Patrick Viol

Die Wärme des kalten Christus  

Patrick Viol kritisiert vor dem Hintergund bürgerlicher Kälte das Gebot der Nächstenliebe und präsentiert einen kalten Christus mit einer besseren Lehre.

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Und Jesus sprach: Wer versucht, sein Leben zu behalten, wird es verlieren. Doch wer sein Leben für mich aufgibt, wird das wahre Leben finden.

Und Jesus sprach: Wer versucht, sein Leben zu behalten, wird es verlieren. Doch wer sein Leben für mich aufgibt, wird das wahre Leben finden.

Foto: Freepik

Ein Blick auf die Liste der Wörter des Jahres: Milliardenloch, Migrationsbremse, hybride Kriegsführung, Ampelzoff, Antisemitismus und ganz oben Krisenmodus. „Die Liste spiegelt die Realität wider, und die Realität ist derzeit ziemlich düster“, so Andrea Ewels die Geschäftsführerin der Gesellschaft für deutsche Sprache. Der Ausnahmezustand sei zum Dauerzustand geworden, Angst, Unsicherheit und Ohnmacht seien die Gefühle, die den Alltag der Menschen bestimmten. Auch wenn der Liste Wut hinzuzufügen und anzumerken ist, dass die meisten Menschen das Leben auch vor der Pandemie im „Krisenmodus“ bewerkstelligen mussten, hat Ewels Recht: Die Realität ist ziemlich düster. Hass und Gewalt sind für viele Menschen mehr denn je präsent; die Konfliktlinien der letzten Jahre führten zu Brüchen und Spaltungen, nicht nur in der Gesellschaft. Auch in Freundschaften und Familien.

 

Arbeit statt Barmherzigkeit

 

Ein Ausdruck dieser verdunkelten Zeiten ist, dass Menschen in machtvollen Positionen dem Anschein nach ihren Prinzipien oder Versprechungen entgegenhandeln. Von den politischen Kanzeln aus wird zwar stets betont, man lasse niemanden allein. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Union zum Beispiel. Obwohl Vertreterin des Christentums, hat sie das Jahr über vor allem Stimmung gegen Bedürftige gemacht. Sie wetterte gegen Asylsuchende und Bürgergeldempfänger, die nur darauf aus wären, ihre Faulheit alimentieren zu lassen. Das ist nicht nur faktisch, sondern auch ihrer eigenen Moral nach falsch. Die Nächstenliebe ist keine, die der Bedürftige sich verdienen muss. Er erfährt sie, weil er bedürftig ist. Aber am Ende scheint sich bei der Union dann doch der Arbeitsfetisch gegen Christus Barmherzigkeit durchzusetzen. Entsprechend hat sie mit ihrer Verfassungsklage dafür gesorgt, dass weniger Geld zum Verteilen da ist.

Aber die Ampelregierung ist nicht besser. Davon, dass sie eine Regierung des Respekts und der Gerechtigkeit sei, ist nicht viel zu spüren. Wäre sie eine solche, worauf es jetzt ankäme, hätte sie wie der barmherzige Samariter bei ihrer Neugestaltung des Haushalts von den Bedürftigen aus rechnen und die Schuldenbremse weiter aussetzen müssen. Stattdessen will man die Bedürftigen „treffsicher“ unterstützen, wie es Christian Linder euphemistisch ausdrückte. Sprich: Kein Bürgergeldbonus und härtere Sanktionen, die man eigentlich abschaffen wollte. Auch hier die Vorstellung: nicht jeder hat Hilfe verdient. In der Not lässt der Teufel seine Untertanen nicht einmal Fliegen fressen.

 

Support für Antisemiten

 

Aber nicht nur den Kampf gegen Armut, auch den gegen Hass führt man unter dem Niveau seiner Notwendigkeit. Die feministische Außenministerin z.B. scheint die Öffentlichkeit hinsichtlich der Möglichkeit, die iranischen Revolutionsgarden als Terrororganisation einstufen zu lassen, zu täuschen. Wie die taz offenlegte, ist es durchaus möglich, die Mörderbande des bewaffneten Antisemitismus, die auch in Deutschland Oppositionelle und jüdische Institutionen angreift, auf die Terrorliste der EU zu setzen. Baerbock hat das bisher verneint. Auch mit der Antisemitismus-Präventionsarbeit nimmt es die Bundesregierung trotz vieler Worte nicht so ernst. So sollen hier in einer Zeit Gelder gestrichen werden, die in aller Brutalität darlegt, dass Antisemitismus nach wie vor der beliebteste Krisenbewältigungsmechanismus ist, von Rechten, wie von linken Antirassisten. Und damit kommen wir von den Kanzeln der Politik zu den Brettern der Kultur, die sich aber nicht unter den Füßen, sondern vor den Bregen der „Kulturschaffenden“ befinden. Hier wird zum einen ohne Unterlass Inklusion, Menschlichkeit und Vielfalt gepredigt. Aber wenn dann den Nationalsozialismus beerbende Hamasschlächter ca. 1.200 Jüdinnen und Juden massakrieren und 240 von ihnen entführen, entdeckt man in der Kulturszene auf einmal die Fähigkeit, seinen Mund zu halten, wenn man keine Ahnung hat - aber auch nur, um danach umso mehr menschenverachtende Kakophonie zu produzieren. Unzählige „Kulturschaffende“ unterstützen nicht Israels Verteidigung gegen jene, die es vernichten wollen, sondern die Propaganda des „palästinensischen Widerstands“ und werfen Israel so kontrafaktisch wie antisemitisch einen Genozid an den Palis vor. Ähnliches betreiben (Kunst-)Studenten in Hörsäalen und zusammen mit Islamisten auf Straßen.

