Raus aus dem digitalen Teufelskreis
Es gibt Sätze, die zunächst übertrieben klingen – bis man merkt, dass sie nur aussprechen, was wir längst fühlen. „Social Media wirkt wie eine Droge“ ist so ein Satz. Er provoziert, weil er etwas Beruhigendes zerstört: die Vorstellung, es handle sich im Kern um harmlose Unterhaltung – ein wenig Austausch, ein wenig Zeitvertreib. Doch wer Kindern und Jugendlichen heute zusieht, Eltern zuhört, Lehrkräfte beobachtet, Familien am Abendbrottisch erlebt oder sich selbst beim reflexhaften Griff zum Smartphone ertappt, spürt, wie unzureichend diese Beschwichtigung geworden ist.
Wenn ein System so gestaltet ist, dass es Aufmerksamkeit bindet, Impulse auslöst, Gewohnheiten formt und das Aufhören erschwert, dann ist es kein neutrales Werkzeug mehr. Dann bewegen wir uns im Bereich von Suchtmitteln. Und Suchtmittel gehören nicht in Kinderhände.
Das belegt auch eine aktuelle DAK-Mediensuchtstudie, die vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) durchgeführt wurde. Der Studie zufolge weist jedes vierte Kind im Alter zwischen 10 und 17 Jahren in Deutschland problematische Nutzungsmuster auf, was mehr als 1,3 Millionen Betroffenen entspricht. Problematische Social-Media-Nutzung geht häufig mit psychischer Belastung einher: Viele Jugendliche berichten – den Auswirkungen von Computerspielsucht vergleichbar – von Niedergeschlagenheit, Angst und Stress etwas zu verpassen, Nervosität, schlechten schulischen Leistungen sowie Schwierigkeiten im Umgang mit negativen Emotionen. Auch im Familienalltag zeigen sich Folgen: Eltern berichten von angespannter Kommunikation und schwierigeren Konfliktlösungen, während betroffene Jugendliche ein geringeres Maß an Achtsamkeit aufweisen und verstärkt Zuflucht in sozialen Netzwerken suchen, wodurch ein Teufelskreis entsteht.
Der ungelesen unterschriebene Deal
Manchmal wirkt unsere Gegenwart wie ein Vertrag, der von allen unterschrieben, aber von niemandem gelesen wurde. Drin stand, dass Kinder und Jugendliche ihre sozialen Beziehungen, ihren Humor, ihre Konflikte, ihre Selbstzweifel und ihre Sehnsucht nach Anerkennung in einer Umgebung ausleben sollen, die von Konzernen betrieben wird, deren Geschäftsmodell auf Zerstreuung ohne begrenzte Verweildauer beruht.
Dieser Deal ist historisch beispiellos. Noch nie hatten so viele Minderjährige rund um die Uhr Zugang zu einer Maschine, die sie permanent mit Reizen, Vergleichen und Signalen füttert – und jede Regung in Daten verwandelt.
Wir tun so, als handle es sich um eine neue Straße: Man müsse nur lernen, sie zu überqueren. Ein wenig Medienkompetenz, etwas Aufklärung – dann werde das schon funktionieren. Doch diese Metapher greift zu kurz. Eine Straße ist nicht darauf ausgelegt, dass Fußgänger stolpern. Social Media hingegen ist darauf angelegt, dass wir nicht aufhören, hinzusehen. Es belohnt nicht Maß und Mitte, sondern das Weiter-Scrollen. Wer den Mechanismus versteht, erkennt: Das Problem ist nicht menschliche Schwäche. Das Problem ist ein System, das Schwäche optimal und schrankenlos auszunutzen weiß.
