Lena Stehr

Angriff auf Adipositas: Niedersachsen will Bevölkerung mit Ernährungsstrategie gesünder machen - mal wieder

Niedersachsen. Die Ernährungsstrategie soll den Weg in eine gesundheitsfördernde und nachhaltigere Ernährung in Niedersachsen weisen und auch die Landwirtschaft wieder in die Mitte der Gesellschaft holen.

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Ernährungsministerin Barbara Otte-Kinast (re.) nimmt Niedersachsens Ernährungsstrategie von Maren Meyer, Fachreferentin für Ernährung im ZEHN, entgegen.

Ernährungsministerin Barbara Otte-Kinast (re.) nimmt Niedersachsens Ernährungsstrategie von Maren Meyer, Fachreferentin für Ernährung im ZEHN, entgegen.

Foto: Tim Schaarschmidt

Dass Obst und Gemüse gesünder sind, als Chips und Schokoriegel wissen wohl inzwischen die meisten. Dennoch sind laut Daten des Robert Koch-Instituts in Deutschland etwa 54 Prozent der Erwachsenen von Übergewicht oder Adipositas betroffen - und somit besonders anfällig für chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauferkrankungen und einzelne Krebserkrankungen. Bei Kindern und Jugendlichen sind rund 15 Prozent übergewichtig, sechs Prozent sind adipös - Tendenz steigend.
Versuche der Landesregierung, diese Entwicklung durch Projekte und Maßnahmen zu stoppen gibt es bereits seit 2005 - offenbar mit wenig Erfolg. Ein neuer Versuch, Menschen dazu zu bringen, sich gesünder zu ernähren ist die Niedersächsische Ernährungsstrategie. Das am Mittwoch vorgestellte Konzept wurde vom 2019 gegründeten Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen (ZEHN) im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz erarbeitet. Beteiligt waren 27 Institutionen, die mehr als 85 Maßnahmen erarbeitet haben, die nun gemeinsam mit verschiedenen Akteur:innen umgesetzt werden sollen.
 
Begleiten und motivieren
 
„Wir wollen jeden Koch, Landwirt und jede Lehrkraft begleiten und motivieren, im Sinne der Strategie zu wirken“, sagt Maren Meyer vom ZEHN.
Unter anderem sollen die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) etabliert werden. Mit den Trägern von Kitas, Schulen, Kantinen, Mensen oder auch Senioreneinrichtungen sollen Gespräche geführt und diese so für eine gesündere Ernährung sensibilisiert werden. Bewährte Fortbildungen zum Beispiel durch die DGE oder die Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung sollen weiterentwickelt werden.
Unter dem Motto „Restlos glücklich“ soll über das Thema Lebensmittelverschwendung aufgeklärt und aufgezeigt werden, wie dem Maß an Lebensmittelabfällen entgegengewirkt werden kann. Ein entsprechendes Konzept müsse allerdings noch in Zusammenarbeit mit der Hochschule Osnabrück entwickelt werden, erklärte Carola Sandkühler vom Naturschutzverband Niedersachsen. Es gebe bisher noch keine Datengrundlage über die Lebensmittelverschwendung im Land.
 
Klimalabel entwickeln und Vorurteile abbauen
 
Auch ein Klimalabel, das Verbraucher:innen über die Klimaauswirkungen eines Lebensmittels informiert, soll mithilfe der Universität Göttingen noch entwickelt werden. Zudem sollen Vorurteile zwischen Erzeuger:innen und Verbraucher:innen abgebaut und Partnerschaften zwischen landwirtschaftlichen Betrieben und zum Beispiel der Gemeinschaftsverpflegung in Schulen gefördert werden.
Rund drei Millionen Euro sind im Haushalt für die Umsetzung der Ernährungsstrategie eingeplant. „Wir stehen am Anfang vieler Dinge, die entstehen können“, sagt Ernährungsministerin Barbara Otte-Kinast und lädt alle dazu ein, Projekte zu entwickeln, Modellregion zu werden und sich für gesunde Ernährung starkzumachen.
 
Lieber Konkretes als das x-te Konzept
 
Von solchen Appellen hält Miriam Staudte, agrar- und ernährungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, nichts. „Wenn Ministerin Otte-Kinast etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun möchte, könnte sie sich für ein Gesetz nach französischem Vorbild einsetzen, das Supermärkten verbietet, genusstaugliche Lebensmittel wegzuwerfen. Wer `containert´, hat immer noch mit Strafverfolgung zu rechnen“, sagt Staudte.
Und wenn im Schul- und Kitabereich immer noch der günstigste Anbieter den Zuschlag bekommen müsse, helfe auch keine Ernährungsstrategie. Stattdessen brauche es verpflichtende Kriterien, die regionales und biologisch erzeugtes Essen bevorzugen. Von der Förderung von Bio-Produkten sei in der Präsentation der Ministerin nichts zu lesen. Dafür müsse dann auch das Geld bereitgestellt werden, anstatt es in die x-te Konzepterstellung zu stecken. „Das unter rot-grün eingeführte Schulobstprogramm für kostenloses Obst und Gemüse aus der Region auf die Kitas auszudehnen, wäre auch schon mal eine konkrete Maßnahme“, sagt Staudte.
www.ernaehrungsstrategie-niedersachsen.de.


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