Teures System, billiger Alkohol
„Neues Jahr, neues Ich“ – das sagen viele Menschen zum Jahreswechsel. Viele nehmen sich vor, sich mehr zu bewegen, gesünder zu essen, mit dem Rauchen aufzuhören oder auf Alkohol zu verzichten. Letzteres steht im Mittelpunkt des sogenannten Dry January (Trockener Januar), der dazu aufruft, einen Monat lang keinen Alkohol zu trinken.
Der Drang etwas verändern zu wollen ist groß, aber noch größer scheint die Lust nach dem vermeintlich Schlechten zu sein. Nicht umsonst gibt es den „Quitters-Day“, der am zweiten Freitag des Jahres stattfindet. An diesem Tag werfen die meisten Menschen ihre Vorsätze wieder über Bord. In diesem Jahr fiel er auf den 9. Januar.
Ungesunde Gewohnheiten als Volksrisiko
Unrealistische Ziele oder mangelnde Planung gelten als klassische Gründe für das Scheitern guter Vorsätze. Doch auch die ständige Verfügbarkeit von Produkten, auf die wir eigentlich verzichten wollen, spielen eine Rolle. Fast-Food-Restaurants an jeder zweiten Ecke, Alkohol prominent in Supermärkten platziert sowie vergleichsweise günstige Zigaretten und bunte Vapes erschweren es, dauerhaft gesünder zu leben. Dabei ist der Handlungsbedarf dringend: Vier von zehn Todesfällen in Deutschland stehen in direktem Zusammenhang mit vier verhaltensbedingten Risiken – Rauchen, Alkoholkonsum, schlechte Ernährung und Bewegungsmangel. Sie gelten als wesentliche Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Adipositas oder Typ-2-Diabetes. Im Jahr 2023 führten Her-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursachenstatistik mit 33,9 Prozent an.
Umfassendes Ranking zur Präventionspolitik
Vor diesem Hintergrund haben der AOK-Bundesverband und das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) erstmals den Public Health Index (PHI) veröffentlicht. Unterstützt von einem interdisziplinärem Forschungsteam vergleicht der Report, der künftig alle zwei Jahre erscheinen soll, wie 18 Länder aus Nord- und Zentraleuropa die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zur Gesundheitsvorsorge umsetzen. Untersucht wurden Deutschland, Österreich, die Schweiz, Belgien, Tschechien, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Litauen, Luxemburg, Lettland, die Niederlande, Norwegen, Polen und Schweden. Perspektivisch sollen alle 30 Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums in den PHI einbezogen werden.
Vier Handlungsfelder im Fokus
Konkret analysiert der PHI vier zentrale Handlungsfelder: Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung. Ziel ist es, die Schwachstellen und Verbesserungspotenziale der deutschen Präventionspolitik zu erkennen und anhand erfolgreicher Beispiele aus anderen Ländern Anregungen für eine Weiterentwicklung zu liefern. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: Von maximal 100 Punkten erreicht Deutschland lediglich 36,9 Punkte und landet damit auf Platz 17. Nur die Schweiz schneidet noch schlechter ab.
Besonders schwach schneidet Deutschland in den Bereichen Tabak, Alkohol und Ernährung ab, während es beim Thema Bewegung im unteren Mittelfeld landet.
Hohe Ausgaben, mäßige Ergebnisse
Dass Deutschland auf dem vorletzten Platz liegt, mag verwundern, da die Bundesrepublik mehr Geld für die Gesundheitsversorgung ausgibt als jedes andere EU-Land. „2022 lagen die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit in Deutschland mit 5.317 Euro um 50 Prozent über den gewichteten EU-Durchschnitt von 3.533 Euro“, heißt es im Bericht. Dennoch bleibt der Gesundheitszustand der Bevölkerung hinter den Erwartungen zurück. So lag die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahr 2023 mit 81,1 Jahren unter dem EU-Durchschnitt von 81,4 Jahren.
Vorbilder bei der Prävention
An der Spitze des Rankings des PHI stehen Großbritannien auf Platz eins, Finnland auf Platz zwei und Irland auf Platz drei, gefolgt von Norwegen und Frankreich. Diese Länder machen Rauchen und Alkohol durch hohe Preise, eingeschränkte Verfügbarkeit, rauchfreie Umgebungen und weitreichende Werbeverbote für die Bevölkerung unattraktiv.
Beim Thema Ernährung setzen die Spitzenreiter auf Maßnahmen, die besonders Kindern und Jugendlichen den Zugang zu gesunden Lebensmitteln erleichtern sollen. Dazu zählen gesunde Ernährungsumgebungen in Schulen, Werbeeinschränkungen für ungesunde Produkte oder eine Zuckersteuer.
Im Bereich Bewegung sind Vergleiche laut den Autorinnen und Autoren schwierig. Hier gehe es vor allem um eine bewegungsförderliche Infrastruktur sowie Programme zur Bewegungsförderung in Schulen und am Arbeitsplatz.
Forderung nach politischem Umsteuern
Die größten Probleme in Deutschland sehen die Autorinnen und Autoren bei den strukturellen Maßnahmen. Dazu gehören gesundheitsorientierte Steuern, Regeln für Werbung und Marketing sowie die Gestaltung von Angebot und Verfügbarkeit gesundheitsschädlicher Produkte.
„Prävention ist nicht nur Privatsache oder eine Frage der Eigenverantwortung, sondern muss politisch umfassend betrachtet werden“, sagt AOK-Bundesverbandschefin Dr. Carola Reimann. Nach Einschätzung der Expertinnen und Experten handelt Deutschland zu zögerlich. Zwar wollten viele Menschen einen gesünderen Lebensstil, doch es fehle der politische Wille zum Umsteuern. Ungesunde Lebensmittel, Alkohol und Tabak seien hierzulande zu leicht verfügbar – auch aufgrund starker Lobbyarbeit. „Die Preise sind in Deutschland extrem niedrig im europäischen Vergleich, und Alkohol ist einfach sehr stark verfügbar“, so Ute Mons vom DKFZ. Während man in Deutschland Wein im 1,5-Liter-Tetrapaxk für unter zwei Euro bekomme, müssten in Finnland allein 3,20 Euro Verbrauchssteuer für 0,7 Liter Wein gezahlte werden.
Hohe Kosten durch vermeidbare Krankheiten
Eine wirksame Präventionspolitik ist laut PHI entscheidend, um chronische Leiden und vorzeitige Todesfälle zu verhindern. Aber nicht nur menschliches Leid könne mit einer wirksamen Gesundheitsprävention verhindert werden, auch enorme volkswirtschaftliche Kosten könnten eingespart werden. Aktuell werden die Kosten des Tabakkonsums auf 97 Milliarden Euro geschätzt, die von Adipositas auf rund 63 Milliarden Euro und die des Alkoholkonsums auf etwa 57 Milliarden Euro.
Die Autorinnen und Autoren des Index kommen zu dem Schluss, dass ohne ein entschlossenes politisches Umsteuern kaum Fortschritte zu erwarten seien. Solange Prävention in Deutschland vor allem als individuelle Aufgabe verstanden werde, bleibe ihr Potenzial begrenzt. Der Public Health Index versteht sich damit als Aufforderung an die Politik, Gesundheit stärker strukturell zu fördern – durch klare Regeln, höhere Preise für gesundheitsschädliche Produkte und bessere Rahmenbedingungen für einen gesunden Alltag.

