Trumps Griff nach dem Eis

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Die eisige Insel ist das heißeste Thema der Stunde: Was macht Grönland aus geopolitischer und militärischer Sicht so wichtig?
Red, White and Blue? Diese Häuser in der grönländischen Hauptstadt Nuuk tragen wohl eher zufällig die Farben der US-amerikanischen Flagge.

Red, White and Blue? Diese Häuser in der grönländischen Hauptstadt Nuuk tragen wohl eher zufällig die Farben der US-amerikanischen Flagge.

Bild: Adobestock - Ruben Mario Ramos

In den vergangenen Tagen überschlagen sich die Nachrichten zu Grönland: US-Präsident Trump macht weiter Druck und bekräftigt seinen Wunsch, die Insel zu kaufen. Europäische Politiker sind empört, in Dänemark malt man sich gar einen bewaffneten Konflikt mit den Vereinigten Staaten aus. Warum spricht die ganze Welt über eine Insel, die fast nur aus Eis besteht?

Grönland gehört geografisch zu Nordamerika, politisch aber zum Königreich Dänemark. Die größte Insel der Welt ist dünn besiedelt, mehr als 80 Prozent ihrer Fläche sind von Eis bedeckt. Über Jahrhunderte lag sie am Rand der Weltpolitik. Erst der Zweite Weltkrieg rückte Grönland ins strategische Blickfeld der Großmächte. Heute geschieht dies erneut, angetrieben durch den Klimawandel und eine verschärfte sicherheitspolitische Konkurrenz im hohen Norden.

 

Militärischer Schlüsselraum im Norden

Strategisch liegt Grönland dort, wo sich Arktis und Atlantik berühren. Aus militärischer Sicht ist das nicht bloß ein Punkt auf der Karte, sondern ein Raum mit ganz praktischen Folgen. Wer den Luftraum über Grönland kontrolliert, überwacht die kürzesten Flugrouten zwischen Nordamerika, Europa und Russland. Militärisch relevante Flugbahnen verlaufen dort, sowohl für Langstreckenbomber als auch für ballistische Raketen. Deshalb betreiben die USA im Nordwesten der Insel mit der heutigen Pituffik Space Base ein zentrales Frühwarnsystem zur Raketen- und Weltraumüberwachung.

Dieses System stößt jedoch an Grenzen. Klassische Frühwarnradare können ballistische Raketen erfassen, nicht aber moderne hyperschnelle Waffensysteme, die flacher fliegen, manövrieren und deutlich schwerer zu verfolgen sind. Um diese Lücke zu schließen, wären zusätzliche Sensoren nötig, etwa seegestützte Radare, eine dichtere Satellitenüberwachung sowie eine bessere Einbindung Grönlands in die nordamerikanische Luft- und Raketenabwehr. Genau hier gewinnt die Insel aus militärischer Sicht weiter an Bedeutung.

Noch sensibler ist der Raum unter der Wasseroberfläche. Zwischen Grönland, Island und Großbritannien verläuft die sogenannte GIUK-Lücke. Diese Meerenge ist ein strategisches Nadelöhr zwischen dem Arktischen Ozean und dem offenen Atlantik. Russische U-Boote aus der Nordflotte müssen diesen Bereich passieren, wenn sie in den Atlantik vorstoßen wollen. In den vergangenen Jahren haben russische U-Boote laut Geheimdienstinformationen genau das gezielt geübt. Ziel sei es, transatlantische Nachschubrouten zwischen Nordamerika und Europa bedrohen zu können oder kritische Infrastruktur wie Untersee-Datenkabel anzugreifen.

Militärisch bedeutet Kontrolle in diesem Raum vor allem eines: frühzeitig sehen, hören und reagieren zu können. Seefernaufklärer, U-Boot-Jagdflugzeuge, Unterwassersensoren und Satelliten entscheiden darüber, ob Bewegungen rechtzeitig erkannt werden. Ohne diese Aufklärung bleibt nur die Reaktion im Nachhinein. Fachleute sprechen deshalb von einem Überwachungsdefizit, insbesondere im Bereich der U-Boot-Abwehr. Dieses Defizit gewinnt an Brisanz, weil die russischen Aktivitäten im Nordatlantik und in der Arktis in den vergangenen Jahren zugenommen haben.

Hinzu kommt der Klimawandel. Das schmelzende Meereis macht arktische Seewege häufiger befahrbar. Neue Routen zwischen Asien und Europa rücken ins Blickfeld, auch wenn sie noch auf Jahrzehnte hinaus schwierig und riskant bleiben. Für Militärs wie für Handelspolitiker gilt jedoch: Wer diese Routen künftig mit überwacht, kontrolliert potenziell einen Teil des globalen Verkehrs. China zeigt hier wachsendes Interesse, baut Eisbrecher und bezeichnet die Arktis als Teil einer „polaren Seidenstraße“. Es wird vermutet, dass unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Missionen hier auch das Militär aktiv ist. Für westliche Staaten verstärkt das den Druck, im hohen Norden präsent zu bleiben.

