Warme Suppe, offenes Ohr
Selsingen/Hamburg. Wer durch Selsingen fährt, ahnt nicht, dass hier einer wohnt, der seit über einem Jahrzehnt regelmäßig nach Hamburg aufbricht, um auf dem Kiez warme Mahlzeiten zu verteilen. Die Geschichte hat mit einer verschenkten Bratwurst angefangen. Heute steht hinter seinem Engagement ein eingespieltes Team mit zehn Bollerwagen, das mehrmals im Jahr die Reeperbahn abläuft. Der Anzeiger hat ihn in Selsingen besucht.
Anzeiger: Herr Demmer, wie kam es vor elf Jahren zu Ihrer allerersten Tour? Was war der konkrete Auslöser?
Bernd Demmer: Ich glaube, jedem Menschen, der so etwas macht, muss ein bisschen was in die Wiege gelegt worden sein Ich war ursprünglich Schalke-Fan, bin dann aber bei St. Pauli gelandet – auch weil ich Fußball nicht von Politik trennen kann. Und wenn du nach dem Spiel über die Reeperbahn gehst, hast du damals schon mal einen Euro gegeben. Meine allererste Geschichte war eine obdachlose Frau gegenüber der Davidwache, der ich als junger Mensch eine Bratwurst gekauft habe. So fing das eigentlich an.
Wie hat sich daraus eine feste Aktion entwickelt?
Wir wussten anfangs gar nicht, wie wir das angehen sollen. Über eine Aktion des Hamburger Schauspielers Kalle Haverland auf der Großen Freiheit kamen wir mit anderen Hilfsorganisationen ins Gespräch, haben Kontakte geknüpft – und uns später teilweise auch wieder getrennt, weil die Philosophien oft unterschiedlich sind. Ein großer Streitpunkt ist zum Beispiel: Darf ein Obdachloser Alkohol bekommen? Mein Kollege Frank Paluch ist von der ersten Stunde an dabei, er organisiert bis heute den Bus – auch mein Sohn Finn ist dabei. Einen Vereinsnamen haben wir übrigens bewusst nie gebraucht.
Die Corona-Zeit war offenbar besonders herausfordernd.
Das war für mich persönlich die schwerste Phase. Während des Lockdowns hatten die Menschen in den Unterkünften keinen Zugang mehr zu Alkohol, und viele von ihnen sind zu großen Teilen abhängig – von Alkohol, Drogen oder einer Mischung aus beidem. Die sind regelrecht durchgedreht. Ich habe damals einen Aufruf gestartet, dass jeder seine Restbestände aus den Bars bringen soll, bin mit meinem Sohn nach Hamburg gefahren und wir haben einen ganzen Wagen voll Alkohol zur Gruppe um Daniel Schmidt vom Elbschlosskeller gebracht. Das war damals ein zentraler Anlaufpunkt.
Wie läuft eine Ihrer Touren heute konkret ab?
Wir kochen hier vor Ort, etwa viermal im Jahr, und die größte Herausforderung ist, dass das Essen auch wirklich heiß in Hamburg ankommt. Im Sommer grillen wir häufig, dabei achten wir darauf, dass auch Geflügel, vegetarische oder vegane Optionen dabei sind. Wir starten meist gegen 10 Uhr, damit unsere Tour ab 16 Uhr mit warmem Essen beginnen kann. Wir sind rund zehn Leute mit zehn Bollerwagen, starten an der Helgoländer Allee und laufen die Reeperbahn wie eine liegende Acht ab. Angekündigt wird nichts – wir kommen spontan.
Gibt es Menschen auf dem Kiez, die Sie über Jahre wiederholt getroffen haben?
Ja, einige. Eine Frau, die wir jedes Mal getroffen haben, knurrig, aber zu uns immer nett – sie ist irgendwann tot im Schlafsack gefunden worden. Ein Mann namens Peter, den viele auch aus dem Fernsehen kennen, saß vor dem Aladin-Center, hat zunehmend Betreuung gebraucht und saß irgendwann im Rollstuhl. Und Tom, der einmal versucht hat, in einem Hamburger Lokal wieder als Koch Fuß zu fassen – das hat leider nicht geklappt. Positive Beispiele, bei denen jemand wirklich den Sprung zurück geschafft hat, sind selten. Was sich verändert hat: Am Anfang waren es überwiegend deutsche Obdachlose, heute sind durch die Freizügigkeit auch viel mehr Menschen aus anderen europäischen Ländern dabei.
Verändert die Arbeit auf dem Kiez Ihren Blick auf das eigene Leben hier in Selsingen?
Auf jeden Fall. Dass ich trocken schlafe, dass ich etwas zu essen habe, ein Auto fahren kann – das empfinde ich als Luxus. Wir haben hier Ärzte, Zahnärzte, Schulen, eine Gesundheitsversorgung. Das ist ein Privileg gegenüber Millionen Menschen weltweit. Mich stört, wenn Influencer obdachlose Menschen für reißerische Videos vorführen, statt ihnen mit Respekt zu begegnen.
Was raten Sie jemandem, der selbst etwas Ähnliches im Landkreis starten möchte?
Man muss nicht gleich eine eigene Aktion aufziehen. Schon der Kauf des Straßenmagazins Hinz&Kunzt hilft direkt vor Ort, dazu gibt es auch soziale Stadtführungen. Wer sich engagieren will, kann sich gern bei uns melden (demmerbernd@aol.com) – allerdings kann man schlecht mit zwanzig Leuten auf einen Obdachlosen zugehen, das macht eher Angst. Bei uns hat jeder in der Gruppe eine feste Aufgabe.
Was ist Ihnen bei diesen Begegnungen am wichtigsten?
Auf Augenhöhe zu kommen, das Gespräch zu suchen und zu spüren, was der oder die Einzelne gerade braucht – manche wollen reden, manche wollen einfach in Ruhe gelassen werden. Wenn man es schafft, jemandem auf der Straße ein Lächeln zu entlocken, hat man eigentlich das Größte erreicht, was möglich ist.
Herr Demmer, wir bedanken uns für das Gespräch und vor allem für Ihr großes Herz und die tollen Aktionen – der Dank geht hier auch an das gesamte Team um Sie raus.
INFOKASTEN
Wohnungslos ist, wer keinen eigenen mietvertraglich gesicherten Wohnraum hat – etwa Menschen in Not- oder Gemeinschaftsunterkünften. Obdachlos sind Menschen, die ganz ohne Unterkunft auf der Straße oder an anderen öffentlichen Orten leben. Anfang 2026 waren bundesweit 452.910 Wohnungslose untergebracht, in Hamburg 32.765. Zusätzlich wurden dort zuletzt rund 3.800 Obdachlose geschätzt. Für die Landkreise Osterholz und Rotenburg (Wümme) liegen belastbare Kreiswerte für 2024, aber nur für Wohnungslose vor: 1.160 in OHZ und 755 in ROW untergebrachte Wohnungslose.
