Zehn Jahre Brexit - Teil 2
Schon im Referendum von 2016 spielte Zuwanderung eine Schlüsselrolle. Für viele Befürworter des EU-Austritts stand sie sinnbildlich für den Verlust nationaler Kontrolle. Mit dem Schlagwort „take back control“ verband die Leave-Kampagne das Versprechen, die Grenzen des Vereinigten Königreichs wieder selbst zu kontrollieren und die Zuwanderung deutlich zu begrenzen.
Tatsächlich entwickelte sich die Migration nach dem EU-Austritt jedoch anders als von den Brexit-Befürwortern erwartet und angekündigt. Die sogenannte Nettomigration – also die Differenz zwischen Zu- und Abwanderung – ist seit dem Ende der Freizügigkeit nicht gesunken, sondern deutlich gestiegen. Während sie in den Jahren vor dem Brexit meist zwischen gut 200.000 und etwas über 300.000 lag, erreichte sie 2022 einen historischen Höchststand von zuletzt rund 745.000 Menschen. Damit verfehlte Großbritannien nicht nur das erklärte politische Ziel, die Zuwanderung zu reduzieren; sie fiel auch höher aus als zu Zeiten der EU-Mitgliedschaft.
Verändert hat sich allerdings die Zusammensetzung der Migration. Seit dem Brexit wandern deutlich weniger Menschen aus EU-Mitgliedstaaten ins Vereinigte Königreich ein, in der Nettobilanz ist die EU-Zuwanderung inzwischen sogar negativ. Gleichzeitig nahm die Migration aus Drittstaaten stark zu. Einen großen Anteil machen seit 2021 humanitäre Programme aus – etwa für Geflüchtete aus der Ukraine oder aus Hongkong. Hinzu kommen Arbeitsmigration, insbesondere im Gesundheits- und Pflegesektor, sowie internationale Studierende, vor allem aus Ländern wie Indien oder Nigeria. Möglich wurde dies durch ein neues, punktbasiertes Einwanderungssystem, das Nicht-EU-Bürgern gezielt den Zugang erleichtert. Neuere Daten aus dem Jahr 2025 deuten erstmals auf einen Rückgang der Zuwanderung hin. Beobachter führen dies unter anderem auf das Auslaufen einzelner Sonderprogramme, strengere Visaregeln und die Rückkehr vieler Studierender nach Abschluss ihres Studiums zurück.
Auch auf dem Arbeitsmarkt hinterließ der Brexit Spuren. Unmittelbar nach dem vollzogenen EU-Austritt machten Engpässe in einzelnen Branchen Schlagzeilen – besonders sichtbar wurde dies beim Mangel an Lkw-Fahrern, der zeitweise zu leeren Tankstellen und unterbrochenen Lieferketten führte. Grundsätzlich herrscht in Großbritannien seit Jahren Fachkräftemangel. Der Wegfall vieler Arbeitskräfte aus osteuropäischen EU-Staaten hat diese Knappheit in Teilen verschärft, auch wenn sie nicht allein darauf zurückzuführen ist. Besonders abhängig von ausländischen Arbeitskräften sind Sektoren wie Landwirtschaft, Bau, Gastronomie, Transport sowie das Gesundheits- und Pflegesystem. Zwar blieb der britische Arbeitsmarkt insgesamt lange robust, doch Ökonomen sehen strukturelle Anpassungskosten, die auch mit dem Brexit zusammenhängen.
Das (ungelöste) Problem mit den Booten
Ein weiteres migrationspolitisches Thema prägt die öffentliche Debatte besonders stark: die irreguläre Migration über den Ärmelkanal. Die Zahl der Menschen, die in kleinen Booten nach Großbritannien gelangen, ist seit 2018 stark gestiegen und lag zeitweise bei mehreren zehntausend pro Jahr. Gemessen an der gesamten Zuwanderung handelt es sich zwar um einen vergleichsweise kleinen Anteil, politisch jedoch um ein hoch aufgeladenes Thema.
Die konservative Regierung unter Premierminister Rishi Sunak versuchte, mit einem umstrittenen Abkommen zur Auslagerung von Asylverfahren nach Ruanda gegenzusteuern. Asylbewerber sollten ungeachtet ihrer Herkunft in das ostafrikanische Land abgeschoben werden. Das Vorhaben scheiterte bislang an rechtlichen Hürden; der Oberste Gerichtshof erklärte Ruanda für kein sicheres Drittland. Somit existiert weiterhin kein einziges tragfähiges Rückführungsabkommen. Die neue Labour-Regierung unter Keir Starmer verwarf die Pläne. 240 Millionen Pfund wurden dafür bereits an Ruanda gezahlt; keine einzige Abschiebung wurde vollzogen.
