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„Ich wollte wieder frei sein“

Auf Einladung der Bremervörder Landfrauen hielt Sandra Fricke einen emotionalen Vortrag über ihrem persönlichen Weg in die Alkoholsucht und wieder hinaus.

Im Namen der Landfrauen bedankt sich Karin Steffens (rechts) bei Sandra Fricke.

Im Namen der Landfrauen bedankt sich Karin Steffens (rechts) bei Sandra Fricke.

Bremervörde (uml). Als einziges Kind – noch dazu als Mädchen – wurde Sandra Fricke 1972 in die Möbelhaus-Dynastie Fricke geboren. Die 1970er Jahre waren noch geprägt von den männlichen Dominanzen und den Frauen, die sich zu fügen hatten. Die kleine Sandra erlebte eine behütete Kindheit und wurde von allen Seiten verwöhnt -vielleicht auch, weil ihre Eltern so wenig Zeit für sie hatten.

 

Leistungsdruck und Feierabendbier

 

In jungen Jahren entstand der Wunsch, später Erzieherin zu werden - bis bei der Einweihungsfeier eines Anbau des Möbelgeschäftes offiziell Sandra als Nachfolgerin für die 3. Generation Fricke in Bremervörde genannt wurde. Damit brach für das junge Mädchen ein Traum zusammen und es entstand eine große Erwartungshaltung mit Leistungsdruck, dem sie fast nicht umsetzen konnte. Beruflich wurde alles auf „Betriebsübernahme“ ausgelegt – privat sah die inzwischen jugendliche Sandra Fricke, dass ein „Feierabendbier“ für den Hausherrn und das eine oder andere Glas Sekt bei einer Feier „ganz normal“ sei und zum guten Ton dazu gehörte.

Bremervörde als Kleinstadt hat viel Potenzial, wenn man Gelegenheiten sucht. Schützenfeste, Partys, Pfingsttouren, Babypinkeln und noch viel mehr. Ein Grund für ein Gläschen gab es immer.

 

Erste Entgiftung

 

2005 wurde das Möbelhaus Fricke von der Familie nach langen internen Diskussionen – und vielen Flaschen Wein und Sekt – geschlossen und die damals fast 33-jährige Sandra Fricke bekam einen guten Job im Außendienst. Die Abende luden erneut ein, mit einem Gläschen gemeinsam verbracht zu werden. In den darauffolgenden Jahren steigerte sich der Pegel immer mehr und so manches mal war Fricke froh, dass nichts passiert sei. Autofahren mit Restalkohol ist immer ein großes Risiko für alle Beteiligten. Erst im März 2010 suchte und fand die Sprecherin Hilfe und Unterstützung bei einer Freundin und dem Hausarzt und startete eine Entgiftung in Zeven. Für ihre Eltern schien es bis zu dem Zeitpunkt immer noch so, als sei sie nur „überarbeitet“.

Im November 2010 ging es dann in die Langzeittherapie, in der sie sich und ihr Leben reflektieren und verarbeiten lernte. Nur eine von zehn Teilnehmenden würde es schaffen, im Anschluss abstinent zu bleiben, sagte damals eine Therapeutin zu Sandra Fricke, die sich vornahm „diese eine bin ich“. Für acht Jahre gelang es.

In dieser Zeit wechselte Fricke vom Außendienst in den Einzelhandel und dann nochmal zur Firma Lattoflex in Bremervörde.

 

Rückfall nach acht Jahren

 

Dieser Job brachte Fricke sehr viel Spaß – kollidierte aber mit gesundheitlichen Herausforderungen in der Familie. Während eines Griechenlandurlaubs sorgte die Sonne und die gute Stimmung dafür, ein kleines Gläschen Wein zu probieren. Am nächsten Tag war es dann noch eins und so steigerte es sich dann langsam, aber sicher wieder zu einem zu hohem Level. Auch der Versuch „sich selbst wiederzufinden“ mit Wandern des Jacobs-Weges, Fallschirmspringen oder einer längeren Reise nach Indien halfen nicht, die Spirale der Abhängigkeit zu stoppen. Mit Beginn der Corona Zeit wurde es immer schlimmer und Fricke rutschte nicht nur voll in die Depression, sondern auch in die Alkoholsucht.

 

Neustart

 

Im April 2021 zog die fast 50-Jährige dann die Reißleine, trat in das Forum „alkohol-ade.com“ ein und begann bereits wenige Tage später mit der qualifizierten Entgiftung. Zum Glück bestand ein gutes Verhältnis zum Arbeitgeber, Boris Thomas, mit dem Fricke offen reden konnte und der sie auch in dieser Situation unterstützt hat. Ab Ende September 2021 ging es für 3 Monate in die Tagesklinik nach Bremen. Nach der Rückkehr in den Alltag nutzte Sandra Fricke die Möglichkeit des Aufhebungsvertrages und ordnete ihr Leben neu. Mit Aus- und Fortbildungen bereitete sie sich auf ihren beruflichen Neustart als Coach und Beraterin in den Bereichen Yoga, Schlaf, Stress und Sucht und ging Ende 2022 damit in die Selbstständigkeit.


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