Benjamin Moldenhauer

Die Vorgeschichte der Gegenwart

Macht, Manipulation und der Aufstieg Wladimir Putins: Olivier Assayas’ „Der Magier im Kreml“ erzählt als Politthriller von den Mechanismen einer modernen Diktatur – klug, präzise und fesselnd.

Jude Law als Putin und Paul Dano als Wadim Baranow, der Berater Putins, der ihn an die Macht gebracht hat.

Jude Law als Putin und Paul Dano als Wadim Baranow, der Berater Putins, der ihn an die Macht gebracht hat.

Bild: Constantin Film

Die Macht strahlt eine ungeheure Faszination aus. Wer anfällig für sie ist, will sich ihr anschließen und Teil von ihr werden. Das ist gar nicht so selbstverständlich, schließlich ist das Leben als Teil eines Machtapparates eine ganz schön zermürbende Sache. Ständig droht die Gewalt des Noch-Mächtigeren, der Verstoß ins Exil oder, im Falle Russlands unter Putin, um das es in diesem Film von Olivier Assayas, „Der Magier im Kreml“, geht, der Giftanschlag oder der Sturz aus dem Fenster.

Wadim Baranow ist genau in dieser Zwischenposition: Teil der Macht und doch immer abhängig von ihr. Nach dem Umbruch von 1989/1990 macht er Karriere, es geht los im Kulturbetrieb, alles ist neu, unter sowjetischer Herrschaft verbotene Autoren werden wieder auf den Bühnen gespielt. Dann geht es ins neu entstandene Privatfernsehen, als Produzent von trashigen Reality-Shows.

Die Oligarchen suchen einen Präsidenten

In der in den Neunzigerjahren in Hochgeschwindigkeit zur Marktwirtschaft zurechtgedroschenen russischen Gesellschaft entstand eine neue Klasse, die Oligarchen. Die Geschwindigkeit, mit der sich in dieser Gruppe Reichtum und Kapital konzentrierten, ist recht beispiellos. Einer von ihnen, Boris Abramowitsch Beresowski, erkennt das strategische und inszenatorische Geschick Baranows und lässt ihn die Kampagne zur Wiederwahl des 1996 im Vollsuff von Herzinfarkt zu Herzinfarkt stolpernden Boris Jelzin organisieren. Als der trinkfreudige Präsident für eine Fernsehansprache an den Sessel gebunden werden muss, weil er nicht mehr aufrecht sitzen kann, ist klar: Es muss jemand Neues her. Die Oligarchen entscheiden sich für den unscheinbaren FSB-Chef und ehemaligen KGB-Offizier Wladimir Putin.

Baranow wird zur Vertrauensperson, und bald bekommen es die Oligarchen mit dem Geist, den sie riefen, zu tun. Der stellt die Machtfrage und beantwortet sie dann auch gleich mit brachialen Mitteln: Putins politische Gegner fliegen wahlweise ins Exil oder aus dem Fenster, und ein Großteil seines politischen Erfolges in den ersten Jahren seiner Präsidentschaft beruht auf dem Durchgreifen gegen eine grotesk reiche Klasse. Ein weiterer beruht auf dem brutalen Vorgehen im Tschetschenienkrieg.

Ein beherrschter Herrschender

An all dem hat Baranow maßgeblichen Anteil. Paul Dano spielt ihn als stilles, hochbegabtes Pfannkuchengesicht, als einen politischen Denker, der in die Position kommt, seine Analyse der Macht sofort zu ihren Gunsten umzusetzen. Das Innenleben und vor allem das Moralempfinden lassen Dano und sein Regisseur Olivier Assayas bewusst im Dunkeln, und ihre Faszination bezieht diese Figur aus ihrer ungreifbaren Kindhaftigkeit. Wadim Baranow ist ein beherrschter Herrschender, der genau weiß, was den Beherrschten blüht, wenn sie aus der Gunst der Herrschenden herausfallen (Exil, Fenster, siehe oben).

„Der Magier im Kreml“ zeichnet den Weg Putins durch die Augen seines Beraters, der von den ersten Jahren seiner Präsidentschaft bis zum Krieg im Donbas 2014 sein engster Berater gewesen ist. Die Stationen sind alle abrufbar: Tschetschenien, die Olympiade von Sotschi, die Orange Revolution. Jude Law spielt Putin sehr mimetisch, die Körperhaltung ist sehr ähnlich, nur hat man beim Zuschauen immer wieder das Gefühl, man schaue eine Folge der Netflix-Serie „The Crown“. So ganz gelingt es nicht, die Britishness der eigenen Performance niederzukämpfen.

Die Vorgeschichte der Gegenwart

Aber egal, entscheidend ist, mit welcher Genauigkeit hier eine Geschichte rekonstruiert wird, die noch Teil unserer Gegenwart ist. Das wirkt durchaus gespenstisch, wie man hier im fünften Kalenderjahr der russischen Großinvasion gegen die Ukraine die Vorgeschichte mit den Genremitteln des Politthrillers erzählt bekommt. Viel künstlerische Freiheit musste sich die Romanvorlage des italienisch-schweizerischen Schriftstellers Giuliano da Empoli nicht nehmen, es ist alles da: Intrigen, Machtspiele, Eitelkeiten, miteinander ringende gesellschaftliche und politische Kämpfe.

Angelehnt ist die Figur Wadim Baranow an den Putin-Berater Wladislaw Surkow, dessen Rolle man bei der Entstehung dessen, was man heute „Putinismus“ nennt, kaum unterschätzen kann. Man bekommt die Theoreme und Strategeme, auf deren Basis Baranow/Surkow die Expansion der Macht seines Präsidenten vorantreibt, in „Der Magier im Kreml“ immer wieder erklärt, und es ist an keiner Stelle langweilig. Allein schon, wie anhand der Social-Media-Strategien, die von Russland aus entworfen werden, der Unterschied zwischen klassischer Propaganda (Propagierung eines politischen Programms mit allen Mitteln) und neuer Propaganda (Zerrüttung und Auflösung politischer und elementarer Kategorien wie z. B. „wahr“ und „falsch“) erklärt wird, ist einprägsam und trotzdem der Sache angemessen komplex.

Politthriller und Geschichtsstunde

Nun vermittelt „Der Magier im Kreml“ nicht nur ein Wissen über die jüngere Geschichte Russlands im Besonderen und das Entstehen einer modernen Diktatur im Allgemeinen, sondern funktioniert auch als mitreißender, intelligent gebauter Politthriller. Beziehungsweise bedingt das eine hier das andere. Und wunderschön-schneeweiße Stadt- und andere Landschaften bekommt man außerdem zu sehen. Ein Film, der trotz zweieinhalb Stunden Laufzeit keine Minute zu lang ist.

Am Dienstag, 22. September, und Mittwoch, 23. September, jeweils um 20 Uhr in den Ritterhuder Lichtspielen.


UNTERNEHMEN DER REGION

E-PaperMarktplatzStellenmarktZusteller werdenLeserreiseMagazineNotdienst BremervördeNotdienst OHZReklamationgewinnspielformular