 

Das Problematische Selbst

 

Umso mehr wird das Staats-und Kulturpersonal zum Weihnachtsfest in diesem Jahr an Christus‘ Lehre der Nächstenliebe erinnern und gesellschaftlichen Zusammenhalt predigen. Aber in Anbetracht dessen, was dieses Personal allein in diesem Jahr verzapft hat, werden sich viele abwenden und die Reden von Nächstenliebe und Zusammenhalt als Heuchelei, gar als dreiste Lüge abtun. „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst?“, - das predigt man den Menschen, während davon in der politischen Praxis sich wenig niederzuschlagen scheint. - Das könnte man meinen. Man könnte es aber auch anders sehen und die sozialen Schweinereien von Politik und Kultur nicht als Verstoß, sondern als Praxis der Nächstenliebe erkennen. Denn da diese ihre Bestimmung von der Selbstliebe erfährt, wir aber in einer Welt leben, in der sich jeder Mensch „ohne jede Ausnahme ...zu wenig geliebt fühlt, weil jeder zuwenig lieben kann“, so Theodor W. Adorno, wie Christus ein kritischer Jude, ist es mit der Selbstliebe nicht weit her und die von ihr ausgehende Behandlung des Nächsten kann durchaus von herzloser Kälte zeugen. Wer glaubt, er sei nur durch seine Arbeit etwas wert, wird Arbeitslosen nicht gerade gütig behandeln.

Die Fähigkeit zu lieben wird gesellschaftlich dadurch eingeschränkt, dass der Einzelne sich mehr als Mittel in der allgemeinen Konkurrenz denn als freier Zweck an sich selbst betrachten muss. Daraus folgt zum einen, dass er zum gesellschaftlichen Überleben sich als Individuum zugleich narzisstisch erhöhen und verachten muss. Zum anderen muss er, um diesen Widerspruch im Bezug auf sich selbst aushalten zu können, unbewusst erkalten. Und schließlich ist es die Predigt von Nächstenliebe und gesellschaftlichem Zusammenhalt selbst, die weiter erkalten und Nächstenliebe zu dem verkümmern lässt, was Union und Ampel praktizieren. Da Nächstenliebe nicht die strukturelle Verbesserung der Gesellschaft fordert, sondern nur das subjektive Verhalten der Menschen anspricht, das aber selbst als Gutes an der strukturellen Ungerechtigkeit nichts ändert, reißt der Appell an Nächstenliebe nur die Wunde der Ohnmacht auf, die von neuem verdrängt werden muss, was weiter erkalten lässt. Von Selbstliebe bestimmte Nächstenliebe ist wie jene narzisstisch beschädigt und kalt. Das ist bitter für jene, die wirklich Hilfe benötigen. Es ist aber auch gefährlich. Vor allem und immer wieder für Juden. Von Erkalteten, weil sie letztlich ihre Kälte nicht ertragen, aber auch nicht ändern können, geht aufgrund des Narzissmus und der nach innen gerichteten Aggression die Gefahr eines wärmenden Zusammenschlusses durch Feindprojektion aus. Auch die Volksgemeinschaft war eine von Erkalteten, die ihre Kälte nicht ertrugen, und sich schließlich am gemeinsamen Judenhass erwärmten, so Adorno. Und die Inklusion und Menschlichkeit predigende Kulturszene wärmt sich gerade am Israelhass auf.

Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst? Dabei kommt in dieser Welt also nichts Gutes raus, weil das Selbst beschädigt und die Menschen entfremdet sind. Davon hatte auch Christus eine Ahnung, an welche ich zum Fest erinnern möchte. Bei seiner Kreuzigung spricht er davon, die Menschen wüssten nicht, was sie tun. Und an anderer Stelle sagt er: „Wer versucht, sein Leben zu behalten, wird es verlieren. Doch wer sein Leben für mich aufgibt, wird das wahre Leben finden.“ Was Jesus, ich würde ihn an dieser Stelle den kalten Christus nennen, hier formuliert ist, dass, wer zum wahren Leben gelangen und - was das gleiche ist - seinem Nächsten wahrhaft gute Taten angedeihen lassen will, der muss sein in dieser Gesellschaft gewordenes So-Sein, seine Identität zum Gegenstand kritischer - an der Idee von Gott bzw. einer freien Gesellschaft ausgerichteten - Reflexion machen. Der kalte Christus verlangt, da Menschen nicht unmittelbar wissen, was sie tun und ihr Selbst unter schlechten Umständen gebrochen und giftig ist, sich von seinem Selbst zu entlieben und es durch eine kühle Distanz zu etwas Fremdem werden zu lassen. Dadurch, indem sie die strukturell unbewusst abverlangte Kälte bewusst gegen das erkaltete Selbst wenden, erlägen die Menschen weniger der in ihnen virulenten, aber meist projizierten Selbstverachtung. - „Fremdheit ist das einzige Gegengift gegen Entfremdung“, so Adorno. Und aufgeklärte Kälte ist die Grundlage wahrer Wärme.


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