Music of a Doomed World - eine philosophisch grundierte Festivalbesprechung

Patrick Viol 460

Beim Hellseatic Festival im Bremer Schlachthof wurde Heavy Music zur Gegenwartsdiagnose. Patrick Viol war vor Ort und hörte in den Abgrund der Dauerkrisen- und Katastrophengesellschaft, lauschte ihm aber auch etwas Hoffnung ab.

Das Hellseatic - das Heavy Music Festival - ging am vergangenen Wochenende über die Bühnen des Bremer Schlachthofs. Und die sympathische Crew bewies einmal mehr, dass es ihr nicht nur gelingt, ohne städtische Gelder ein qualitativ hochwertiges Programm zu gestalten. Mit ihrem Line-up gelang ihr zudem erneut eine listige Irrfahrt, eine Odyssee durch die verschiedenen Genres der Heavy Music, die nicht nur ihre Entwicklung von Black Sabbath bis in die kleinsten Winkel ihrer Subsubgenres präsentierte, sondern die den katastrophalen Zustand der Welt hörbar machte, ihrer Entwicklung aber auch subtilen Widerstand leistete.

Das Hellseatic zeigte also abermals ihr Verständnis dafür, dass schwerer, harter und dunkler Musik eine Erkenntniskraft nicht nur über die schwere, harte und dunkle Verfassung der Welt im Allgemeinen eingeschrieben ist, sondern ebenso für die Steigerungen des konkreten abgründigen Dramas, das sich in ihr abspielt.

Die Welt scheint doomed

Heavy Metal ist Musik der Krise. Er entstand in Birmingham der 70er-Jahre, dort, wo der Niedergang der alten Industrie früh sichtbar wurde. Und in seiner Schwere und Handwerklichkeit erklang die wütende Wehmut von Männern über den Verlust von gleichwohl ideologischer, aber nichtsdestotrotz erfahrener Handlungsmacht innerhalb der Fabriken der Schwermetallindustrie. Doch Metal war nie nur die ästhetische Verdopplung der Fabrik. Sein strenges instrumentelles Arbeitsethos samt verzerrtem, aber transparentem Klang, seine aggressive Schnelligkeit gepaart mit songstruktureller Komplexität und seine Texte über Teufel, Monster, Drachen, Frauenopfer und Massenmord waren und sind immer zugleich Affirmation und Anklage, dass aus der freiheitsraubenden Zumutung der Lohnarbeit, aus der Schwere des Lebens, nicht selten die Flucht in die Feindschaft gegen die scheinbar lustfeindliche Vernunft, in Wahnsinn und Raserei resultiert.

Aber Heavy Metal war - obgleich er die Selbstverdunkelung der Welt, die in den 70er Jahren begann, in sich aufnahm - zumindest in seinen Anfängen, nicht ohne Hoffnung, dass es mal besser werden könnte. Die Erfahrung von Ohnmacht war noch nicht zum panischen System zusammengeschlossen. Wie im Ost-West-Konflikt, so existierte auch in der Kulturindustrie zumindest noch ein ideologischer Konkurrenzkampf um das bessere System.

Heute hat das Kapital gewonnen. Mit diesem Sieg ist die Ohnmacht nahezu total geworden, und die angegriffene Handlungsmacht ist als weitgehend verkümmerte zu einem schweren Alp mutiert, der auf den Subjekten lastet. Die kapitalistische Verfasstheit der Welt hat sich durchgesetzt, doch ihr Erfolg ist Dauerkrise und Katastrophe, Fluch und Untergang in Permanenz - die Welt scheint doomed, das Subjekt plattgewalzt.

Zu Stein gewordene Leben

Dass das Hellseatic dieses Jahr Schwere zum Programm erhob, indem vor allem doomige Bands wie Bruecken, Coltaine, Eremit, Cranial, Heretoir und Pothamus den Ton angaben, deren Sound auf Langsamkeit, Druck, Wiederholung und Erschöpfung ausgerichtet ist, hätte treffender nicht sein können. Weniger Metal, sprich weniger Blastbeats und weniger rasende Doublebass, stattdessen mehr heavy, also schleppende, endlos scheinende Riffs, stolpernde Bassdrums, klangliches Ausharren, verzweifelte Stimmen. Musik, die nicht nach vorn stürmt, keine Wand bildet, sondern ein Fallen auf der Stelle. Das Hellseatic brachte damit musikalisch die Entwicklung der Welt zum wahnsinnigen Ungeheuer auf die Bühne, das alles in sich hinein bewegt und dort zu Aggression anstachelnden Stillstand verdonnert.

