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Lena Stehr

Beschimpft, geschubst, bedroht

Ihr Job ist es, anderen zu helfen - doch immer häufiger brauchen Klinikmitarbeitende und Rettungskräfte selbst Hilfe, weil sie angegriffen werden.

Gewalt gegenüber Klinikpersonal und Rettungskräften nimmt zu.

Gewalt gegenüber Klinikpersonal und Rettungskräften nimmt zu.

Bild: Freepik

Gewalt gegen Mitarbeitende in Krankenhäusern in Hamburg, Niedersachsen und Bremen hat laut der Krankenhaus­gesellschaft Niedersachsen (NKG) zugenommen - besonders betroffen sei das Personal in den Notaufnahmen. Statistiken lagen der NKG allerdings nicht vor. Nach Einschät­zung des Verbands suchen Menschen auch in Bagatellfällen Notaufnahmen auf. Das könne damit zusammen­hängen, dass die Patienten in Arztpraxen abgewiesen worden seien, Praxen geschlossen hätten und in ländli­chen Regionen fehlten. Dies führe zu immer längeren Wartezeiten in den Notaufnahmen und zu mehr Konfliktpotenzial.

 

Sicherheitsdienst in der Notaufnahme

 

Diese Einschätzung teilt auch Oliver Fröhlich, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Notfallmedizin am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg. Hier gibt es deswegen zum Schutz der Mitarbeitenden inzwischen einen Sicherheitsdienst. Insbesondere Angehörige würden sich häufig über lange Wartezeiten beschweren und daraufhin auch ausfällig werden.

Jährlich kämen fast 50.000 Menschen in die Notaufnahme, vor zehn Jahren seien es noch 30.000 gewesen. Im Zuge der Pandemie sei gleichzeitig viel Personal abgewandert. Wartezeiten ließen sich deshalb leider nicht vermeiden. Insbesondere am Wochenende in der Nacht komme es daher immer wieder zu Zwischenfällen in Form von Pöbeleien, aber auch von körperlicher Gewalt gegenüber dem Klinikpersonal. Oft seien Alkohol oder andere Drogen im Spiel.

Grundsätzlich gelte im Klinikum Null-Toleranz gegenüber jeglicher Gewalt. „Wer pöbelt, bedroht oder handgreiflich wird, fliegt raus“, sagt Fröhlich.

Von einer „angespannten Lage“ in der Zentralen Notaufnahme des Kreiskrankenhauses Osterholz - insbesondere aufgrund längerer Wartezeiten am Wochenende - berichtet auch Krankenhausleiterin Doris Sonström. Patientinnen und Patienten mit einem weniger schwerwiegenden Krankheitsbild müssten leider häufig länger warten. Zunehmend gebe es Fälle, in denen sich die Betroffenen oder deren Angehörige „verbal unangemessen“ gegenüber dem Personal äußern. Es sei auch schon zu Übergriffen gekommen.

Um die Mitarbeitenden auf schwierige Situationen vorzubereiten, würden Coachings durchgeführt und Schulungsangebote zum Thema Deeskalation gemacht. Über eine Notfallnummer könne Unterstützung angefordert werden.

Sonström weist darauf hin, dass die vermehrte Inanspruchnahme des ambulanten Systems die Situation in den Notaufnahmen massiv entschärfen würde. Die Kassenärztlichen Vereinigungen stellen dafür einen Bereitschaftsdienst und sogar einen Fahrdienst für Hausbesuche zur Verfügung. Unter der Telefonnummer 116117 sei dieser rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche erreichbar.

 

Weniger Respekt vor Rettungskräften

 

Auch Einsatzkräfte von Rettungsdiensten müssen immer damit rechnen, dass sie gewaltsam angegangen werden, berichtet Dirk Richter, DRK-Rettungsdienstleiter für den Bereich Bremervörde, Rotenburg und Zeven. „Ich bin seit 30 Jahren dabei, Gewalt hat es immer gegeben, aber die Intensität ist gewachsen. Man merkt, dass viele Menschen nicht mehr so viel Respekt gegenüber Rettungskräften bzw. Personen in Uniform oder Schutzkleidung haben“, sagt Richter. Es komme vor, dass Rettungskräfte beschimpft, geschubst, getreten oder in seltenen Fällen sogar mit dem Messer bedroht würden - auch hier sei häufig Alkohol im Spiel oder die betroffenen Personen seien psychisch krank.

Für Notfälle gebe es ein unauffälliges Codewort, das an die Einsatzleitstelle übermittelt werde, um externe Unterstützung anzufordern. Zudem seien alle Rettungskräfte in Deeskalationsstrategien geschult, so Richter.

 

Gefährliche Situationen für Feuerwehrleute

 

Das Gleiche gelte auch für Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr, so Chris Hartmann, Sprecher der Freiwilligen Feuerwehr Osterholz-Scharmbeck. Leider komme es immer häufiger häufig vor, dass Straßensperrungen von Verkehrsteilnehmern nicht ernst genommen oder bewusst ignoriert würden. „Inzwischen sind wir gezwungen, neben dem regulären Absperrmaterial auch Personal abzustellen, das rechtzeitig eingreifen kann, wenn es zu entsprechenden Situationen kommt, obwohl die Leute im direkten Einsatzgeschehen deutlich effektiver eingesetzt wären“, so Hartman. Auch bei vermeintlich trivialen Einsätzen, wie dem Beseitigen von Ölspuren, würden sich für die Einsatzkräfte immer wieder gefährliche Situationen ergeben. Sehr häufig komme es hier zu sehr heiklen Überholmanövern durch ungeduldige Verkehrsteilnehmer:innen.

Positiv sei aber, dass konkreten Bedrohungen oder tätliche Angriffe bisher nicht vorgekommen seien. Beschimpfungen oder Beleidigungen aber schon. Der Angriff auf die Ortsfeuerwehr Osterholz-Scharmbeck mit Feuerwerkskörpern in der Silvesternacht 2020/2021 sei zum Glück ein Einzelfall, so Hartmann.


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