Sicherheit: Leben auf dem Ponyhof
Kuhstedt. Bis zur geplanten Eröffnungsfeier der freien Grundschule in freier Trägerschaft gibt es für den ehrenamtlichen Verein noch einige Hürden zu meistern. Franziska Dreier-Lingenfelder, die erste Vorsitzende des Trägervereins, wünscht sich schon lange eine alternative Schulform für ihre Kinder. „Ich hatte immer den Wunsch für meine Kinder, dass sie frei sein dürfen. Dass sie auf Augenhöhe gesehen werden und mitentscheiden können, wie ihr Weg verläuft anstatt einfach nur ein Teil von einem Ganzen zu sein, der mitläuft“, erklärt Dreier-Lingenfelder. Aus diesem Wunsch heraus schloss sie sich 2021 der Initiative an, die sich als gemeinnütziger Verein formierte und anfangs eine Schulgründung im Raum Berne oder Worpswede anstrebte.
Absoluter Glücksfall
Das größte Hindernis der vergangenen Jahre war die Suche nach einer geeigneten Immobilie. Die Umnutzung von Gebäuden als eine Schule scheitert oft an baulichen und bürokratischen Hürden. Ende 2024 kam dann die entscheidende Wende: Die Schließung der Grundschule in Kuhstedt bot die perfekte Gelegenheit, ein bereits etabliertes Schulgebäude zu übernehmen. Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde beschreibt der Verein als absoluten Glücksfall. „Die Gemeinde ist total überzeugt von diesem Konzept. Sie ermöglicht das alles, und das ist wirklich klasse, weil wir das brauchen, um so ein Projekt überhaupt zu verwirklichen“, betont die Vereinsvorsitzende. Aktuell wird der finale Mietvertrag ausgehandelt, während das detaillierte pädagogische Konzept der zuständigen Schulbehörde zur Genehmigung vorliegt.
Freiheit bedeutet Freiraum mit Rahmen
Doch was genau macht die Freie Schule Kuhstedt anders als eine Regelschule? Schulleiterin Antoinette Länger, die selbst jahrelang als Grundschullehrerin an staatlichen Schulen tätig war, fasst den Kern der neuen Pädagogik unter dem Motto „Freiraum mit Rahmen“ zusammen. Verschiedene pädagogische Ansätze fließen in das Konzept mit ein, insbesondere die Montessori-Pädagogik wird hier gelebt. Aus ihrer eigenen Erfahrung weiß Länger, wie schwierig es ist, an einer Regelschule allein mit 28 Kindern in einer Klasse und einem starren Stundenplan individuell auf jedes Kind einzugehen. Das führe bei einigen Kindern oft schon im ersten Schuljahr zu Frust – etwas, das die Freie Schule Kuhstedt unbedingt vermeiden möchte.
Der Schulalltag wird nicht durch den Klingelrhythmus eines 45-Minuten-Takts diktiert, sondern durch flexible Lernzeiten. Der Tag beginnt mit einer ruhigen Ankommensphase, gefolgt von einem Morgenkreis. Es gibt drei Lernzeiten, bevor der Schultag mit einer gemeinsamen Reflexion und einem Abschlusskreis endet. Dazwischen liegt die „Freie Arbeit“, die als Herzstück des Schultages gilt. Die Kinder dürfen innerhalb der gesetzten Strukturen selbst entscheiden, woran sie arbeiten, mit wem und in welchem Tempo. „Freiheit heißt nicht, allein lassen, sondern auf Augenhöhe begleiten“, betont Länger. Die Kinder erlernen ab der ersten Klasse, ihren Lernprozess selbstständig zu gestalten, Pläne zu machen und sich am Ende des Tages selbst zu reflektieren.