So nahm eher Sisyphos als Odysseus im Schlachthof die Heavy Music Odyssey auf sich: Musste man bei den Doom-Performances doch unweigerlich an einen Menschen denken, der sein ganzes Leben einen Stein immer wieder den Berg hinaufwälzt, nur damit er wieder hinabrollt. Und weil dieses musikalische Herabrollen zu Stein gewordener Leben, diese ästhetische Schwere auf dem Hellseatic konsequent ausgereizt wurde, konnte die dumpfe Erfahrung in Muskel, Nerv und Hirn hörbar werden, dass der permanente Fortlauf der Welt auf der Stelle ihres selbsterzeugten Wahnsinns längst auf die Handlungen des Einzelnen verzichten kann; dass die Welt weiterläuft, gerade weil die Einzelnen stillgestellt sind.

Der subtile Widerstand

Doch das Hellseatic wäre nicht das Hellseatic, wenn es bei dieser Darstellung objektiver Erlahmung stehenbliebe. Die Stärke des Festivals liegt darin, dass die Bands und ihre Sounds in konflikthafte Kommunikation treten. So wurden der dunklen Lehmkruste des Dooms aufbrechende Gegenmomente beigestellt. Zum Beispiel mit Aptera, deren Sound an die alte Kraft des Subjekts im Heavy Metal erinnerte. Mit der Band Tyranex, deren Speed/Thrash-Metal Depression über Stillstand verweigert, und mit der Band Fange, deren Industrial Hardcore nach einem einzigen Befreiungskampf klingt.

Besonders stark war der Auftritt der deutschen Band Laudare. Die Band mit E-Cello schuf eine klangliche Flucht in eine fast frühromantisch anmutende Sphäre, ohne in Kitsch zu kippen. Da war zwar etwas Süßliches, Harmonie-Suchendes, experimentell Argloses. Doch diese Anmutung wurde immer wieder durchbrochen von Post-Black-Metal-Aggression. Gerade dadurch blieb die Musik wahr. Sie tat nicht so, als könne man sich aus der beschädigten Welt einfach hinausphantasieren. Der Sound war ein naturhaftes Aufbäumen des Subjekts gegen seine Verhärtung. Er erinnerte daran, dass man trotz objektiver Erlahmung noch nicht ganz tot ist.

Laudare gelang es, und mit ihr dem Festival, die innere Verschränkung von Ausweglosigkeit und Aggression zu entzerren. Die Ausweglosigkeit wurde hier zum Gegenstand der Aggression. Das ist ein entscheidender Unterschied. Denn wo Verzweiflung und Wut ununterschieden ineinander fallen, drohen sie sich gegen Schwäche, Abweichung und Verletzlichkeit zu richten. Laudare zeigten eine andere Möglichkeit: Aggression als Weigerung, sich mit dem Stillstand abzufinden.

Ebenso grandios - wie die Idee, ihn zu buchen - war der Auftritt von Author & Punisher. Der amerikanische Künstler Tristan Shone erzeugt seinen Industrial-Brachialsound mit selbst gebauten MIDI-Maschinen, sodass die Performance Konzert, Kunstaktion und körperliche Versuchsanordnung zugleich ist. Der Sound war stumpfe Gewalteinwirkung. Er erschütterte Mark und Bein, sprach aber gerade dadurch den schweren Schmerz an, der in überflüssigen Körpern vorhanden ist. In diesem Moment konnte das eigene sadomasochistische Hörvergnügen an Gewaltmusik beinahe selbstreflexiv werden. Warum klingt Schmerz manchmal befreiend? Warum kann Druck erleichtern? Warum sucht man Musik, die einen niederdrückt, die einen erschlägt? Weil das Leben in der Form, zu der es verdonnert ist, eine gewaltvolle, schmerzhafte Erfahrung ist – für Menschen, die verzichtbare Anhängsel sind.

Nicht ganz doomed

Darüber gelang es Author & Punisher zu zeigen, dass Maschinen nicht bloß Instrumente der Herrschaft und unserer Ohnmacht sein müssen. Wenn Maschinen Mittel der Gestaltung werden, hören Menschen auf, ihr buchstäbliches und metaphorisches Anhängsel zu sein. Der Künstler ließ Maschinen ästhetisch als Möglichkeit erscheinen, Kraft zurückzugewinnen. Nicht als naive Technikhoffnung. Aber als Erinnerung daran, dass das, was Menschen geschaffen haben, nicht zwangsläufig sich gegen sie verkehren muss. Dass der Schmerz enden kann, der uns lähmt.

So wurde das Hellseatic im Bremer Schlachthof zu mehr als einem Festival der schweren Musik. Es war eine Bestandsaufnahme einer Gegenwart, die unter ihrer eigenen wahnsinnigen Last ächzt. Doch die widersprüchliche Art, wie diese Gegenwart hörbar gemacht wurde, erinnerte zum einen daran, dass das panische System totaler Ohnmacht immer auch Schein ist und damit zum anderen an die leise Hoffnung in der lauten Musik des Heavy Metals: dass wir nicht vollends doomed sind.