Politische Folgen: Jahre der Instabilität
Politisch markierte das Brexit-Referendum den Beginn einer außergewöhnlich instabilen Phase. Premierminister David Cameron, der selbst für den Verbleib in der EU geworben hatte, war von einem Sieg der Remain-Seite ausgegangen. Nach dem knappen Votum für den Austritt trat er zurück. Es folgten jahrelange, komplexe und konfliktreiche Verhandlungen über die künftigen Beziehungen zur EU. Mehrere Regierungen scheiterten an dieser Aufgabe: Theresa May konnte ihr Austrittsabkommen nicht durch das Parlament bringen und trat 2019 zurück, Boris Johnson setzte den Brexit zwar formal um, verlor jedoch später das Amt. In dieser Zeit kam es zu zwei vorgezogenen Neuwahlen in den Jahren 2017 und 2019.
Begleitet wurde dieser Prozess von einer stark emotionalisierten politischen Debatte. Beobachter sprechen von einer zunehmenden Polarisierung und einer Verrohung des politischen Klimas. Drohungen gegen Abgeordnete, aggressive Rhetorik und tiefe gesellschaftliche Gräben prägten die Jahre der Austrittsverhandlungen. Einige Politiker zogen sich aus Angst oder Erschöpfung aus der Politik zurück.
Einer der prominentesten Wortführer der Leave-Kampagne, Nigel Farage, trat bereits kurz nach dem Referendum vom Vorsitz seiner Partei UKIP zurück und erklärte sein politisches Ziel damals für erreicht. Seine Partei verließ er Ende 2018 mit der Begründung, sie sei zu extremistisch geworden. Die Austrittsverhandlungen kommentierte er vereinzelt und bezeichnete den Brexit später als „gescheitert“. Inzwischen ist Farrage mit der rechtspopulistischen Partei Reform UK wieder eine zentrale Figur der britischen Politik, die in Umfragen zeitweise vor den etablierten Parteien lag. Farrage will nun Ministerpräsident werden.
Öffentliche Meinung: Ernüchterung statt Aufbruch
Zehn Jahre nach dem Referendum hat sich auch die Stimmung in der Bevölkerung spürbar verschoben. Jüngere Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Britinnen und Briten den Brexit inzwischen für einen Fehler hält. Das bedeutet natürlich nicht zwangsläufig, dass sie einen erneuten Beitritt zur Europäischen Union bei einer Abstimmung auch wirklich befürworten würden - obwohl eine Mehrheit das inzwischen angegeben hat. Es dominiert ein Gefühl der Ernüchterung. Selbst unter früheren Brexit-Befürwortern ist die Unzufriedenheit verbreitet. Viele von ihnen stehen weiterhin hinter der Entscheidung von 2016, hätten aber mehr vom Brexit erwartet.
Zwar existiert inzwischen eine organisierte „Rejoin“-Bewegung, doch politisch bleibt sie bislang folgenlos. Keine der großen Parteien stellt den Brexit grundsätzlich infrage oder erwägt ein neues Referendum. Konservative und Labour-Partei setzen stattdessen auf eine pragmatische Annäherung an die EU, ohne die Grundentscheidung von 2016 anzutasten. „Britische Politiker haben aus der Vergangenheit gelernt und scheuen sich, unseren unbeständigen und wankelmütigen Wählern erneut zu vertrauen. Diese Vorsicht ist das Ergebnis bitterer Erfahrungen und einer eindrücklichen Lektion“, schreibt die britische Publizistin Polly Toynbee. Die Erinnerung an die tiefen gesellschaftlichen Spaltungen und die vergiftete Debatte sei noch präsent. Zudem befinde sich das Vereinigte Königreich nun in einer schlechteren Verhandlungsposition: „Ein erneuter Beitritt würde wahrscheinlich bedeuten, das Pfund aufzugeben und dem Euro beizutreten – zusammen mit weiteren Bedingungen, die von Brexit-Befürwortern als Unterwerfung unter ein vermeintliches Brüsseler Diktat inszeniert würden“, so Toynbee.
Den ersten Teil des Artikels finden Sie in unserer Ausgabe vom 31. Januar.