Mangelnde Impulskontrolle
Ich spüre selbst, wie stark diese Systeme ziehen. Das kurze Prüfen, „nur schnell gucken“, Minuten, die verschwinden. Wenn es mir so geht – über 40, mit Erfahrung und Selbstkontrolle – wie unfair ist es dann, von Kindern Gelassenheit zu verlangen? Wenn selbst Erwachsene mit Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein Mühe haben, ihr Nutzungsverhalten zu kontrollieren, warum erwarten wir das ausgerechnet von Kindern?
Wir verlangen von einem Zwölfjährigen Impulskontrolle, die sein Gehirn biologisch noch nicht leisten kann. Wir erwarten von einer Fünfzehnjährigen Souveränität im Umgang mit permanenter sozialer Bewertung, während ihre Entwicklung auf maximale Sensibilität für Zugehörigkeit ausgerichtet ist. Und wir fordern von Eltern, im Familienalltag gegen eine Industrie anzuregulieren, die mit wissenschaftlicher Präzision die menschliche Psyche ausnutzt.
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Die Fähigkeit, Reize zu filtern, Frust auszuhalten, Prioritäten zu setzen und sich selbst zu steuern, entwickelt sich langsam. Genau deshalb gibt es Altersgrenzen. Wir erlauben keinen Alkohol ab 12 und sagen dann: „Bring ihm bei, maßvoll zu trinken.“ Wir erlauben keine Zigaretten ab 13 und trösten uns mit: „Hauptsache, verantwortungsvoll.“ Wir erkennen an, dass bestimmte Substanzen Entwicklung stören und Abhängigkeiten fördern. Warum tun wir bei Social Media so, als sei es anders?
Die Mechanik der Abhängigkeit
Sucht entsteht selten, weil etwas bloß „Spaß macht“. Sie entsteht, wenn ein System die Belohnungsmechanismen im Gehirn kapert. Social Media liefert nicht nur Inhalte – es liefert Erwartung. Man öffnet eine App nicht, weil man weiß, was kommt, sondern weil man es nicht weiß. Genau diese Ungewissheit treibt an.
Ein interessanter Beitrag, ein Like, eine Nachricht, ein Video, das „nur kurz“ sein sollte – vielleicht ist der nächste Reiz besser. Und wenn nicht, dann der übernächste. Diese Logik kennt man aus dem Glücksspiel: variable Belohnungen, gezielt eingesetzt.
Hinzu kommt das Fehlen natürlicher Stopps. Eine Zeitung endet, eine Sendung hat einen Abspann, eine DVD ist irgendwann vorbei. Social Media kennt kein Ende. Wer aufhören will, muss aktiv entscheiden aufzuhören. Aktive Selbststeuerung ist anstrengend – besonders für Kinder. Genau deshalb sind solche Systeme so wirkungsvoll: Sie ersetzen bewusste Entscheidungen durch endlosen Fluss. Gleichzeitig zerschneiden Benachrichtigungen der Apps Zeit und verhindern Langeweile – und damit eine der wichtigsten Ressourcen für Entwicklung. Aus Langeweile entsteht Fantasie, Selbstständigkeit, vertieftes Denken. Wer diese Räume ständig füllt, nimmt Kindern mehr als Ruhe. Er nimmt ihnen innere Weite.
Die Folgen – sichtbar im Alltag
Untersuchungen der letzen Jahre zeigen eine Vielzahl von Folgen auf:
Konzentration: Viele Kinder wirken, als stünde ihr Geist unter Dauerbeschuss. Nicht aus mangelndem Willen, sondern weil ihr Gehirn an schnelle Reizwechsel gewöhnt ist. Unterricht, Lesen, Zuhören – all das verlangt geistige Ausdauer. Wer täglich das schnelle Weiterwischen trainiert, trainiert das Gegenteil.
Schlaf: Ein Gerät, das bis kurz vor dem Einschlafen Reize liefert, Diskussionen anheizt und Vergleiche triggert, ist ein schlechter Bettgenosse. Schlafmangel wiederum beeinflusst Stimmung, Lernfähigkeit und Impulskontrolle.
