Sonne auf dem Dach, Strom im Auto
Worpswede. Im Ortsteil Hüttenbusch steht ein sogenanntes „Prosumer“-Haus: Das Gebäude ist gleichzeitig Verbraucher („consumer“) und Produzent („producer“) von Strom. Auf dem Dach erzeugt eine Photovoltaikanlage mehr Energie, als der Haushalt selbst verbraucht. Zwei Elektroautos werden damit teilweise direkt geladen. Am Ende des Jahres steht eine Stromrechnung, die sogar leicht ins Plus geht.
„Das Prosumer-Haus ist kein Experiment mehr, sondern ein funktionsfähiger Baustein des Energiesystems“, sagt der Hauseigentümer Dieter Viefhues. Der 77-jährige war früher Professor für Informatik und Systemanalyse am Öko-Institut in Freiburg und ist im Ruhestand. Die Anlage hat er 2022 installieren lassen – und wertet seitdem sorgfältig alle Energie- und Kostendaten aus.
Mehr Strom als der Haushalt verbraucht
Die Zahlen für das Jahr 2025 sind bemerkenswert: Insgesamt erzeugten die Solarmodule auf dem Dach und ein kleines Balkonkraftwerk zusammen rund 11.000 Kilowattstunden Strom. Der Haushalt selbst benötigte – inklusive der beiden Elektroautos – etwa 6.700 Kilowattstunden. Trotzdem musste Viefhues noch rund 2.350 Kilowattstunden Strom aus dem Netz beziehen, während mehr als 6.600 Kilowattstunden ins Netz eingespeist wurden.
Der Grund liegt im zeitlichen Unterschied zwischen Erzeugung und Verbrauch. Solarstrom fällt vor allem im Sommer und tagsüber an. Im Winter und nachts reicht die Produktion dagegen nicht aus. Deshalb erreicht das Haus einen Autarkiegrad von rund 65 Prozent – also den Anteil des Strombedarfs, der direkt aus eigener Erzeugung gedeckt werden kann.
„Die Batterie verschiebt Strom nur zeitlich, sie erzeugt keine Energie“, erklärt Viefhues. Sein Haus verfügt über einen 10-Kilowattstunden-Speicher, der Solarstrom vom Mittag in die Abendstunden bringt. Größere saisonale Unterschiede lassen sich damit jedoch nicht ausgleichen. In einer detaillierten Tabelle hat Viefhues festgehalten, wie viel Strom er erzeugt, verbraucht und eingespeist hat. In den Wintermonaten ist der Netzbezug natürlich deutlich höher, als im Frühjahr und Sommer. In Summe ist seine Stromrechnung für 2025 aber rund 100 Euro im Plus.
Elektromobilität als wirtschaftlicher Hebel
Wirtschaftlich interessant wird das System allerdings nicht durch die Einspeisevergütung (deren Zukunft auch ungewiss ist), sondern vor allem durch die Elektromobilität. Zwei Elektroautos – ein Hyundai Ioniq 5 (Neupreis mit Förderung: 39.000 Euro) und ein kleiner Smart (gebraucht für 9.000 Euro angeschafft) – legten im vergangenen Jahr rund 25.600 Kilometer zurück. Der Strombedarf dafür lag bei knapp 4.000 Kilowattstunden. Rund 32 Prozent davon kamen direkt aus der eigenen Solaranlage, der Rest aus dem Netz oder von öffentlichen Ladesäulen.
Die gesamten Energiekosten für diese Fahrleistung beliefen sich auf etwa 1.080 Euro. Zum Vergleich: Bei einem Benzinverbrauch von sieben Litern pro 100 Kilometer und einem Durchschnittspreis von 1,73 Euro pro Liter wären rund 3.100 Euro angefallen. Die Einsparung liegt damit bei ungefähr 2.000 Euro pro Jahr.
