Lena Stehr

Corona verstärkt soziale Not

Landkreis. Die Corona-Pandemie trifft diejenigen, die schon vorher in existenziellen Nöten steckten, besonders hat. Für Obdachlose kam noch die Eiseskälte dazu. Im Gegensatz zur Großstadt gibt es auf dem Land zwar keine Engpässe in den Notunterkünften, doch es fehlen Möglichkeiten der Begegnung.

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Leere Stühle im Lebensraum Diakonie: Vielen Menschen, die schon vor Corona Probleme hatten, fehlt gerade jetzt ein Ort der Begegnung.  Foto: lst

Leere Stühle im Lebensraum Diakonie: Vielen Menschen, die schon vor Corona Probleme hatten, fehlt gerade jetzt ein Ort der Begegnung. Foto: lst

Mindestens 22 obdachlose Menschen sind in diesem Winter bereits erfroren, berichtet die Berliner Morgenpost, so viele wie zuletzt vor mehr als zehn Jahren. Grundsätzlich gilt: Wer obdachlos ist, dem muss die jeweilige Stadt oder Kommune eine Unterkunft zur Verfügung stellen.
 
Notunterkünfte nicht voll
 
In Osterholz-Scharmbeck gibt es insgesamt fünf Objekte mit 73 Plätzen. Momentan leben dort laut Pressesprecherin Lisanne Matthiesen 46 Personen, weniger als zehn Personen seien Langzeitobdachlose. Die Situation habe sich während des vergangenen Jahres im Vergleich zu den Vorjahren nicht geändert.
In Bremervörde gibt es zwei Notunterkünfte mit insgesamt 14 Plätzen. Zwei Personen leben dort momentan, eine von ihnen bereits durchgehend seit dem vergangenen Jahr, berichtet Verwaltungsmitarbeiter Volker Schomaker. Einen Anstieg habe es während der Pandemie und auch zuletzt in den kalten Wochen nicht gegeben. Bei den meisten Menschen, die in Notunterkünften unterkommen, handele es sich um Personen, die von Zwangsräumungen betroffen seien und eher selten um die klassischen Wohnungslosen (Berber), die mit Sack und Pack durchs Land ziehen. Von denen gebe es seit Jahren immer weniger.
Pastor Björn Beißner aus Hambergen kennt noch ein paar solcher „Stammkunden“, die aber vermehrt im Sommer vorbeikommen. Sie können - wenn sie wollen - im Gemeindesaal übernachten. Einer von ihnen halte sich gern mehrere Tage dort auf und koche sich auch mal etwas in der kleinen Küche im Gemeindesaal. „Meist bieten wir auch ein kleines Frühstück an“, sagt Beißner.
 
Soziale Not wird größer werden
 
Dass es in jeder Kirchengemeinde - auch während der Pandemie - Hilfe für Wohnungslose und Bedürftige gebe, betont Superintendentin Jutta Rühlemann vom Kirchenkreis Osterholz. „Wer bei uns anklopft, dem wird auch aufgemacht.“ Sie geht davon aus, dass die soziale Not vieler Menschen durch die Corona-Krise noch größer werde. Schon jetzt hätten die Seelsorge-, Sucht- und Schuldnerberatungen mehr zu tun als vorher.
Nah dran an den Betroffenen sind auch die Mitarbeiterinnen vom Lebensraum Diakonie (ehemals Herbergsverein) in Osterholz-Scharmbeck und Bremervörde. Die Beratungsstellen sind für alle Menschen offen, die sich in einer sozialen Notlage befinden. Wer möchte, bekommt hier kostenlos Unterstützung bei Wohnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheit, Behinderung und Abhängigkeit.
 
Begegnung im Lebensraum Diakonie
 
Und eigentlich sind die Lebensräume, in denen auch Wäsche gewaschen werden kann, vor allem auch ein Ort der Begegnung, sagt Sozialpädagogin Sandy Schütt, die gemeinsam mit einer Kollegin in Bremervörde tätig ist. Vor Corona seien täglich um die zehn Menschen regelmäßig zum Kaffeetrinken, Zeitunglesen, um das Internet zu nutzen oder einfach, um sich auszutauschen, hergekommen. „Für die meisten war das oft der einzige soziale Kontakt am Tag, und das ist nun komplett weggebrochen“, sagt Sandy Schütt.
 
Menschen im Abseits
 
Corona habe viele, die ohnehin schon Probleme gehabt hätten, noch mehr ins Abseits und in die komplette Isolation gedrängt. Mit einigen halte zwar der Kontakt über die offenen Sprechstunden, die täglich auch weiterhin angeboten würden. Andere würden sich komplett verkriechen und leider auch wieder rückfällig, obwohl sie vorher zum Beispiel ihre Alkoholsucht im Griff gehabt hätten, berichtet die Sozialpädagogin.
Für einen besonderen „Härtefall“, der außerhalb des Lebensraums Diakonie keine Kontakte habe, sei es immerhin gelungen, eine Ausnahmeregelung zu erzielen, sodass sich die Person auch weiterhin in den Räumlichkeiten aufhalten könne. Die meisten Langzeitobdachlosen seien momentan irgendwo - häufig in den großen Städten - untergekommen und „harrten der Dinge“, sagt Wiebke Sprung vom Lebensraum Diakonie in Rotenburg. In der Kreisstadt gibt es das in der Region einzigartige Birkenhaus des Lebensraums Diakonie mit zwölf Einzelapartments zum übergangsweisen oder auch dauerhaften Wohnen sowie vier Einzelzimmern zum kurzfristigen Übernachten (bis zu sieben Tage) inklusive Haustier. Die Plätze sind derzeit alle belegt, sagt Sprung.
Auch sie glaubt, dass sich insbesondere das Problem der Wohnungslosigkeit im Zuge der Corona-Pandemie noch verschärfen werde.
 
Versteckte Wohnungslosigkeit
 
Diplom-Sozialarbeiterin Angelika Meurer-Schaffenberg vom Diakonischen Werk im Kirchenkreis Osterholz-Scharmbeck weist zudem noch auf die versteckte Wohnungslosigkeit hin. Häufig seien junge Menschen betroffen, die vorübergehend bei unterschiedlichen Bekannten leben und meist in keinem System auftauchen. Das Diakonische Werk gebe hier Hilfestellung im Umgang mit dem Jobcenter.
Denn: Um Geld vom Jobcenter zu bekommen, müssen Unter-25-Jährige, die aus dem elterlichen Haushalt ausziehen wollen, u.a. schriftlich nachweisen, dass es dafür einen „schwerwiegenden, sozialen Grund“ gibt.


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