Psychische Gesundheit: Social Media ist eine Bühne permanenter Vergleichbarkeit. Gezeigt werden selten der graue Alltag, sondern Höhepunkte, Filter, Inszenierung. Wer sich in dieser Spiegelhalle formt, riskiert ein fragiles Selbstbild.
Mobbing: Früher endete Mobbing oft am Schultor. Heute kann es ins Kinderzimmer folgen, sich multiplizieren, öffentlich werden. Reichweite verstärkt Wunden.
Vereinsamung: Dauervernetzung ersetzt nicht echte Nähe. Wenn Gespräche ständig unterbrochen werden, verändert sich Beziehung. Blickkontakt, Pausen, Konfliktfähigkeit – all das will geübt werden. Social Media trainiert anderes: schnelle Reaktion, schnelle Bewertung, schnelles Weiter.
Warum Medienkompetenz nicht genügt
Medienkompetenz ist wichtig – aber sie ersetzt keinen Schutz. Sie ist der Regenschirm gegen von Wettermaschinen erzeugte Wirbelstürme.
Auch über Alkohol klären wir auf. Trotzdem bleibt die Altersgrenze. Nicht, weil Aufklärung sinnlos wäre, sondern weil sie Grenzen ergänzt. Eine Grenze ist kein Misstrauen gegenüber der Jugend, sondern Ausdruck erwachsener Verantwortung.
Ich plädiere dafür, Social Media als Suchtmittel einzustufen und erst ab 18 Jahren zu erlauben. Nicht aus moralischer Panik, nicht aus nostalgischem Kulturkampf gegen „die Jugend von heute“, sondern als nüchterne Schutzmaßnahme für jene, die sich am wenigsten wehren können. Kinder brauchen Schutz – nicht Pathos, sondern Verantwortung.
Neurowissenschaftliche und entwicklungspsychologische Befunde zeigen, dass exekutive Kontrollfunktionen – also Impulskontrolle, langfristige Planung und Selbstregulation – erst in den späten Teenagerjahren und im jungen Erwachsenenalter voll ausreifen, während Belohnungssysteme in der Adoleszenz besonders sensibel auf soziale Bestätigung reagieren.
Eine Generation, die schlechter schläft, sich schlechter konzentrieren kann und früher in Suchtdynamiken gerät, ist kein reines Familiendrama. Es betrifft Bildung, Innovationskraft, psychische Stabilität und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Social Media ab 18
Eine Altersgrenze ist kein Allheilmittel, aber ein Signal und ein Schutzrahmen. Sie verschiebt Normen, entlastet Eltern und zwingt Unternehmen zur Verantwortung.
Ja, es wird Umgehungen geben. Wie beim Alkohol. Doch niemand würde deshalb auf Altersgrenzen verzichten. Ihr Zweck ist nicht Perfektion, sondern Orientierung.
Begleitend braucht es klare Schulregeln, handyfreie Lernräume, Unterstützung für Eltern und attraktive Alternativen: Sport, Musik, Vereine, analoge Treffpunkte. Ein Verbot ohne Alternativen wirkt wie Strafe. Ein Schutz mit Alternativen kann befreiend sein und spannende Gedanken und tiefgreifende Gespräche zurückbringen.
Zukunft braucht Technik – aber vor allem Menschen, die ihre Aufmerksamkeit steuern können.
Es geht nicht darum, Social Media zu verteufeln. Es geht darum, sie realistisch zu betrachten: als Produkt, das gezielt Abhängigkeit fördert; als System, das kindliche Entwicklungsphasen ausnutzt; als Suchtmittel in der Hosentasche. Es geht darum zu erkennen, dass Social Media Kindheit als Testfeld für Geschäftsmodelle heranzieht und Jugend als Rohstofflager für Aufmerksamkeit betrachtet.
Datenschutz und Meinungsfreiheit entkoppeln nicht von der Verantwortung, diejenigen zu schützen, die sich selbst noch nicht schützen können.

