

Wie dokumentiert man etwas, das man nicht mehr mit der Kamera in den Blick nehmen kann, weil es schon vergangen ist? Man baut, konstruiert und inszeniert das, was man zeigen will, so genau wie möglich und filmt es dann. Das führt zu teils paradoxen Konstellationen. Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit beispielsweise hat einst behauptet, Pasolinis De-Sade-Verfilmung Salò – Die 120 Tage von Sodom sei die einzige filmische Dokumentation der Gewalt in den deutschen Vernichtungslagern, indem sie die ihr zugrunde liegende Gewaltstruktur offenlegt. Was den Begriff des Dokumentarischen natürlich stark ausweitet und zunächst kontraintuitiv erscheinen lässt. Aber letzten Endes sind die Grenzen ohnehin fließend.
Der dokumentarische Film ist immer mehr als nur ein Abbild, das es im Kino gar nicht geben kann, sondern immer auch Ergebnis von Konstruktionsleistungen. Und der sogenannte fiktionale Film dokumentiert gewissermaßen die Bewegungen und Sprechakte der Schauspielerinnen und Schauspieler, die Landschaften und Kulissen und so weiter.
Wenn also alles Konstruktionsakte sind, ist die Antwort auf die Frage nach der Grenze zwischen dem Dokumentarischen und dem Inszenierten keine prinzipielle, sondern eine graduelle. Und wie bei jeder filmischen Konstruktion ist entscheidend für die Welthaltigkeit der Bilder, also für das, was man im Kino von der Welt sieht, inszenatorische Genauigkeit.
Eine Hommage ohne Genre
Diese einleitenden Sätze sollen dazu dienen, um das Besondere an Richard Linklaters Film „Nouvelle Vague“ besser fassen zu können. Das Ganze ist zum einen eine Hommage an eine der produktivsten und einflussreichsten Phasen in der Geschichte des Kinos, den französischen Film der späten Fünfziger- und Sechzigerjahre. Eine Hommage allerdings, die sich keinem Genre zuordnen lässt, also keine Komödie, kein Drama ist. Sondern tatsächlich ein dokumentarischer Film. Nicht in dem Sinne, dass der Film so gebaut wäre, als sei jemand mit der Kamera während der Dreharbeiten vor Ort gewesen. Sondern als Versuch, die Produktionsweise ins Bild zu setzen, die von den Filmemachern der Nouvelle Vague entwickelt worden ist, basierend auf der umfangreichen Literatur, die zu dieser filmhistorischen Episode vorliegt.
Wenn Intellektuelle sich prügeln
Die Hauptrolle spielt der Filmkritiker Jean-Luc Godard, gespielt von Guillaume Marbeck, 1959 nach vier Kurzfilmfingerübungen kurz davor, die Seite zu wechseln und zu einem der einflussreichsten Regisseure der Sechzigerjahre zu werden. „Nouvelle Vague“ erzählt die Geschichte von Godards legendärem Debütfilm „Außer Atem“, beginnend mit dem Versuch, den Produzenten zu überzeugen, über die Dreharbeiten bis zur ersten internen Vorführung des Films. Ausgehend von einer Zeitungsmeldung entwickelt Godard die Geschichte eines flüchtigen Kleinkriminellen (Jean-Paul Belmondo, gespielt von Aubry Dullin) und einer amerikanischen Studentin (Jean Seberg, gespielt von Zoey Deutch). Die Dreharbeiten verlaufen chaotisch, Godard verwirft das Drehbuch von François Truffaut (Adrien Rouyard), lässt die Dialoge direkt am Set improvisieren, nervt sein Team mit kryptischen philosophischen Bonmots, wo zum Beispiel die Frage einer Stunttechnik zu klären wäre, und ignoriert klassische Produktionsabläufe und begrenzte Produktionsressourcen. Was den Produzenten Georges de Beauregard (gespielt von Bruno Dreyfürst) irgendwann so zur Verzweiflung treibt, dass er seinem Regisseur versucht, aufs Maul zu hauen. Wenn Intellektuelle sich prügeln, hat das meist auch was Komisches, und in der Schlägerei-am-Kneipenflipper-Szene kommt „Nouvelle Vague“ einer Komödie am nächsten. Ansonsten aber: Hommage und Dokumentation.
Mimesis als ästhetisches Prinzip
Linklater rekonstruiert die Dreharbeiten und zeigt in „Nouvelle Vague“ die Nouvelle Vague mit den Mitteln und in der Ästhetik der Nouvelle Vague. Das Schwarz-Weiß ist an die Farbtonalität von „Außer Atem“ nicht nur angelehnt, sondern entspricht ihr exakt. Der Film ist mit den Kameramodellen gedreht, die auch damals verwendet worden sind. Überhaupt ist eine möglichst konsequent verfahrende Mimesis hier das zentrale filmästhetische Prinzip. Am offensichtlichsten wird das bei den Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich äußerlich, in den Sprechweisen und der Gestik bis in die kleinste der zahlreichen Nebenrollen an die historischen Originale anschmiegen.
Im genau rekonstruierten (und natürlich, wenn auch nur latent, mythisierten) Dreharbeitenchaos entfaltet sich ein Blick auf ein Kino, das es heute so nicht mehr gibt. Ein Kino, das zum einen eine zentrale Bedeutung für die Weltwahrnehmung und -erschließung auch der jungen Generation hatte und damit eine radikal andere kulturelle Bedeutsamkeit als heute. Und ein Kino, in dem das Unkalkulierbare einen Weg zu neuen Bildern, Techniken und Wahrnehmungsweisen ermöglichte. Ein Kino, das in diesem Sinne einen neuen Blick auf das eigene Medium, aber auch auf die Welt außerhalb des Kinos eröffnet hat. „Nouvelle Vague“ ist entsprechend voller Wehmut, einfach, weil diese Art von Kunst als eine populäre, die nicht ausschließlich in Nischen stattfindet, kaum noch existiert.
„Nouvelle Vague“ läuft am Dienstag, den 11. August um 20 Uhr im Filmpalast Schwanewede.




