ek

Emma Sadowski feierte 100. Geburtstag

Wallhöfen (ek). Emma Sadowski hätte bestimmt viel zu erzählen aus ihrem nun bereits hundert Jahre währenden Leben. Da wären vielleicht Kindheitserinnerungen aus ihrer ostpreußischen Heimat Goldap, vielleicht Geschichten von ihrem Ehemann Adam, Anekdoten von ihren Kindern. Eine Geschichte voller Abschied, Mut, Liebe und Tod hat diese alte Frau, die heute bald ausschließlich in ihrem Pflegebett liegt und in ihrer Demenz von ihrem Sohn Alfred und der „besten“ Nachbarin Helga Wendelken gepflegt wird.
Bilder
Emma Sadowski feierte am 4. November ihren 100. Geburtstag mit Kindern und Enkelkindern und mit ihrer Nachbarin Helga Wendelken.  Foto: ek

Emma Sadowski feierte am 4. November ihren 100. Geburtstag mit Kindern und Enkelkindern und mit ihrer Nachbarin Helga Wendelken. Foto: ek

Als Landwirtstochter wird Emma Dora am 4. November 1920 geboren in Kleipeda, 30 Kilometer von Goldap, einer kleinen aufblühenden Stadt in Ostpreußen. Die meisten Goldaper sprechen Deutsch, wenige Polnisch. Eine Stadtbücherei, ein Finanzamt, Stromversorgung und Kanalisation kann die Kleinstadt bald nachweisen.
Doch als Garnisonsstadt zu Beginn des Zweiten Weltkrieges beginnen die unruhigen Zeiten. Auch im Leben der 24 Jahre jungen Emma läuft nicht alles prima: Auf Wunsch ihrer Eltern hat sie mit 20 Jahren Adam Sadowski geheiratet, der nicht in den Krieg muss, anders als seine Brüder Ludwig und Jakob. Auf der Flucht 1944 wird mitten in Ostpreußen ihre erste Tochter geboren, als ihr Treck zwischen die Fronten gerät. Alle Deutschen werden erschossen, der Treck wird aufgelöst, die junge Familie gibt sich als polnisch aus, um auf der Flucht vor den Russen zu überleben und geht auf Umwegen zurück nach Goldap.
Es ändert sich das Gesicht ihrer Stadt: Zwischen Deutschland, Russland und Polen wird Goldap hin- und hergerissen, letztlich wird 1945 die Stadt den Polen zugesprochen, Deutsche werden der Stadt verwiesen, Polen werden angesiedelt. 1948 und 1953 werden zwei weitere Kinder geboren, doch auch das Gesicht ihrer Ehe ändert sich: Die Kriegserlebnisse erschüttern Adam nachhaltig. Adam und Emma gehen mehr und mehr getrennte Wege, und Emma erfährt in diesen schweren Zeiten harter Arbeit Unterstützung von ihrem Schwager Ludwig, der wie sein Bruder Jakob aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist.
Doch das Glück will sich noch nicht einstellen: Im Herbst 1959 brennt der Hof der Sadowskis ab mitsamt der Ernte. Die Zeiten bleiben hart für Emma. Ludwig und sie wachsen über die Not zusammen und sie lernt viel von ihm über das Geldverdienen in der Landwirtschaft. „Den Ludwig mochte sie schon immer lieber“, sagt Sohn Alfred, der 1959 aus dieser Verbindung hervorgeht. Jahrelang bauen sie den Hof wieder auf, bis Ludwig 1964 bei der Reparatur eines Daches herunterfällt und wenige Monate später seinen Verletzungen erliegt.
Emma rafft nun ihre Kraft zusammen und baut sich finanziell unabhängig aus durch gutes Geschick in der Viehzucht und im Viehhandel. Doch auf Angst und Misstrauen ist ihre Zukunft im neuen Polen gebaut: Sie entscheidet sich 1971, 51-jährig, mit ihren beiden Söhnen, die beiden Töchter sind mittlerweile bereits verheiratet, nach Deutschland auszusiedeln, wohin sie ihr erster Mann Adam begleitet. Ihr Bruder Franz Dora wohnt bereits in Hambergen-Heißenbüttel, und so baut sie sich gemeinsam mit ihren Söhnen 1977 ein Zwei-Familien-Haus in Wallhöfen.
Es ist nicht leicht für Emma, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. In Polen war sie erfolgreich, emanzipiert und hoch anerkannt, im Westen lässt sich nicht daran anknüpfen, ein respektvoller Umgang mit alleinstehenden Frauen ist dazu nicht unbedingt die Regel. Ein neuer Partner ist daher keine Option für sie. Sie genießt ihr Leben auch so, ist gesellig und wird viel eingeladen, bekocht gern Freunde und Familie und feiert gern mit den neuen Nachbarn. Der ab und an aufkeimende Gedanke, wieder nach Hause zu gehen ins schöne Goldap, wird immer wieder aufgegeben. So gehen die Jahre ins Land und Emma wird, wie ihre Mutter, die auch knapp 90 Jahre alt wurde, alt. Sie trinkt gern Biovital, aber wenig Kaffee und nimmt möglichst keine Medikamente ein. 91-jährig geht sie draußen noch ein paar Wege, doch mit 94 Jahren lässt das Gehirn dementiell immer mehr nach. Erst ein unglücklicher Sturz fesselt sie 99-jährig ans Bett.
Heute sei Emmas Lieblingsbeschäftigung Schlafen, sagt ihr Sohn Alfred, den sie immer wieder als ihren Bruder erkennt und der Gott sei Dank ihr Polnisch versteht, wenn sie ein paar Worte Deutsch und Polnisch spricht. Tief sitzt dabei die alte Angst, umgebracht zu werden – dann müssen die Fenster verdunkelt werden, damit man sie nicht sehen kann. Das stimmt ihren Sohn Alfred traurig, doch Trübsinn ist dieser Familie nicht ins Stammbuch geschrieben. „Wer positiv denkt und für seine Ziele und Wünsche kämpft und arbeitet, der bleibt ewig jung, bis das Alter seinen Tribut fordert.“


UNTERNEHMEN DER REGION