

Es ist eine schlechte Angewohnheit, Solidarität mit den Opfern auf bloße Betroffenheit zu reduzieren. Individuelles Leid erschöpft sich nicht im Mitleid mit dem Einzelschicksal – jedenfalls dann nicht, wenn es uns im Moment einer Gefahr erreicht und an den Lauf einer Geschichte rührt, die uns alle betrifft. Eine solche Geschichte besteht aus subjektiven Mosaiken ebenso wie aus historischer Klarheit. Sie ist keine Einfühlung in ihre vermeintlichen Sieger.
Am 24. Februar jährte sich die russische Vollinvasion der Ukraine zum vierten Mal; der Krieg geht damit in sein fünftes Jahr. Oft wird darauf verwiesen, dass er inzwischen länger dauert als der sowjetische Verteidigungskrieg gegen das nationalsozialistische Deutschland. Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer begann dieser Krieg jedoch schon 2014 – mit der Annexion der Krim und dem Angriff auf die „Revolution der Würde“, den Maidan. Ebenso wichtig ist ihnen die Erinnerung daran, dass NS-Deutschland und die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg als Verbündete Osteuropa von Finnland bis zum Schwarzen Meer unter sich aufteilten.
Schweigen über Verfolgung
Auch Stefan, ein guter Bekannter von mir, beharrt auf dieser historischen Wahrheit. Hierzulande würde er rasch als „Russlanddeutscher“ oder „Wolgadeutscher“ etikettiert.
Die Geschichte der sogenannten Russlanddeutschen im Zarenreich und in der Sowjetunion reicht weit über die russische Nation hinaus; sie ist eine Geschichte des Nichtdazugehörens am Rande des russischen Imperiums. Egal ob der Zar oder Stalin - russische Herrscher brachten Russlanddeutschen das Unheil der Verfolgung und Deportation nach Sibirien oder Kasachstan. Weshalb von ihnen flohen, um anderswo ein besseres Leben zu beginnen. Umso irritierender ist die ausgeprägte Sympathie für Putins Imperialismus in Teilen dieser Milieus.
Doch über der historischen Verfolgung, über dieses Leid, das auch die Erfahrung von Folter und staatsoffiziellen Mord einschließt, herrscht in vielen Familien ein Schweigen.
In vielen Familien verstummt das Gespräch, sobald die Orte der Deportation genannt werden. Die Erfahrung von Zwangsumsiedlung, Lagerhaft und staatlicher Gewalt ist allgegenwärtig – und doch gilt sie als Makel. Ein später Triumph der stalinistischen Praxis, die vermeintlichen Staatsfeinde ihr erzwungenes Geständnis als „Selbstkritik“ vortragen zu lassen.
Bruch in der Familie
Stefans Ehefrau und damit die Hälfte seiner Familie kommt aus der Ukraine. Seine Schwiegereltern mussten aufgrund der russischen Aggression 2014 Hab und Gut in der Ostukraine verkaufen und sind nach Bucha gezogen, einem kleinen Ort nord-westlich von Kyiv. Kaum dort angekommen, begann die russische Invasion auf die ukrainische Hauptstadt. Der Schwiegervater harrte dort alleine aus; in den dritten Stock kamen die russischen Soldaten aus Faulheit nicht. Wasser holen war lebensgefährlich, er magerte ab. Als die Russen nach über 30 Tagen von der ukrainischen Armee zurückgedrängt wurden, waren alle Nachbarn aus dem Erdgeschoss tot. Heute lebt er mit seiner Frau in Deutschland.
Dem deutsch-russischen Teil von Stefans Familie fällt dazu nichts ein, außer den russischen Krieg zu rechtfertigen. Stefan hat mit ihnen gebrochen. „Sie sind in meinen Augen dreifache Verräter. Sie haben mich und meine Familie verraten. Sie haben Deutschland verraten. Und sie haben ihren Großvater verraten, der acht Jahre im Gulag war und nach Deutschland gegangen ist, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen.“
Mit warmen Worten spricht Stefan von einer Cousine, die derweilen aus Russland ausgewandert ist und heute in Kazachstan lebt. Ob aus politischen Gründen oder nicht: Sie konnte sich und ihren Kindern die brutale, russische Tristesse nicht länger zumuten.
Würde ist nicht gebrochen
Stefans Bekannte in Kyiv indessen harren in der Kälte aus. In vielen Wohnungen in der Ukraine sind aufgrund der Angriffe auf die Energieversorgung die Heizungsrohre geplatzt. Vor einigen Wochen sind dennoch mehr Menschen in die Ukraine zurückgekehrt, als sie Menschen verlassen haben. Auf Instagram werden Bilder der Not, aber auch des Trotzes geteilt: tanzende Menschen im verschneiten und vereisten Kyiv sind zu sehen. Der härteste Winter in diesem Krieg hat die ukrainische Würde nicht gebrochen.
Ist der Fanatismus, mit der noch jede russische Propaganda-Lüge von den Nachkommen vieler ‚Wolga-Deutschen‘ verteidigt wird, vielleicht als eine Art Identifikation mit dem historischen Aggressor zu sehen? An der Düsternis von Polarnacht und Abgeschlossenheit in der ärmlichen russischen Provinz, wo Moskau oft ebenso fern ist wie eine Zukunft, und ganze Familien ihre jungen Männer für geldwerte Vorteile in den Krieg schicken, kann es bei ihnen nicht liegen. Ich werde Stefan bei der nächsten Gelegenheit danach fragen.


