanktion, jede Einreiseerschwernis. Und es ändert sich nichts an der eigenen Lage. Den Menschen, denen immerhin noch eine Gruppe zum Drauftreten geschenkt wird, würde es, auch wenn der letzte Geflüchtete ertrunken ist, genauso gehen wie jetzt. Das „für niemand“ des Filmtitels schließt dann auch alle mit ein. Die Fremden wie die Einheimischen. Die politische Instrumentalisierung von Xenophobie, Ressentiment und Rassismus, das Untertanendenken, das sie ermöglicht, und das alles vor dem Hintergrund von Zehntausenden ertrunkenen Menschen kurz vor den Grenzen Europas ist das eigentlich Bestürzende an diesem Film.

 

Der Film läuft am Dienstag, 14. und Mittwoch, 15. April um 20.00 Uhr.


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