Deutscher Nazifilm – aber in gut
Gut eine Viertelstunde dieses Films ist in Farbe. In den übrigen zwei Stunden werden kontrastreiche, klare Schwarzweißbilder montiert. Der Kontrast zwischen Hell und Dunkel und die streng strukturierten und bis in die letzten Ecken der Räume ausgeleuchteten Formen bilden die filmästhetische Entsprechung zur Klärung, die Regisseur und Autor Kirill Serebrennikow mit „Das Verschwinden des Josef Mengele“ vornimmt: keine Mythologisierung mehr.
In der einen Farbviertelstunde sieht man Josef Mengele (August Diehl) oft lachen. Erst am See mit seiner Liebsten Irene (Dana Herfurth), der späteren Mutter seines Sohnes Rolf (Maximilian Meyer-Bretschneider), im Gras, die beiden sind noch jung, das Leben ist schön. Mengeles Kamerad filmt die Sommerfrische, dann der Schnitt, und dieselbe Heimkamera dokumentiert die Selektion an der Rampe von Auschwitz, die Menschenexperimente, aufgeschnittene Körper, die dann für das, was im Deutschland des Jahres 1944 als Wissenschaft gilt, ausgeweidet werden. Die Organe werden nach Berlin, zu Otmar von Verschuer geschickt, Zwillingsforscher, führender Vertreter der Rassenhygiene und Mengeles Mentor.
Und das Leben von Josef Mengele ist immer noch schön, er lacht viel und freut sich an der entgrenzten Macht, die er über die Wehrlosen hat. Die Folter und Zerstörung der Häftlingskörper, Erwachsene wie Kinder, erfüllt den Arzt unübersehbar mit Frohsinn.
Die Erzählung
Dieser es wissen wollende Blick auf das Lachen der Täter ist einer von vielen Aspekten, in denen „Das Verschwinden des Josef Mengele“ den Mythen des gut gemeinten postfaschistischen Aufarbeitungskinos widerspricht. Josef Mengele wird als das gezeigt, was er wohl auch war: ein karrierebewusster autoritärer Charakter mit einer großen Lust daran, Macht auszuüben. Und der Höhepunkt der Machtausübung über den anderen Menschen ist die Folter; im Falle von Mengele als wissenschaftliches Experiment rationalisiert.
Der Großteil des Films, der in Schwarz-Weiß, rekonstruiert in Zeitsprüngen die Stationen Mengeles auf seiner Flucht nach der Befreiung Europas 1945. Er zeigt das Netzwerk, das die Nazis im Exil in Südamerika unterstützt hat. Eine Hochzeitsparty mit Hakenkreuz-Torte in Argentinien, dann der Abstieg, zuerst Paraguay, am Ende ein Leben in Armut in Brasilien, nachdem die Kameraden und die Familie sich weitgehend abgewendet hatten. Die Erzählung legt großes Gewicht auf die letzte Begegnung von Josef Mengele und seinem Sohn Rolf, der versucht, den Vater zur Rede zu stellen und die Wahrheit zu hören, aber außer einem Schwall rausgebellter Herrenmenschenideologie nichts bekommt.
Keine Trennung vom deutschen Normalbetrieb
„Das Verschwinden des Josef Mengele“ fühlt sich nicht in seine Figur ein, im Sinne eines Versuchs, den Täter zu psychologisieren. Und er dämonisiert ihn nicht. In diesem Sinne funktioniert der Film radikal anders als zum Beispiel das sehr bundesrepublikanische Court-Room-Drama „Nichts als die Wahrheit“ von 1999, der kanonische deutsche Mengele-Film, in dem Götz George mit viel Schminkzeug im Gesicht und langen Fingernägeln den KZ-Arzt als mephistotelisches Wesen spielt. Das ausgedachte Problem lautet: Wie kann man Mengele verurteilen, wenn er doch nach damals geltendem Recht gehandelt hat? Diese Frage, die in den Nürnberger Prozessen mit dem Erhängen zumindest einiger NS-Funktionäre praktisch beantwortet wurde, wird in „Nichts als die Wahrheit“ von einem moralisch aufgewühlten Anwalt (Kai Wiesinger) gestellt. Er soll offenbar so etwas wie das gute deutsche Gewissen der Nachkriegszeit verkörpern. Ein eher schwachsinniges filmisches Unterfangen alles in allem.
Genau und Erkenntnisreich
Gerade diese Abtrennung des angeblich teuflischen Nazi-Schlächters vom deutschen Normalbetrieb jedenfalls macht „Das Verschwinden des Josef Mengele“ nicht mit. Man sieht, wie ein Nazi-Funktionär während und nach dem Nationalsozialismus eingebettet war in die Gesellschaft, in der er leben und wirken konnte. Und es ist eventuell schon ein ironischer Kommentar zum Aufarbeitungskino, dass Serebrennikow ausgerechnet seine Titelfigur immer wieder die Wahrheiten aussprechen lässt, von denen dieses Kino keine Kenntnis haben wollte.
Warum ausgerechnet er vom Mossad gejagt werde, brüllt Mengele während eines seiner zahlreichen Wutanfälle. Es hätte doch viel mehr Ärzte in Auschwitz gegeben. Und das Drehbuch nimmt sich die Zeit, Mengele die Namen mitsamt kurzem Täterprofil aufsagen zu lassen (der erwähnte Otmar von Verschuer zum Beispiel, an den Mengele Pakete mit Organen und Skeletten von ermordeten Juden schickt, erhielt 1951 eine Professur für Humangenetik an der Universität Münster, baute dort eines der größten humangenetischen Forschungszentren der Bundesrepublik auf und wurde 1952 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie).
Eine weitere im Kino selten gehörte Wahrheit, im Film wieder von Mengele zur eigenen Verteidigung formuliert: Niemand hätte sich beschwert, als die Wohnungen der deutschen Juden nach den Deportationen in die Gaskammern frei geworden sind, und alle Fabrikanten hätten von der Zwangsarbeit profitiert.
„Das Verschwinden des Josef Mengele“ setzt genau das ins Bild, das Verschwinden, einmal im Sinne einer Flucht, dann im Sinne des Altwerdens und langsamen Sterbens. Man sieht Mengele nackt, und am Ende, als der greise Nazi seine junge Haushälterin noch einmal dazu überredet, ihm einen runterzuholen, kriegt er keinen mehr hoch. Die Aura, die die meisten Filmnazis umweht, zerhaut Serebrennikows Kamera wie im Vorbeigehen. „Das Verschwinden des Josef Mengele“ ist damit genauer und erkenntnisträchtiger als grob überschlagen mindestens 95 Prozent der deutschen Filme über den Nationalsozialismus.
Läuft am Dienstag, 9. Juni, und Mittwoch, 10. Juni, um 20 Uhr in den Ritterhuder Lichtspielen und kann bei Prime gestreamt werden.

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