„Wir werden mit Fiktionen überflutet“
Anzeiger: In Ihrem Buch befassen Sie sich mit der „Neuen Rechten“ – was unterscheidet sie von anderen rechtsextremen Strömungen?
Volker Weiß: Mit dem Begriff der „Neuen Rechten“ wird eine Unterströmung bezeichnet, die seit den siebziger Jahren innerhalb der extremen Rechten auftritt. Im Vergleich zur „Alten Rechten“ hatte sie einen eher elitären Charakter, war an theoretischer Arbeit interessiert, sammelte sich Zeitschriften und Verlage und sah sich als über den Parteien stehend. Die „Neue Rechte“ war bürgerlicher, akademischer und international vernetzt, aber nicht weniger radikal. Ihre Traditionslinie reicht zurück in die europäischen Einheiten der Waffen-SS und die radikalnationalistische Publizistik der 1920er und 30er Jahre.
Die Übergänge Rechtsaußen sind dennoch fließend – Begrifflichkeiten dienen eher einer idealtypischen Unterscheidung. Heute hat die „Neue Rechte“ einen großen Teil besagter Alleinstellungsmerkmal aufgegeben und sich der Praxis zugewandt sowie Anschluss an die AfD gefunden.
Welche Strategien verfolgt die „Neue Rechte“ heute?
Ihr geht es wie der gesamten extremen Rechten um eine Revision der gesellschaftlichen Modernisierungen von 1945/68. Ein frühes Element in der Strategie dieser Strömung war der „Kampf um die Begriffe“. Akteure wollten primär auf dem Feld der Metapolitik der Liberalisierung Einhalt gebieten.
Die Kultur gilt für die „Neue Rechte“ insgesamt als „vorpolitischer Raum“; sie ist das sichtbarste Feld, in dem sich der Konflikt um vorgebliche Meinungsführerschaft austragen lässt. Dass diese Strategie erfolgreich sein kann, zeigen die Kulturkämpfe, die die letzten Jahre nach US-amerikanischem Muster ausgefochten wurden. Indem vieles als „woke“ diffamiert wird, können systematisch Deutungen etabliert werden, die jahrzehntelang in Kreisen der extremen Rechten zirkulieren. Etwa die Behauptung, dass eine Aufarbeitung der NS-Verbrechen auf einen Plan der Sieger zurückginge, systematisch die deutsche Identität zu zerstören, war einmal eine typisch rechtsextreme These. Heute hat dieser Kulturkampf durch die AfD und Krisen eine große Bühne bekommen.
In Ihrem Buch geht es auch um die Geschichte Deutschlands: Warum ist die Umdeutung dieser so zentral für die extreme Rechte?
Bereits dem klassischen Faschismus ging es um die heroische „Wiedergeburt der Nation“ – eine Rückkehr zu einer angeblichen Größe der Vergangenheit. Um diese Geschichte attraktiv erscheinen zu lassen, muss die Vergangenheit umgedeutet werden. Ein Hauptziel ist es, das mühevoll errungene Bewusstsein der deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges und der Shoah wieder einzuebnen. Die Geschichte wird so zum ständigen Ringen einer heroischen Nation gegen ihre finsteren Feinde mythologisiert. Letztlich sind diese Zugriffe rein fiktional.
Im Moment gibt es eine Reihe rechtextremer Neudeutungen des Nationalsozialismus und der DDR-Geschichte. Hier ist etwas Kurioses zu beobachten: Während der Nationalsozialismus systematisch nach links gerückt wird – man denke an Weidels These vom Kommunisten Hitler – erscheint die DDR in dieser Rückschau immer rechter. Sie wird zum ethnisch-reinen Ordnungsstaat ohne Fremdeinflüsse umgedeutet. Dahinter steht die alte Preußen-Sehnsucht, die sich auf der Erfahrung des Realsozialismus abbildet. Der Wirkmechanismus ist einfach: Wenn die Nazis links waren, dann sind die heutigen Linken Nazis. Damit wäre der Hauptgegner erledigt und die Hypothek von Krieg, Verbrechen und Niederlage gleich mit.
Welche Gefahren bergen solche Umdeutungen, wenn sie sich in der breiten Öffentlichkeit durchsetzen?
Die Folge eines solch mythologischen Zugriffs auf die Vergangenheit ist der völlige Verlust von Urteilsfähigkeit. In dieser Hinsicht macht gerade der massive Einsatz von KI-gestützter Propaganda mir große Sorgen, die bis hin zu gefälschten historischen Aufnahmen reichen kann. Die Welt wird mit Fiktionen überflutet – niemand soll mehr wissen, wie es nun wirklich war. Ist das historische Wissen erst einmal verschüttet, lassen sich trefflich politische Maßnahmen durchführen, die durch dieses Wissen hätten verhindert werden können. Dann steht der Entfaltung von Autokratien nichts mehr im Wege.
Sie beschreiben zudem ideologische Überschneidungen zwischen Rechtsextremen und pro-russischen Akteuren – worin bestehen diese?
Der Kreml hat jahrelang systematisch überall in Europa extrem rechte Parteien unterstützt. Außerdem scheint Russland den jahrzehntelangen Traum vieler Rechtsextremer, den „angelsächsischen“ Einfluss aus Europa herauszubringen, der angeblich Dekadenz und Niedergang über die Deutschen gebracht hätte, zu verwirklichen. Heute soll Russland wieder die Rolle erfüllen, die es nach dem Wiener Kongress schonmal von der europäischen Reaktion zugesprochen bekommen hat: Als Gendarm Europas über die Traditionen zu wachen.
Gibt es neben der Russlandnähe weitere ideologische Denkmuster der „Neuen Rechten“, die für andere politische Spektren anschlussfähig sind?
In manchen Fällen gibt es Überschneidungen in einer anti-westlichen Grundhaltung. Obgleich sich die deutsche Rechte selbst stark amerikanisiert hat, ist sie im Kern immer anti-amerikanisch gewesen. Das hat sich erst mit Trump und der MAGA-Bewegung geändert – auch, wenn es seit dem Iran-Krieg Kritik von rechts gegen Trump gibt.
Solange es nicht um Einwanderung geht, ist die extreme Rechte sehr pro-islamisch, da man dort ideologisch vielfache Schnittmengen sieht. Auch im Kontext des Nahostkonflikts operieren manche Linke und Liberale in Bezug auf die deutsche Vergangenheitsbewältigung mit Begriffen, die sich kaum mehr von der rechtsextremen „Schuldkult“-Rhetorik unterscheiden.
Zu guter Letzt: Wie lässt sich diesen Entwicklungen wirksam entgegentreten?
Der ländliche Raum ist für die extreme Rechte immens wichtig, da rechte Kräfte hier mit weniger Gegenwehr zu rechnen haben als in Großstädten. Die Lage ist übersichtlicher, es gibt weniger Angebote und der Zugang zu Schlüsselpositionen in örtlichen Vereinen oder bei der Feuerwehr ist leicht.
Aber es gibt glücklicherweise eine aktive Zivilgesellschaft, für die die Worpsweder Literaturtage beispielhaft stehen. Auch in der politischen Bildung ist viel passiert. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat gerade einen hervorragenden Sammelband zur Geschichte der extremen Rechten publiziert. Nicht umsonst sind Bildungseinrichtungen zentrale Ziele rechtsextremer Angriffe. Wenn wir den Verzerrungen und Umdeutungen etwas entgegenhalten und diesen irren Aneignungen der Realität im Stile Trumps nicht folgen, ist schon viel gewonnen.
Am 16.05. erscheint sein neues Buch im Klett-Cotta Verlag: „Katechon – Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“.

