

Bremervörde/Rotenburg. Der Rotenburger Unternehmer Tim Heitmann hat mit „Der Fall Lena“ ein „Serious Escape Game“ entwickelt, das von der Bremervörder Lehrerin Sarah Zepernick sowie der Rotenburger Gleichstellungsbeauftragten Katja Weße im Dezember in Form einer realistischen, dennoch „fiktiven Wohnung“ in einem Raum der Findorff-Realschule begleitet, bzw. realisiert wurde. Auch der NDR war an einem Tag vor Ort, und berichtete am 21. Dezember in seiner Sendung „DAS! Rote Sofa“ über das Projekt.
Laut offiziellen Zahlen findet in Deutschland fast täglich ein Femizid statt. Alle zwei Tage tötet ein Mann seine (Ex-)Partnerin, und 63 Prozent von politisch engagierten Frauen erleben digitale Gewalt. Dazu entwickeln 90 Prozent der jungen Frauen starke bis extreme Angst, wenn sie nachts unbekannten Männern begegnen.
Gewalt gegen Frauen ist ein weit verbreitetes Problem, das sich nicht nur in körperlichen Übergriffen äußert. Oft beginnt die Gewalt subtil und unsichtbar durch psychische Kontrolle, soziale Isolation, verbale Drohungen und emotionale Manipulation. Diese Formen der Gewalt finden sich häufig im scheinbar sicheren Umfeld der eigenen Wohnung und bleiben dadurch für Außenstehende oft unentdeckt. Das macht es sehr schwierig, die Anzeichen zu erkennen, um Betroffenen rechtzeitig zu helfen.
Die Ausgangssituation
Die offiziellen Daten aus dem Landkreis Rotenburg (Wümme) für das Jahr 2024 weisen 22 Frauen und 27 Kinder auf, die im sogenannten Frauenhaus Schutz fanden. 47 neue Anfragen waren direkt nach einer Gewalttat eingetroffen – was in Zahlen 91 Prozent entsprechen soll. Die Beratungs- und Interventionsstelle (BISS) im Landkreis verzeichnete 392 Fälle, die von 45 Selbstmeldern enttarnt wurden. Die Gesamtzahl der Polizeieinsätze (die Polizei informiert die BISS automatisch, wenn es zu einem Einsatz aufgrund häuslicher Gewalt kam – unabhängig davon, wer sie benachrichtigt hat) wird für den Zeitraum mit 347 angegeben.
Um die komplexen Zusammenhänge greifbarer zu machen, und eine breite Öffentlichkeit zu sensibilisieren, hat Heitmann, der dafür den Gründungspreis Elbe-Weser 2024 von der IHK verliehen bekam, mit seiner Firma in Rotenburg das Game „Der Fall Lena“ entwickelt. Es ist ein interaktives Game-Konzept, das die Spieler:innen aktiv in die Ermittlung eines derartigen Falles einbindet. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen wurde das Game-Konzept verschiedenen Schulen im Kreisgebiet zur Verfügung gestellt.
Der Fall Lena
In dem besonderen Escape Room in Bremervörde, der vom 8. Dezember bis einschließlich dem 19. Dezember aufgebaut war, haben sich Schüler:innen mit dem Thema der häuslichen und psychischen Gewalt auseinandergesetzt. Anhand der fiktiven Beziehung von Lena und Tobias analysierten sie (fiktive) Tagebücher, Chatverläufe und digitale Spuren. Das Projekt an der Findorff-Realschule in Bremervörde sensibilisierte für toxische Muster, Isolation und Kontrolle, förderte den Austausch über eigene Erfahrungen und zeigte Hilfsangebote für Betroffene sowie Handlungsmöglichkeiten für das soziale Umfeld auf.
Im Bremervörder Escape Room ging es nicht ums Entkommen, sondern darum, die Spuren der häuslichen Gewalt zu erkennen. Es wurden reale Schwierigkeiten und psychische Gewalt thematisiert. In der Wohnung, die im Schulgebäude aufgebaut war, konnten die Schüler:innen Rückschlüsse auf die Beziehung von Lena und Tobias finden. Denn beide führen nur äußerlich eine Beziehung wie aus dem Bilderbuch.
Insgesamt gingen in Bremervörde ein paar hundert Schüler im dortigen Escape Room auf Spurensuche und fanden digitale Spuren sowie die richtigen Codes, um sie zu knacken. Das toxische Verhältnis des fiktiven Paars brachte die Schüler:innen dazu, sich sogar vor der Kamera zu persönlichen Erlebnissen zu bekennen. Der NDR-Beitrag (beginnend ab circa Minute 22,40) ist noch bis zum 21. Juni in der Mediathek des NDR verfügbar.


