Kommentar zum Muttertag: Die Schönheit des Geschirrspülens

Benjamin Moldenhauer 12

Benjamin Moldenhauer darüber, warum es den Muttertag eigentlich nicht geben sollte.

„Um die Frauen zur Gratisarbeit zu bringen, kann man ihnen nicht die Schönheit und Mystik des Geschirrspülens oder des Wäschewaschens preisen“, so Simone de Beauvoir.

„Um die Frauen zur Gratisarbeit zu bringen, kann man ihnen nicht die Schönheit und Mystik des Geschirrspülens oder des Wäschewaschens preisen“, so Simone de Beauvoir.

Bild: Adobestock

Am Sonntag ist Muttertag, und das Programm ist absehbar das gleiche wie jedes Jahr: Es gibt Pralinen oder Blumen, die Söhne und Töchter werden in vielen Grundschulklassen dazu gedrängt, ein Bild zu malen oder etwas zu basteln. Es gilt für den Muttertag das Gleiche wie für alles gesellschaftlich Ramponierte, das immerhin an einem von 365 Tagen im Jahr gewürdigt werden soll. Der Welttag des Buches, der Internationale Tag des Friedens, der Welttag der Pressefreiheit: All das wäre als Datum nicht mehr nötig, wenn Lesekompetenz und Bildung universell zugänglich wären und praktiziert würden, wenn kein Krieg mehr wäre und wenn die Presse weltweit eine freie wäre.

Übertragen auf den Muttertag: Wenn Frauen nicht statistisch gesehen nach wie vor den größten Teil der Care-Arbeit in den Familien übernehmen würden, während die Väter – wieder: statistisch gesehen – heroisch zwei Monate Elternzeit nehmen und dann wieder in die Welt der Arbeit entschwinden, wäre ein Tag wie der Muttertag gar nicht plausibel. Gewürdigt werden muss an solchen Tagen nur, was im Normalbetrieb keine Würdigung erfährt.

Die Kritik von links am Muttertag als Nazi-Institution greift aber auch zu kurz. Die völkische Aufladung des Feiertages und die Verherrlichung von Mutterschaft mittels Ehrenkreuzverleihung an Mütter (Bronze: vier bis fünf Kinder, Silber: sechs bis sieben Kinder, Gold: acht oder mehr Kinder) haben dazu geführt, dass der Muttertag hierzulande als genuin nationalsozialistische Institution gilt. Dabei reicht seine Geschichte weiter zurück, nämlich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Der erste Muttertag wurde in den USA am 8. Mai 1914 begangen, in Deutschland 1923.

Die Geschichte dieses Ehrentages ist somit eine durch und durch bürgerliche. Gewürdigt und damit auch gefeiert werden die graduelle Selbstaufgabe und die Mühen, die Frauen bis heute auf sich nehmen müssen, wenn sie als gute Mütter gelten wollen. Man kann sich die Diskrepanz anhand einiger weniger Zahlen vor Augen führen: Frauen verbringen pro Woche laut dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchschnittlich knapp 29 Stunden mit unbezahlter Sorgearbeit, Männer etwa 20 Stunden. In Haushalten mit betreuungspflichtigen Kindern beträgt der Unterschied teils über 14 Stunden pro Woche. Das sind nahezu zwei volle Arbeitstage pro Woche mehr.

Eine qualitative Erfahrung der Diskrepanz zwischen Mutter- und Vaterschaft und damit auch zwischen Frauen und Männern kann man zum Beispiel beobachten, wenn man als Mann mitsamt Nachwuchs, einen Kinderwagen vor sich herschiebend, einen Spielplatz besucht. Wenn man dann auch noch mit seinem Kind spielt und aufmerksam bleibt, wird das, was bei Müttern als selbstverständlich gilt – Kümmern, Achtsamkeit – zu etwas Besonderem. Zu Hause wiederum gelten, wieder statistisch gesprochen, traditionelle Regeln: Termine, Arztbesuche, das Im-Blick-Behalten und Einkaufen von Kleidung, Geburtstagsfeiern und Schulorganisationen liegen zumeist bei den Frauen. Da hat sich nach wie vor wenig Prinzipielles getan. Zumal Familiengründung konservative oder traditionelle Tendenzen ohnehin verstärkt.

Heißt aber auch: Vom Mental Load erdrückt zu werden, Karriere und soziales Leben zurückzustellen und sich dann auch noch darauf einstellen zu müssen, dass der eigene Umgang mit den Kindern im öffentlichen Raum fröhlich und ungebremst kommentiert werden kann – das alles sind Erfahrungen, die vor allem Mütter machen müssen. Väter nicht.

Schon deswegen ist der Muttertag nötig, wenn auch nicht in einem guten Sinne. Einen Ehrentag braucht nur, wer ansonsten das Jahr über nicht gewürdigt wird. Care-Arbeit, die allemal eine Form von Arbeit ist und nicht nur eine Metapher, hat gesellschaftlich kaum Wert – an 364 Tagen im Jahr nicht. Und um zu kaschieren, was im gesellschaftlichen Unbewussten herumdümpelt, wird Liebe gerne mit „unbezahlter Arbeit“ verwechselt: „Um die Frauen zur Gratisarbeit zu bringen, kann man ihnen nicht die Schönheit und Mystik des Geschirrspülens oder des Wäschewaschens preisen“, wusste Simone de Beauvoir bereits Ende der 1940er Jahre. „Also predigt man ihnen die Schönheit der Mutterschaft.“

Insofern verweist der Muttertag weniger auf den Fortbestand von Blut-und-Boden-Ideologie als vielmehr auf die ungleiche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, wenn es um das Zusammenleben mit und das Großziehen von Kindern geht.