„Der größte wirtschaftliche Hebel ist die Elektromobilität“, sagt Viefhues. Der Strom vom eigenen Dach beschleunige zugleich die Amortisation der Solaranlage. „Der einzige Nachteil ist die Abzocke an öffentlichen Schnellladesäulen, das ärgert mich wirklich“, sagt Viefhues. Bis zu einem Euro pro Kilowattstunde müsse man dort manchmal hinlegen, berichtet er. „Stellen Sie sich vor, Sie fahren an eine Tankstelle und es werden nicht einmal die Preise angezeigt. Die Unternehmen kaufen den Strom für 10 Cent pro Kilowattstunde ein.“ Zuhause lädt Viefhues - wenn er denn Strom aus dem Netz beziehen muss - für 28 Cent pro Kilowattstunde. „Insgesamt bezahle ich zwei bis drei Euro pro 100 Kilometer für Mobilität. Das einzige, was teuer ist, ist das Schnellladen an öffentlichen Säulen.“
Sinkende Preise und neue Technik
Die Solaranlage selbst kostete ihn rund 29.000 Euro, inklusive Installation und Batteriespeicher. Inzwischen seien die Preise stark gefallen. „Ein Freund hat gerade eine vergleichbare Anlage für etwa 18.000 Euro bekommen“, sagt Viefhues. Besonders stark seien zuletzt die Kosten für Batteriespeicher gesunken. Sein eigener Speicher habe noch etwa 10.000 Euro gekostet – heute sei ähnliche Technik schon für 2.000 Euro zu haben. Dieser massive Preisverfall sei vielen Menschen noch nicht bewusst.
Bei der konkreten Technik setzte Viefhues auf eine besondere Lösung. Statt eines zentralen Wechselrichters besitzt jedes der 36 Solarmodule einen eigenen Mikrowechselrichter. „Der Vorteil ist, dass Verschattung nur einzelne Module betrifft und nicht einen ganzen Strang“, erklärt er.
Solche dezentralen Anlagen haben auch eine Wirkung über das einzelne Haus hinaus. Wenn Solarstrom ins Netz eingespeist wird, erhöht er das Angebot im Strommarkt. Nach dem sogenannten Merit-Order-Prinzip werden dann zuerst die Kraftwerke mit den niedrigsten Kosten eingesetzt – also Wind- und Solaranlagen. Teurere Kraftwerke, häufig Gas- oder Kohlekraftwerke, werden entsprechend seltener benötigt. So „verdrängt“ Ökostrom sozusagen fossile Energie vom Markt.
Allerdings funktioniert diese Verdrängung nicht immer vollständig. In Zeiten mit sehr viel Solarstrom und geringer Nachfrage können konventionelle Kraftwerke nicht immer sofort abgeschaltet werden - der Prozess ist zu langwierig, sie wieder hochzufahren wäre zudem sehr teuer. Sie laufen unter der technisch notwendigen Mindestlast weiter. Solar- und Windkraftanlagen werden dann vorübergehend gedrosselt - hier ist eine präzise Steuerung technisch möglich.
Trotzdem verändert der Ausbau erneuerbarer Energien den Strommarkt langfristig. Je mehr Solar- und Windstrom verfügbar ist, desto weniger Laufzeit unter Volllast bleibt für fossile Kraftwerke.
Viefhues denkt bereits über den nächsten Schritt nach. Eine neue Wallbox für bidirektionales Laden soll künftig das Elektroauto selbst zum Energiespeicher machen. Der Hyundai Ioniq besitzt eine 77-Kilowattstunden-Batterie – deutlich mehr als der Hausspeicher. Überschüssiger Solarstrom könnte dann direkt ins Auto geladen und später wieder ins Haus zurückgespeist werden.
Noch fehlt dafür allerdings ein klarer gesetzlicher Rahmen. „Die Technik ist längst da“, sagt Viefhues. „Die Stromlobby will Leute wie mich nicht haben – ich mache deren Geschäftsmodell kaputt.“
Für ihn ist das Haus vor allem ein praktisches Beispiel dafür, wie Energiewende im Alltag funktionieren kann. „Hier auf dem Land, wo viele in Einfamilienhäusern leben, gibt es fantastische Möglichkeiten“, sagt er.

