

Gnarrenburg. Auf dem Platz vor dem Rathaus stehen einige Ordner in neongelben Westen. Um sie herum sammeln sich immer mehr Menschen. Frauen und Männer jeden Alters stehen gemeinsam auf dem Platz und schweigen. Manche tragen Kerzen, andere halten ihre Handy-Leuchten in die Höhe. „Ich glaube, das sind bestimmt 200 Menschen“, tippt die 13-jährige Helene. Ihre Freundin Anna (10) stimmt ihr zu. Auch ihre Eltern sind auf dem Marktplatz.
Yasmin Deppe ist diejenige, die dieses Zeichen der Solidarität für eine heute 15-Jährige organisiert hat, der im letzten Jahr etwas Furchtbares passiert ist. „Gnarrenburg steht hinter dir“, soll die Aktion dem Mädchen sagen. „Still. Gemeinsam. Sichtbar.“
Verfahren nach einem Jahr eingestellt
Tage nach der mutmaßlichen Vergewaltigung brach das Mädchen gegenüber ihrer Mutter das Schweigen. Diese hatte auf dem Handy ihrer Tochter einen verstörenden Mitschnitt gefunden. Das Video zeigte ein Mädchen, ihre Tochter, von hinten, das von einem Jungen festgehalten wurde. „Und dann haben sie das alle mit mir gemacht“, habe sie gesagt, so wurde sie in der „Bild“ zitiert. Das Video wurde unter Mitschülern und Jugendlichen verbreitet.
Die Mutter begleitete ihre Tochter daraufhin zur Polizei. Dort wurde die Schilderung des Geschehens in einem umfangreichen Protokoll festgehalten. Der Fall ging an die Staatsanwaltschaft Stade.
Wie die „Süddeutsche Zeitung“ Anfang August unter Berufung auf eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) berichtete, stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen des Verdachts der Vergewaltigung nach rund einem Jahr ein. Den drei beschuldigten minderjährigen Jungen könne eine strafbare Handlung nicht mit der für eine Anklage erforderlichen Sicherheit nachgewiesen werden, teilte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft laut dpa mit.
Aus den Beweismitteln hätten sich demnach keine belastbaren Hinweise darauf ergeben, dass das damals 14-jährige Mädchen seinen entgegenstehenden Willen geäußert habe oder dieser für die Beschuldigten erkennbar gewesen sei. Nach den objektiven Umständen hätten außerdem weder eine Bedrohungs- noch eine Zwangslage vorgelegen. Daher sei auch der Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen nicht erfüllt gewesen, hieß es.
Solidarität ohne Reden
Mit dieser Nachricht aus Stade ging es nicht nur Yasmin Deppe in der Gemeinde Gnarrenburg nicht gut. Zunächst sei die Resonanz auf ihren Aufruf zur Solidarität schleppend gewesen. Dann habe sie sehr schnell Unterstützung erhalten, insbesondere von zahlreichen Unternehmen. „Parteien sind keine dabei, das wollte ich nicht. Diese Aktion ist völlig unpolitisch.“ Reden soll es an diesem Abend nicht geben. „Wir werden zeigen, dass Stille was bedeutet“, sagt Deppe eindringlich. Sie verweist dabei auf Reaktionen des menschlichen Körpers in extremen Stresssituationen. Menschen könnten in solchen Momenten in eine Art Überlebensmodus geraten, in dem Gegenwehr ausbleibe. Die Amygdala übertönt jede Logik, es bleiben nur Stille und Erstarrung.
„Man ist so ohnmächtig“
Fassungslos und bestürzt über die Einstellung des Verfahrens zeigt sich Nicole Behnken. „Man ist so ohnmächtig“, sagt die Mutter zweier Töchter, um die sie sich nun Sorgen mache. „Das JuZe werden die beiden nicht besuchen“, sagt Behnken. „Mir tut die Familie einfach so wahnsinnig leid.“
Auch Jens und Ilona Presse, selbst Eltern und Großeltern, fehlen die Worte. „Jeder Vater, jede Mutter sollte hier sein“, findet Jens.
Ein paar Meter weiter steht der Cousin des Mädchens, das die Bild-Zeitung „Frida“ genannt hat. Er sei überwältigt von dem, was hier passiere. „Dass so viele hier stehen, so viele zusammenhalten. Ich wünsche mir, dass meine Cousine das sieht.“ Sie stehe seit dem Geschehen vor einer unmenschlichen Herausforderung, beschreibt es ihr Cousin. „So schön, dass das hier auch so wahrgenommen wird.“
Auf der Mauer, die den Platz einfasst, balanciert eine Nachbarin von „Frida“ mit ihrem Handy. „Ich mache ein Foto für Frida, damit sie das sehen kann, wie viele Leute gekommen sind für sie.“
Am Rand sitzt Gull Hameed Mumand auf einer Bank. Der Afghane, der für eine dreijährige Lungenbehandlung in Deutschland ist, weiß zunächst nicht, was auf dem Platz geschieht. Sein Deutsch ist gut genug, um die Erklärung des Hintergrunds zu verstehen. Er schüttelt mit zusammengezogenen Augenbrauen den Kopf und schnalzt mit der Zunge. „Nicht gut!“, sagt er und fügt hinzu, er wünsche sich Sicherheit für alle Kinder.
Kritik an der Entscheidung
Im Firmen-Outfit von Pape Haustechnik stehen mehrere junge Monteure nebeneinander. „Das, was hier passiert ist, kann man nicht als richtig empfinden“, sagt Dimitri Alpers mit Blick auf die Entscheidung der Staatsanwaltschaft. „Das war wirklich eine schlimme Tat“, sagt er mit absolutem Unverständnis darüber, dass das Verfahren ohne Anklage beendet wurde. „Das hätte nicht sein dürfen. Ein Fehlverhalten der Staatsanwaltschaft“, findet der junge Mann.
Sein Chef Jochen Pape kennt Yasmin Deppe und die Mutter des Mädchens. „Sie fühlt sich sehr allein gelassen“, sagt Pape, den die Geschichte nächtelang um den Schlaf gebracht habe. Er zuckt die Schultern: „In meinen Augen ist das ein Justizversagen, ein Versagen der Kommunalpolitik, ein Versagen der Gemeinde, die selbst beim seelischen Beistand versagte.“
Auch Pape zeigt sich fassungslos: „Ich kann nicht begreifen, was hier passiert, was sie nun unter den Teppich kehren wollen.“ Er und einige andere hätten der Familie Unterstützung zugesagt, „auch finanzielle in weiteren juristischen Schritten“.
Was ist in Gnarrenburg passiert?
Drei Jugendliche standen im Verdacht, eine damals 14-Jährige in einem Gnarrenburger Jugendzentrum vergewaltigt zu haben. Die Staatsanwaltschaft Stade stellte das Verfahren ein, weil eine Straftat nicht mit der für eine Anklage erforderlichen Sicherheit nachgewiesen werden könne. Gegen die Einstellung wurde Beschwerde eingelegt. Gegen einen der damaligen Beschuldigten läuft zudem ein neues Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Vergewaltigung einer weiteren 14-Jährigen; der mutmaßliche Vorfall soll sich im Zuständigkeitsbereich der Polizei Zeven ereignet haben.



