

Vor 50 Jahren blickte die Welt auf den Flughafen Entebbe in Uganda. Am 27. Juni 1976 entführte ein deutsch-palästinensisches Kommando der Revolutionären Zellen (RZ) und der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) eine Air-France-Maschine auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris. Nach Zwischenstopps in Bengasi und Entebbe selektierten die Entführer die Passagiere: Jüdische und israelische Fluggäste wurden von den übrigen Geiseln getrennt und als Druckmittel für ihre Forderungen zurückgehalten, während die anderen Passagiere freigelassen wurden. Das Kommando verlangte die Freilassung von 53 in Israel und Europa inhaftierten Terroristen. In der Nacht zum 4. Juli befreite eine israelische Spezialeinheit die verbliebenen Geiseln in einer spektakulären Militäraktion. Dabei wurden drei Geiseln, der israelische Kommandeur und ältere Bruder von Benjamin Netanjahu Jonathan Netanjahu, 20 ugandische Soldaten sowie alle sieben Entführer getötet.
Die Entführung gilt bis heute als einer der folgenreichsten Terroranschläge der 1970er Jahre. Und sie bedeutete, zumindest rückblickend, einen Einschnitt für die westdeutsche Linke. In seinem jüngst erschienenen Buch „Fluchtpunkt Entebbe. Der linke Terrorismus und Israel“ rekonstruiert der Historiker Jan Gerber die antisemitischen Kontinuitäten, die durch die Ereignisse zu Tage traten. Gerber beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte des linken Terrorismus, des Antizionismus und des Antisemitismus. Mit der Selektion jüdischer und nichtjüdischer Geiseln hätten die Täter, wie später, wenn auch sehr vereinzelt, selbstkritisch aus den Revolutionären Zellen formuliert wurde, „sozialrevolutionäre Maßstäbe gegen die der Sippenhaft“ eingetauscht. Gerber zeigt, dass Entebbe in der Tradition eines seit 1967 zunehmend radikalisierten linken Antizionismus steht. Und dass die damaligen Debatten bis in die Gegenwart nachwirken, etwa in den Reaktionen vieler Linker auf das antisemitische Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023.
In Ihrem Buch bezeichnen Sie Entebbe als einen „Fluchtpunkt“ des linken Antizionismus. Inwiefern war die Selektion jüdischer Geiseln 1976 ein historischer Wendepunkt?
Auf den ersten Blick war Entebbe leider kein Wendepunkt. Die Entführung reihte sich in die Geschichte des bewaffneten Antizionismus ein, die in Deutschland mit einem – missglückten – Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus Westberlin im November 1969 begonnen hatte. Auch danach schien es zunächst nahtlos weiterzugehen, etwa mit Brandanschlägen auf Kinos, die den Spielfilm „Unternehmen Entebbe“ zeigten, in dem die Entführung kritisch verarbeitet wird. Die Veränderungen vollzogen sich zunächst eher im Verborgenen und mit einer zeitlichen Verzögerung. Rückblickend sprachen allerdings einige linke Aktivisten der 1970er Jahre, darunter auch Mitglieder der Revolutionären Zellen, davon, dass bei ihnen infolge von Entebbe ein Umdenken begann. Im direkten zeitlichen Kontext war davon allerdings nichts zu merken: Erkenntnis entsteht nicht immer spontan, sondern ist oft das Resultat eines langwierigen und komplizierten Prozesses. Manchmal bleibt sie auch vollkommen aus.
Weshalb blieb der Antisemitismus der Entführer damals in weiten Teilen der westdeutschen Linken nahezu unbemerkt bzw. warum wurde er abgewehrt?
Gruppen wie die Revolutionären Zellen spitzten nur zu, was große Teile der restlichen Linken dachten. Die Feindschaft gegenüber Israel gehörte in den 1970er und 1980er Jahren zum guten Ton innerhalb der Linken, sie war der kleinste gemeinsame Nenner. Differenzen gab es allenfalls in der Wahl der Mittel. Deshalb wurden in der Regel auch nicht die Ziele der Entführer von Entebbe kritisiert, die man teilte, sondern allenfalls die Mittel: die Entführung einer Passagiermaschine. Oft verzichtete man aber auch auf die Kritik daran.
Lässt sich eine Linie von Entebbe zu den Reaktionen auf das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 ziehen? Wenn ja, was wäre die ideologische Kontinuität?
Trotz aller Unterschiede gibt es zahlreiche Kontinuitäten. Dazu gehören das weitgehende Ausbleiben von Kritik an Organisationen, die unbewaffnete Zivilisten ins Visier nehmen, die vollkommene Ignoranz des Antisemitismus, das Verständnis für das vermeintlich „an sich“ berechtigte Anliegen der Terroristen und nicht zuletzt die Umkehr von Tätern und Opfern. Ähnlich wie nach dem 7. Oktober, als innerhalb kürzester Zeit Israel als Aggressor dargestellt wurde, galt die zentrale linke Kritik nach Entebbe der Befreiung der Geiseln durch eine israelische Anti-Terror-Einheit. Mit ihr sei gegen das Völkerrecht verstoßen worden. Auch das klingt sehr aktuell.
Welche blinden Flecken bestehen Ihrer Ansicht nach weiterhin in der Debatte um die „Free Palestine“-Bewegung?
Ich würde nicht von blinden Flecken sprechen. Bei der „Free-Palestine“-Bewegung scheint mir nichts verborgen zu sein, sondern stattdessen alles offen zutage zu treten: vom Drang, den jüdischen Staat zu dämonisieren, über Doppelstandards bis hin zum ausgeprägten Bedürfnis, Israel vollständig zu delegitimieren. Lohnenswert wäre aber noch einmal die kritische Auseinandersetzung mit dem Antiimperialismus. Er weist große Ähnlichkeiten mit dem Weltbild des Antisemitismus auf, zumindest in struktureller Hinsicht. Beide basieren auf einem strikten Manichäismus – Gut gegen Böse –, beide basieren auf der Personalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse: Verantwortlich für Missstände werden weniger gesellschaftliche Prozesse gemacht, die sich hinter dem Rücken der Menschen vollziehen, als bestimmte Personen. Davon ausgehend tendieren beide, Antisemitismus und das antiimperialistische Weltbild, zum Verschwörungsdenken. Der Antiimperialismus verbindet nicht nur weite Teile der Linken mit islamistischen Organisationen, sondern seine Grundprinzipien werden weit über das klassische linke Milieu hinaus geteilt. Hier gibt es zentrale Verbindungslinien, die oft gerade mit Blick auf Israel wirksam werden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Info:
Die Revolutionären Zellen (RZ) waren ein linksextremistisches Netzwerk in der Bundesrepublik Deutschland. Sie entstanden Anfang der 1970er Jahre und blieben bis in die 1990er Jahre aktiv. Anders als die RAF waren die RZ nicht zentral organisiert und wollten ihre Mitglieder nicht dauerhaft in den Untergrund schicken. Sie lebten meist weiter in legalen Zusammenhängen, arbeiteten in politischen Gruppen mit und verübten Anschläge anonym aus kleinen, dezentralen Zellen heraus.
Innerhalb der RZ war ein Teil antiimperialistisch geprägt und unterstützte auch den bewaffneten Kampf palästinensischer Gruppen, ein anderer Teil verstand sich stärker sozialrevolutionär und richtete sich gegen staatliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Machtstrukturen in der Bundesrepublik.



