Medizin und Moral

Luisa Mersmann Neu
Medizinischer Fortschritt hat seinen Preis und die Frage nach Tierversuchen stellt ihn immer wieder neu zur Diskussion.
Mäuse werden am häufigsten für Tierversuche eingesetzt.

Mäuse werden am häufigsten für Tierversuche eingesetzt.

Bild: Adobe Stock

Der internationale Tag gegen Tierversuche am 24. April, rückt ein Thema in den Fokus, dass sowohl Wissenschaft, Ethik und Gesellschaft beschäftigt. Für die einen sind Tierversuche unverzichtbar für den medizinischen Fortschritt, während andere sie als überholt und grausam ansehen. Die Frage, ob Tierversuche gut oder schlecht sind, ist komplex – nur selten gibt es klare Antworten.

Unbestritten ist, dass Tierversuche in der Vergangenheit zur Entwicklung zahlreicher medizinischer Errungenschaften beigetragen haben. Viele Medikamente wie Insulin und Impfstoffe wie der gegen Covid-19 wurden zunächst an Tieren getestet. Befürworter:innen argumentieren daher oft damit, dass sich komplexe biologische Prozesse bisher nicht vollständig ohne lebende Organismen erforschen lassen.

Zudem gibt es Bereiche, in denen bislang keine gleichwertigen Alternativen existieren. Gerade bei der Sicherheitsprüfung neuer Medikamente sind Tierversuche teilweise noch gesetzlich vorgegeben. Wenn jedoch eine Alternativmethode eingesetzt werden kann, ist es gesetzlich verpflichtend, diese zu verwenden.

Zweifel an Nutzen

Kritiker:innen von Tierversuchewissen zwar, dass es in der Vergangenheit zu medizinischen Durchbrüchen kam, stellen aber in Frage, inwieweit Tierversuche tatsächlich einen Nutzen haben, oder ob die Durchbrüche nicht sowieso erzielt worden wären. Ein zentrales Argument ist, dass sich Ergebnisse aus Tierexperimenten nicht immer auf den Menschen übertragen lassen. Unterschiede im Stoffwechsel oder Immunsystem können dazu führen, dass Medikamente beim Tier wirksam erscheinen, beim Menschen jedoch versagen. Darauf baut die Frage auf, ob nicht vielleicht Medikamente, die beim Tier nicht geholfen haben, beim Menschen wirken.

Laut den „Ärzten gegen Tierversuche“ zeigen Studien außerdem, dass ein Großteil der im Tierversuch erfolgreichen Medikamente später in klinischen Studien scheitern – konkret sind es über 90 Prozent. So kam es in der Vergangenheit bereits zu Medikamentenskandalen, wie etwa 2006, als die Einnahme eines potenziellen Mittels gegen Multiple Sklerose bei sechs Patienten zum Multiorganversagen führte.

Ethische Perspektiven

Im Zentrum der Debatte steht immer die ethische Frage: Darf der Mensch Tiere für seine Zwecke nutzen? Tierschutzorganisationen betonen, dass Tiere Schmerzen, Angst und Stress empfinden – genau wie der Mensch. Aus diesem Grund hätten sie ein moralische Recht auf Schutz. Tierversuche seien mit erheblichem Leid verbunden, etwa durch Krankheiten, Eingriffe oder Haltungsbedingungen. EU-weit wird unter vier Belastungsgraden bei den Versuchspraktiken unterschieden, wobei die letzte Kategorie immer mit dem Tod der Tiere endet. Die anderen drei Belastungsgrade unterscheiden sich in „gering“, „mittel“ und „schwer“. Als „geringe“ Belastung bezeichnet man Versuche, die mit „kurzzeitig geringen Schmerzen, Leiden oder Ängsten, ohne lang anhaltende negative Auswirkungen“ durchgeführt werden. Beim mittleren Grad werden Verfahren eingesetzt, „bei denen zu erwarten ist, dass sie bei den Tieren kurzzeitig mittelstarke Schmerzen, mittelschwere Leiden oder Ängste oder lang anhaltende geringe Schmerzen verursachen“. Bei schweren Belastungen sind die Schmerzen, Leiden oder Ängste von großer Intensität oder Dauer. Auch Todesfälle sind in dieser Kategorie zu erwarten.

Ein Kritikpunkt ist jedoch, dass die Einteilung der Belastungsgrade nie genau erfolgen kann. Die EU-Richtlinie stellt nur vage Kriterien bereit und darüber hinaus unterscheidet sich, was als „belastend“ gelten kann, nach Tierart, Alter des Tiers und vorherigem Gesundheitszustand.

Doch auch einige Ethiker und Teile der Wissenschaft argumentieren, dass der Schutz menschlichen Lebens in einigen Fällen schwerer wiegen könnte, als der des Tieres. Die Abwägung zwischen dem Leid von Tier und dem möglichen Nutzen für den Menschen ist ein zentraler Konflikt – eine allgemein akzeptierte Lösung gibt es nicht.

Alternativmethoden im Aufschwung

Parallel zur Kritik an Tierversuchen wächst aber auch die Forschung an Alternativen. Dazu zählen Experimente mit menschlichen Zellkulturen als In-vitro-Methode, computergestützte Modelle sowie sogenannte Organ-on-a-Chip-Technologien, die Funktionen menschlicher Organe simulieren können. Forschende weisen jedoch darauf hin, dass Tierversuche nicht vollständig, besonders bei Medikamentenprüfungen, ersetzt werden könnten.

Auch politisch gewinnt das Thema an Bedeutung: In der EU sind Tierversuche für Kosmetik bereits verboten. Das sogenannte 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refinement) soll Tierversuche langfristig ersetzen, reduzieren oder zumindest tierfreundlicher gestalten.

Die Diskussion um Tierversuche bewegt sich zwischen medizinischer Notwendigkeit, wissenschaftlicher Kritik und ethischer Verantwortung. Einige Forschende halten sie weiterhin für unverzichtbar, andere hingegen sehen in Modernen Methoden die bessere Alternative. Der internationale Tag gegen Tierversuche macht deutlich, dass die Gesellschaft permanent vor einer schwierigen Abwägung steht – und sich ihr nicht entziehen darf. Denn selbst dort, wo einhellig gelten würde, dass nur Menschen und keine Tiere einen moralischen Status genießen, dürften sie nicht unnötig gequält werden, weil solche Quälerei – frei nach Immanuel Kant – die Menschen verroht.