

Kuhstedt. Im Februar 2025 hatte der Anzeiger über die aufkeimende deutsche Punkwelle um 1980/81 in der Region sowie über die „Punk-Hochburg Kuhstedt“ berichtet. Dort gastierte die hannoversche Formation Hans-A-Plast mit der charismatischen Sängerin Annette Benjamin im Juni 1980 und im Januar 1981 im damaligen „Ear“.
Die Redaktion fragte sich, was die Musikerin, die den Punk in die norddeutsche Provinz brachte, heute wohl macht.
Zigaretten holen
Jahrelang war es still um Annette Benjamin. Seit einiger Zeit sind die drei Alben ihrer Band Hans-A-Plast jedoch wieder erhältlich, nachdem sie von einer Hamburger Plattenfirma neu veröffentlicht wurden. Ergänzend gibt es beim Label MIG die Doppel-CD/DVD „Live At Rockpalast 1980“.
Benjamin selbst ist ebenfalls seit einigen Jahren wieder aktiv. Sie spielt mit Thomas Götz (Beatsteaks), Max Gruber (Drangsal), Charlotte Brandi und Julian Knoth (Die Nerven) in der Band Die Benjamins.
Vor der Veranstaltung „A Life Without Punk“ in der Hamburger Markthalle beantwortete Benjamin dem Anzeiger einige Fragen. Dort diskutierte sie mit ebenfalls legendären Künstler:innen wie Budgie (Siouxsie & The Banshees), Colin Newman (Wire), Malka Spigel (Minimal Compact), Gudrun Gut (Mania D., Malaria), Mark Reeder, John Robb, Moderator Ingo Scheel, Pauline Murray (Penetration) und Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten) über die Punkzeit ab 1976/77.
Dabei kamen Erinnerungen an Kuhstedt zurück, „weil Kuhstedt ja so auch für Hans-A-Plast total abgefahren war. Es waren gar nicht so viele Leute beim Konzert, aber die, die da waren, sind so völlig wild durch die Decke gegangen“, so Benjamin.
Zwei Jahre nach den Konzerten im „Ear“ zog sie sich für rund 35 Jahre größtenteils aus dem Musikbusiness zurück. „Ich war kurz Zigaretten holen. Aber nicht in New York, sondern in Frankreich.“ Die übrige Zeit habe sich auf das Leben in Hannover, wo Hans-A-Plast herkam, und Münster verteilt. Dort lebt Benjamin heute und engagiert sich ehrenamtlich. In der Zeit des „Zigarettenholens“ seien die Einnahmen ihrer Platten „in finsteren Kanälen versackt“. Seit dem neuen Vertrag bekomme sie wieder Tantiemen für ihre Musik.
Sopran, Gothic und Goethe
Als Benjamin zurück in Deutschland war, wurde sie vom Moderator und Autor Adam Riese in Münster wiedererkannt. Riese besaß all ihre Platten und habe sie daraufhin in seine Talkshow eingeladen.
Benjamin habe bereits zuvor wieder Musik gemacht, allerdings eher klassisch. Sie habe Sopran studiert und mit einer Altsopranistin ein Programm mit Musik von Schumann und Schubert aufgeführt.
Auch habe es ein Treffen mit der aus Deutschland stammenden Gothic-Punk-Band Bloody Dead And Sexy gegeben. „Das waren Freunde meiner Tochter. Die sagten, ‚Was? Deine Mutter ist die Sängerin von Hans-A-Plast? Das kann wohl nicht sein!‘ Und meine Tochter so, ‚ja doch‘.“
Ihre Tochter sei Goth gewesen und Benjamin habe sich gefragt, was das mit Hans-A-Plast zu tun habe. Die Erklärung: Der Hans-A-Plast-Titel „Monstertanz“ laufe häufig auf Goth-Partys. „Dann haben wir den Song bei uns im Wohnzimmer mit der Band nochmal neu aufgenommen.“
Nachdem die Riese-Talkshow gelaufen war, sei Benjamin von einem Veranstalter kontaktiert worden, der ein Musikfestival in der Nähe von Hannover organisiere. Dort sei sie mit einer Punk-Coverband aus Osnabrück aufgetreten. „Die Stimmung war einfach barbarisch gut. Danach war ich auf jeden Fall in den sozialen Medien präsent.“
Anschließend habe Jan Müller, Bassist der Band Tocotronic, sie für seinen Podcast „Reflektor“ kontaktiert. Zur gleichen Zeit meldete sich Max Gruber – daraus entstand schließlich die Band Die Benjamins.
Neue Projekte
„Ich habe eine Synthesizer-Spielerin aus Köln kennengelernt. Mit ihr und zwei weiteren Frauen sind wir gerade dabei, ein neues Pop-Projekt auf die Bühne zu bringen.“
Weiterhin sei Benjamin mit dem Hardcore-Projekt DVMP, ausgesprochen „Dump“, aktiv. Die Band beschreibt ihre Musik als „Anti-Macker-Geballer“. „Sie haben ein paar alte Hans-A-Plast-Songs aufgenommen, machen da richtig harten Beat drauf und dazu singe ich dann.“ Obendrein sei sie vom deutschen Goethe-Institut nach Israel eingeladen worden.



