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Mareike Kerouche

„Endlich anfangen, rhetorisch abzurüsten“ - Rainer Schwalb referierte auf Einladung der GSP über Russlands Rolle in der Welt

Brigadegeneral a.D. Rainer Schwalb räumte in seinem Vortrag   „Russland - europäische Macht oder globale Bedrohung?“ mit angeblichen Bedrohungen des Westens durch den östlichen Nachbarn auf und gewährte seiner Zuhörerschaft Einblicke in russische Denkweisen.  Foto: ue

Brigadegeneral a.D. Rainer Schwalb räumte in seinem Vortrag „Russland - europäische Macht oder globale Bedrohung?“ mit angeblichen Bedrohungen des Westens durch den östlichen Nachbarn auf und gewährte seiner Zuhörerschaft Einblicke in russische Denkweisen. Foto: ue

Bremervörde. Die deutschen Medien werden nicht müde, Russland als den neuen, alten Feind an den Pranger zu stellen. Die Eskalation in der Ukraine, der Verstoß gegen das INF-Abkommen und andere Unwägbarkeiten führen dazu, dass viele Menschen in dem mächtigen Staatengebilde im Osten wieder eine Bedrohung sehen.
Wie es wirklich um Russlands Weltmachtstreben bestellt ist, erläuterte Rainer Schwalb, Brigadegeneral a.D., auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und der VHS Zeven in seinem Vortrag „Russland - europäische Macht oder globale Bedrohung?“ im EWE-Kundencenter.
Sechseinhalb Jahre war der ehemalige Soldat als Militärattaché in Moskau und kennt somit Land und Leute aus eigener Anschauung. Deshalb versuchte er vor allem, seiner Zuhörerschaft das russische Denken näher zubringen.
„Ich erlebte die guten Jahre mit Russland, die mit der Annexion der Krim schlagartig endeten“, so Schwalb. Diese sei eindeutig völkerrechtswidrig gewesen. Dennoch sei, so der ehemalige General weiter, vieles bei uns maßlos überzeichnet dargestellt. Die Russen fühlten sich in vielen Konflikten vom Westen nicht ernstgenommen: „Jugoslawien, Irak, Lybien. Als es dann um einen möglichen NATO-Beitritt der Ukraine ging, war das für sie ein Schritt zu weit.“
Rainer Schwalb konnte sich damals direkt vor Ort ein eigenes Bild machen, erlebte die russische Unterstützung der Separatisten, machte aber auch klar, dass Russland nie die Absicht gehabt habe, die ganze Ukraine zu besetzen, wie westliche Medien immer wieder Ängste geschürt hatten. Auch die in der Presse dramatisierte Verlegung russischer Kräfte in Richtung Westen relativierte er: „Wir sprechen von drei Divisionen, die an neue Standorte verlegt wurden. Die sind jetzt nicht näher an der NATO-Grenze als vorher.“
Die Tatsache, dass Russland immer wieder die Schlagkraft seines nuklearen Arsenals betone, bedeute für ihn als Kenner der Materie, dass man damit konventionelle Schwäche überspielen wollen. Als Beispiel nannte er dafür den einzigen russischen Flugzeugträger, der inzwischen für die nächsten sechs Jahre aus dem aktiven Dienst genommen wurde. „Wer keine Flugzeugträger hat, hat auch keine weltweiten Ambitionen“, stellte Schwalb klar.
Momentan verwende Russland rund drei Prozent seines Bruttosozialproduktes für die Rüstung. Das seien rund 44 Milliarden Euro - weniger, als die Bundesrepublik Deutschland in sein Militär steckt.
Russland schwört seine Bevölkerung aber durch eine regelrechte Patriotismuserziehung auf die eigenen Werte ein. Dafür sei man sogar eine „unheilige Allianz“ mit der Kirche eingegangen. „Man ist in Russland wirklich davon überzeugt, die wahren Vertreter westlicher Werte zu sein. Die Russen sind stolz, was sie im Zweiten Weltkrieg erreicht haben und was sie heute militärisch können.“
Dabei dürfe man nicht ignorieren, dass das russische Volk eine beinahe 1000-jährige Diktatur hinter sich habe. Die Demokratie, die 1991 mit Boris Jelzin Einzug hielt, brachte vor allem Hunger und Chaos, bis Putin mit starker Hand die Zügel übernahm.
„Die Russen haben drei Traumata“, machte Schwalb klar. Zwei davon seien kriegerischer Natur, nämlich der Einfall Napoleons 1812 und der deutsche Überfall 1941. Beide Male glaubte man sich aufgrund geschlossener Freundschaftsverträge sicher. „Daraus haben die Russen gelernt, dass man in Verträge kein Vertrauen haben kann.“ Auf die Frage wie man mit dem dritten Trauma, der Oktoberrevolution von 1917, umzugehen habe, suche man in Russland immer noch nach Antworten.
„Russland hat vor allem drei Ziele“, so Rainer Schwalb: Neben Sicherheit und Stabilität seien das Respekt in der Welt und die wirtschaftliche Entwicklung.
Auch das Problem im Baltikum relativierte er. Russland sehe sich dort im Bereich Kaliningrad von allen Seiten mit der NATO konfrontiert. Gleiches gilt im Umkehrschluss für Estland, Lettland und Litauen. „Militärisch kann man das Problem nicht lösen.“ Hier müsse man auf Vertrauensbildung setzen, gleichzeitig aber auch klar machen, dass sich ein dortiger Konflikt nicht regionalisieren lassen würde.
Ein Problem sieht der Ex-General vor allem in der überwiegend negativen Berichterstattung über Russland im Westen. „Dabei ist die Medienberichterstattung in Deutschland die Negativste in ganz Europa“, klagt er an. „Wir sollten vor allem endlich anfangen, rhetorisch abzurüsten. Man spricht heute nicht mehr von Partnerschaft, sondern von Gegnerschaft. Wenn wir wieder zusammenkommen wollen, sollten wie aufhören immer maßlos zu übertreiben. Manchmal hilft es, die Dinge gelassener zu sehen.“
Dennoch sprach er sich klar dafür aus, mehr Geld für die deutschen Streitkräfte auszugeben: „Aber nicht wegen Russland, sondern um die Bundeswehr überhaupt wieder einsatzfähig zu machen.“


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