 

Kriegserfahrungen und alte Kaufideen

Dass Grönland militärisch relevant ist, zeigte sich bereits im Zweiten Weltkrieg. Nach der deutschen Besetzung Dänemarks übernahmen die USA 1941 faktisch den Schutz der Insel. Sie errichteten Flugplätze, Wetterstationen und Militärstützpunkte, um die Route zwischen Nordamerika und Europa zu sichern. Grönland diente dabei auch als wichtiger Zwischenlandeplatz für US-Flugzeuge auf dem Weg nach Europa. Zusätzlich gewann der Rohstoff Kryolith Bedeutung, der für die Aluminiumproduktion und damit für die Rüstungsindustrie unverzichtbar war. Aus dieser Zeit stammt die dauerhafte US-Militärpräsenz auf der Insel, die bis heute - wenn auch mit vergleichsweise wenigen Soldaten - fortbesteht.

Die Idee, Grönland zu kaufen, ist ebenfalls nicht neu. Bereits 1832 wurde sie in Washington diskutiert. Das war keine exotische Vorstellung. Die Vereinigten Staaten hatten kurz zuvor große Territorien von europäischen Kolonialmächten erworben, etwa Louisiana von Frankreich oder Florida von Spanien. In dieser Tradition griff US-Präsident Donald Trump die Idee 2019 und später erneut auf. Neu war weniger der Gedanke selbst als der politische Ton, mit dem er vorgetragen wurde.

 

Rohstoffe unter Eis und Felsen

Neben der Lage machen auch Rohstoffe Grönland wirtschaftlich interessant. Die Insel verfügt über große Vorkommen an Seltenen Erden, Uran, Eisen, Zink sowie über potenzielle Öl- und Gasreserven. Viele dieser Rohstoffe gelten als strategisch, etwa für Hochtechnologie, Energiewende und moderne Waffensysteme. Gleichzeitig sind Abbau und Transport extrem aufwendig. Häfen, Straßen und Arbeitskräfte fehlen vielerorts, die Umweltbedingungen sind hart, die Investitionen hoch und langfristig. Kurzfristige Gewinne sind kaum zu erwarten, was die wirtschaftliche Attraktivität relativiert.

 

Trump will den großen Deal

Mehrere Experten kommen daher zu dem Schluss, dass es Trump eigentlich weder um Sicherheit noch um Rohstoffe gehe. Der Arktisexperte Michael Paul von der Stiftung Wissenschaft und Politik ordnet die Lage nüchtern ein. In einem Interview mit der Tagesschau sagte er, Grönland sei militärisch nicht unmittelbar bedroht, strategisch aber von erheblicher Bedeutung. Sicherheitsargumente würden von Trump allerdings überzeichnet, um ein größeres Ziel zu verfolgen: einen symbolträchtigen territorialen „Deal“.

Professor Marc Jacobsen vom Royal Danish Defence College teilt diese Einschätzung. Vor der Küste Grönlands befänden sich aktuell keine chinesischen Schiffe, wie der US-Präsident behauptete. Trumps Wunsch nach Grönland sei weder rational noch wirtschaftlich begründet oder sicherheitspolitisch nachvollziehbar, meint auch der Nato-Planungsdirektor Fabrice Pothier. Darin liege auch das Problem der aktuellen Verhandlungen: „So etwas kann man nicht einfach mit wirtschaftlichen Zugeständnissen oder sicherheitspolitischen Arrangements lösen.“ Beobachter betonen zudem die weitreichende Handlungsfreiheit, die die Vereinigten Staaten auf Grönland bereits haben. Zusätzliche US-Truppen zu stationieren oder auch neue Stützpunkte zu errichten, wäre für Dänemark kein Problem gewesen: Entsprechende Angebote des Nato-Partners hat die Regierung in Washington abgelehnt.

So war dann wohl auch das jüngste Krisengespräch zwischen US-Außenminister Rubio, Vizepräsident Vance, Dänemarks Außenminister Rasmussen und der für Grönland zuständigen Ministerin Motzfeldt von vornherein zum Scheitern verurteilt: Die Dänen waren nämlich nach eigenen Angaben mit dem Ziel angereist, einen gemeinsamen Weg zu finden, „die Sicherheit Gröndlands und der Arktis zu erhöhen.“ Allem Anschein nach war das aber nie das Hauptanliegen des US-Präsidenten. Der ließ bereits im Vorfeld auf seiner Plattform Truth Social verlauten, er werde von seinen Forderungen nicht abweichen und bekräftigte damit seine Position, die er bereits im Interview mit der New York Times geäußert hatte: Es gehe ihm um „Eigentum“, sagt Donald Trump. Mit unerlässlichem Druck und offenen Drohungen hatte er in der Vergangenheit bereits Erfolg: Im Sommer 2024 drängte er mit einer ähnlichen Strategie die Nato-Mitgliedsstaaten dazu, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen. Zusätzlichen Rückenwind - zu einem ohnehin schon stabilen Selbstbewusstsein - schöpft Trump möglicherweise aus der jüngste Militäroperation in Venezuela, die ganz nach seien Vorstellungen verlaufen ist.