Ein demokratisches Lernumfeld
Klassenzimmer mit Tafel und Stuhlreihen für Frontalunterricht sucht man hier vergeblich. Stattdessen gibt es thematisch eingerichtete Ateliers für Mathematik, Sprache, Weltwissen (ein umfassenderes Konzept als der klassische Sachunterricht), Musik, Kunst, Medien und auch eine Werkstatt. Das System besteht aus Pflicht- und Wahlkursen. Während die Pflichtkurse beispielsweise Basiswissen in Mathematik und Sprache vermitteln, können Wahlkurse wissenschaftliche Experimente oder die Pflege des eigenen Schulgartens umfassen. Auch regelmäßige Projekte, bei denen die ganze Schule gemeinsam tief in ein Thema eintaucht, sowie Exkursionen gehören zu den Kernlernformen.
Gelernt wird in altersgemischten Lerngruppen. Das Alter bestimmt dabei nicht, was ein Kind weiß oder braucht – vielmehr lernen die Jüngeren von den Älteren und umgekehrt. Eine Lerngruppe wird auf maximal 21 Kinder begrenzt sein. Um eine individuelle Betreuung zu gewährleisten, sind immer zwei Erwachsene pro Gruppe anwesend: eine ausgebildete Lehrkraft und eine pädagogische Fachkraft. Zensuren mit rotem Stift und klassische Notenzeugnisse wird es in Kuhstedt nicht geben. Stattdessen setzen die Pädagogen auf detaillierte, wertschätzende Lern- und Entwicklungsberichte sowie regelmäßige Entwicklungsgespräche mit den Familien. Fehler werden nicht bestraft, sondern als notwendige und positive Schritte im eigenen Lernprozess begriffen.
Ein weiterer essenzieller Grundpfeiler des Konzepts: die gelebte Demokratie. Über den wöchentlichen Lerngruppenrat und den monatlichen Schulrat werden die Kinder aktiv in den Alltag und in weitreichende Entscheidungen eingebunden. „Die Kinder können mit ihren Ideen zu uns kommen und wir versuchen, diese mit ihnen umzusetzen“, berichtet Dreier-Lingenfelder. Sei es der Bau eines neuen Konstrukts aus einem alten Rasenmähermotor in der Werkstatt oder die Verarbeitung der eigenen Ernte aus dem Schulgarten in der Schulküche – die Interessen der Schüler stehen im Fokus. In den Versammlungen erproben sich die Kinder im Argumentieren, im Abstimmen und erleben, dass ihre Stimme Gewicht hat.
Auf dem Weg zur Eröffnung
Bis sich im August 2026 die Türen für die ersten Kinder öffnen, hat das Team aus aktuell neun Vereinsmitgliedern noch drei große Hauptaufgaben zu bewältigen. Die Aufnahme von Schülerinnen und Schülern läuft bereits. Eltern, die nach einer Bildungsalternative suchen, sind herzlich eingeladen, ihre Kinder für den Schulstart 2026 oder auch schon für die darauffolgenden Jahre anzumelden. Auch das Team soll weiter wachsen. Während die Schule für den Start mit einer Lerngruppe personell bereits gut aufgestellt ist, werden für die wachsende Schülerzahl in den kommenden Jahren weitere engagierte Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter gesucht. Der Verein nimmt bereits jetzt Bewerbungen entgegen.
„Die größte Hürde ist die Finanzierung“, sagt Franziska Dreier-Lingenfelder. „Als freie Schule erhalten wir in den ersten drei Jahren nach der Gründung keine staatliche Förderung. Diese kritische Anlaufphase muss der Verein komplett aus eigenen Mitteln und über Kredite finanzieren.“ Dafür ist die Initiative zwingend auf die Übernahme von Bürgschaften durch Privatpersonen, Unternehmen oder Unterstützer angewiesen. Darüber hinaus werden Spenden benötigt, um Materialien wie Montessori-Equipment, Bücher oder Werkzeuge anzuschaffen. Das monatliche Schulgeld ist hingegen sozial und einkommensabhängig in zehn Stufen gestaffelt – beginnend bei 150 Euro. Mithilfe eines solidarischen Ausgleichsfonds soll sichergestellt werden, dass jedes Kind – unabhängig vom Geldbeutel der Eltern – die Schule besuchen kann.
Wer das Projekt unterstützen, mitarbeiten oder sein Kind anmelden möchte, kann sich melden unter mail@freie-lernkultur.de oder 0172 62 73 740.


