Lena Stehr

Geflügelpest: Ausgangssperre für Hühner und Co.

Niedersachsen. In Niedersachsen werden rund 106,6 Millionen Geflügeltiere in 53.650 Beständen gehalten, die potenziell von der für Haus- und Wildgeflügel hochansteckenden Geflügelpest bedroht sind. Auch bei Geflügelhalter:innen in unserer Region ist die sogenannte Vogelgrippe gefürchtet.

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Neben dem Coronavirus bereitet in diesem Herbst auch das Geflügelpestvirus Sorge. In Niedersachsen wurden kürzlich bereits mehrere Fälle registriert, zuletzt in einem Geflügelbetrieb in Hagen im Bremischen im Landkreis Cuxhaven. Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast hat den Tierseuchenkrisenfall für Niedersachsen festgestellt und die Aktivierung des Tierseuchenkrisenzentrums sowie die Errichtung des Krisenkoordinierungsstabes beim Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) angeordnet.
 
Rund 70.000 Tiere wurden bereits getötet
 
Rund 70.000 Puten und Enten sind in den vergangenen Tagen vorsorglich getötet worden. Denn sobald ein Fall nachgewiesen wird, müssen alle Tiere des Betriebs getötet werden. Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) hofft, dass die Vogelgrippe nicht so hart zuschlägt wie zwischen Oktober 2020 und April dieses Jahres, als in 150 Betrieben mehr als eine Million Tiere getötet werden mussten.
 
Aufstallungspflicht in den Landkreisen
 
In den gesamten Landkreisen Cuxhaven und Osterholz gilt bereits die Aufstallungspflicht. Tiere, die sich normalerweise unter freiem Himmel bewegen können, müssen also dauerhaft in überdachte Stallungen gesperrt werden - für wie lange ist ungewiss, vermutlich aber für mehrere Monate. Auch im Landkreis Rotenburg ist eine kreisweite Aufstallpflicht nicht ausgeschlossen, sagt Sprecherin Christine Huchzermeier. 1.943 Geflügelhaltungen und knapp zwei Millionen Tiere wären davon betroffen.
Im Landkreis Osterholz wurde aufgrund der räumlichen Nähe des Ausbruchs im Nachbarlandkreis eine Überwachungszone eingerichtet, die sich auf die Gemeinde Schwanewede, die Stadt Osterholz-Scharmbeck und die Samtgemeinde Hambergen erstreckt. Rund 60 Geflügelhaltungen mit einem Gesamtbestand von rund 850 Tieren sind betroffen. Das Verbringen von Vögeln, Fleisch von Geflügel, Eiern und sonstigen Nebenprodukten von Geflügel in und aus Betrieben in der Überwachungszone ist verboten. Auch Geflügeltransporte sind in der Überwachungszone verboten. Geflügelhalter:innen sollten zudem niemandem Zutritt zu ihren Beständen gewähren und besonders umfangreiche Hygienemaßnahmen einhalten.
 
Virusanpassung an Säugetiere wird geprüft
 
Laut Bundesinstitut für Risikobewertung war es im August 2021 zu vereinzelten Todesfällen unter Seehunden im deutschen Wattenmeer gekommen, die vermutlich auf das Geflügelpestvirus zurückzuführen ist. Aktuelle Untersuchungen klären, ob die bei Seehunden nachgewiesenen Viren bereits genetische Anpassungen an Säugetiere aufweisen.
Im Februar 2021 wurden durch russische Behörden zudem die ersten menschlichen Infektionen kommuniziert. Eine Weiterverbreitung von Mensch zu Mensch wurde jedoch nicht beobachtet. Infektionen des Menschen seien auch in Deutschland nicht prinzipiell auszuschließen.
 
Übertragung über Lebensmittel unwahrscheinlich
 
Eine Übertragung des Erregers (H5N8) über infizierte Lebensmittel auf den Menschen sei theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich. Für die Möglichkeit einer Infektion des Menschen durch rohe Eier oder Rohwursterzeugnisse mit Geflügelfleisch von infizierten Tieren gibt es bisher keine Belege. Auf die Einhaltung von Hygieneregeln im Umgang mit und bei der Zubereitung von rohem Geflügelfleisch und Geflügelfleischprodukten sollte aber grundsätzlich geachtet werden.
Auch Haustiere können das Virus übrigens nach Kontakt weiterverbreiten. Daher sollte ein direkter Kontakt von Haustieren, insbesondere Hunden und Katzen, mit toten oder kranken Vögeln verhindert werden, betont Stephanie Bachmann vom Landkreis Cuxhaven.
 
Partyzelte für Hühner
 
Der Hof im Dorfe von Angela Gerken in Hagen im Bremischen (Landkreis Cuxhaven) liegt nur wenige Kilometer von dem Betrieb entfernt, in dem die Geflügelpest nachgewiesen wurde. Für ihre rund 400 Hühner in mobilen Ställen, die sich eigentlich draußen frei bewegen können, hat sie nun Partyzelte aufgestellt, um die Tiere vor Außenkontakten zu schützen. Damit auf dem begrenzten Raum keine Langeweile aufkommt, stellt Gerken den Tieren unter anderem Beschäftigungsmaterial und viele Kerne und Rüben zum Picken zur Verfügung.
Und während viele Tierschützer:innen insbesondere die geschlossene Massentierhaltung und den weltweiten Geflügelhandel als Ursache für die Verbreitung der Geflügelpest verantwortlich machen, sieht Angela Gerken, die selbst zwei Hähnchen-Mastställe mit je 30.000 Tieren hat, die eigentliche Gefahr im Klimawandel.
 
Immer mehr Wildvögel
 
Es gebe inzwischen immer mehr Gänse und Enten, die nicht mehr in den Süden zum Überwintern ziehen, sondern hierbleiben und brüten würden. Zudem würden sich die Wildvögel immer weiter vermehren, da sie nicht bejagt werden dürften, so Gerken. Sie fürchtet nun, dass ihre Tiere - so wie im vergangenen Jahr - aufgrund der Vogelgrippegefahr wieder bis Mai im Stall bleiben müssen. Immerhin habe sie eine Ausnahmegenehmigung vom Landkreis und könne die Eier ihrer Hühner weiter vermarkten, anstatt sie wegschmeißen zu müssen. Einmal in der Woche kommt das Veterinäramt und kontrolliert den Betrieb dafür engmaschig.
Übrigens: Jeder Verdacht der Erkrankung auf Geflügelpest muss dem zuständigen Veterinäramt gemeldet werden. Zudem müssen alle Gefügelhalter:innen sich beim Landkreis registrieren.


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