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Käte Heins

„Der Unbeugsame“

Erinnerung an den Holocaust-Überlebenden Julius Brumsack aus Beverstedt.

Beverstedts Bürgermeister Guido Dieckmann (li.) freute sich über den Besuch von Elfriede und Hans-Jürgen Brumsack, die das Buch „Der Unbeugsame“ vorstellten.

Beverstedts Bürgermeister Guido Dieckmann (li.) freute sich über den Besuch von Elfriede und Hans-Jürgen Brumsack, die das Buch „Der Unbeugsame“ vorstellten.

Beverstedt. Elfriede und Hans-Jürgen Brumsack stellten im Beverstedter Rathaus ein Buch gegen das Vergessen vor, das die Geschichte eines Beverstedter Juden erzählt, der immer ein Außenseiter blieb.

Julius Brumsack floh 1939 vor den Nazis nach England. Seine Familie wurde nach Minsk deportiert und ermordet. Trotzdem fasste er den Entschluss nach Kriegsende in seinen Heimatort Beverstedt zurückzukehren. Seine Schwiegertochter hat seine Geschichte aufgeschrieben. Sie habe ihrem Schwiegervater ein Denkmal setzen wollen.

 

Gegen eine Wand des Schweigens

 

Die Lesung des Buches „Der Unbeugsame - Ein Leben zwischen Verfolgung und ‚Wiedergutmachung‘“ von Elfriede Brumsack im Heimatort von Julius Brumsack stieß kürzlich auf enormes Interesse. Der Rathaussaal platze aus allen Nähten. „Wenn wir geahnt hätten, dass so viele Menschen kommen, hätten wir die Feldhofhalle für die Lesung gewählt“, eröffnete Beverstedts Bürgermeister Guido Dieckmann (parteilos) die Veranstaltung, nachdem er und freiwillige Helfer:innen aus allen Bereichen des Rathauses Stühle aufgetrieben hatten.

Elfriede Brumsack las bewegende Passagen aus dem Buch vor, die von der Flucht ihres Schwiegervaters nach England erzählten, von Nächten in selbst ausgehobenen Gruben als britischer Besatzungssoldat in Frankreich während des 2. Weltkriegs und von seiner Rückkehr in sein Heimatdorf Beverstedt. Während des Vortrags wurden Bilder aus dem Fundus des Hobbyfotografen eingeblendet. Diese und weitere Dokumente, auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, gegen eine Wand des Schweigens aus der Bevölkerung waren harte Kost und hielten so manchem Anwesenden samt Nennung heute noch bekannter Bürger in Beverstedt einen Spiegel der Vergangenheit vor.

 

„Wir waren doch keine Nazis“

 

Von der Deportierung will keiner oder wollte keiner was mitbekommen haben. „Die Recherche zu meinem Buch war Detektivarbeit mit schrecklichen Erkenntnissen“, berichtete die pensionierte Lehrerin. So sei sie dabei auf Namen von 128 Nachbarn und vermeintlichen Freunden gestoßen, die nach der Deportation der Familie deren Besitztümer ersteigert hatten und im Nachhinein behaupteten: „Wir waren doch keine Nazis“.

Im Anschluss an die Lesung standen Elfriede Brumsack und ihr Mann Hans-Jürgen, Sohn von Julius, dem Publikum Rede und Antwort. „Antisemitismus war nie weg, den gab es immer. Aber wenn ich mir die Geschehnisse der letzten Wochen anschaue, bekomme ich Angst. Wenn mein Schwiegervater noch leben würde, wäre er erschrocken. Er hat sich sein Leben lang für ‚Nie wieder‘ eingesetzt“, sagte die Oldenburgerin, die den Tag der Lesung bewusst gewählt hatte, „weil die Familie Brumsack am 17. November 1941 aus Beverstedt deportiert wurde“.

 

Antisemitismus lebt wieder auf

 

Die zweifache Mutter und vierfache Großmutter und ihr Ehemann zeigten weder mit den Fingern auf die Nachkommen der damaligen Denunzianten und Nazigetreuen, noch verurteilen sie die aktuellen Kriegsgegner:innen in Israel im Allgemeinen. „Eine palästinensische Mutter weint genauso um ihr Kind wie eine israelische, und die weltpolitische Lage treibt uns alle um. Antisemitismus lebt momentan wieder enorm auf und wir hätten tatsächlich mehr Solidarität in Deutschland erwartet“, so Brumsack.

 

Friedlicher Kampf um Wiedergutmachung

 

In der Beverstedter Meyerhofstraße eröffnete Julius Brumsack nach dem Krieg mit seiner Frau ein Textilgeschäft. Mit dem Verkauf von Kartoffelsäcken fing alles an. Immer aufmerksam und freundlich seiner Kundschaft gegenüber. Die Erlebnisse seiner Flucht blieben hinter der Ladentheke. Zwar kämpfte Julius Brumsack um Aufklärung und Entschädigung. Beverstedter Mitbürger:innen ließen ihm auch Anerkennung zuteil werden. Doch Vorurteile und Neid blieben. Das lebenslange Streben, die Verbrechen gegen jüdische Mitmenschen und den unbeugsamen Julius Brumsack aufzudecken und friedlich um Wiedergutmachung zu kämpfen, lebt in der Familie weiter. Elfriede Brumsack ist wichtig, dass diese Geschichte nicht vergessen wird.

Julius Brumsack verstarb am 22. Oktober 2011 in Oldenburg. Begraben ist er auf dem jüdischen Friedhof in Beverstedt. Vor dem ehemaligen Geschäft in der Meyerhofstraße erinnern Stolpersteine an Familie Brumsack.

Das Buch „Der Unbeugsame‘‘ ist erschienen im Hentrich&Hentrich Verlag.


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