Koalition kennt kein Halten
Landkreis. „Eine Regierung, die so etwas beschließt, dürfte für Alleinerziehende nicht verantwortlich sein“, sagt Lena W. (38) energisch. Wenn sie über die geplante Rückkehr des Unterhaltsvorschusses auf den Stand von 2017 spricht, bricht sich Wut Bahn. Viele Jahre war sie alleinerziehend. Sie kennt das Leben auf der finanziellen Kante, die Erschöpfung, das schlechte Gewissen. „Wenn irgendwas in deinem Job passiert, stehst du direkt vor einem Drama“, sagt sie. „Du bist allein Ernährerin, allein Organisatorin, du kannst nichts abgeben.“
Was für andere eine haushaltspolitische Kürzungsdebatte ist, bedroht für Alleinerziehende die Existenz eines ganzen Lebensmodells. Denn vieles hängt an der dünnen Schnur des monatlichen Geldflusses. Fällt Geld weg, „steht dein Zuhause mit deinem Kind auf dem Spiel“, sagt Lena W. „Dann bricht dein ganzes System zusammen,“ das man dann versuche mit Schulden notdürftig zu kitten. Ein fataler Kreislauf.
Alles wird leichter mit Geld
Alleinerziehende seien nicht nur mit finanziellen Engpässen konfrontiert, sondern mit permanenter Überlastung. Kein Backup, kein Partner, keine Ausweichmöglichkeit. „Zeitarmut, Einsamkeit, dauerhafte Verantwortung – das gehört alles dazu. Der ganze Mental Load betrifft nur dich“, sagt Lena W. Alleinerziehende könnten es sich nicht leisten, krank zu sein, oder einen schlechten Tag zu haben. „Und alles, was von außen auf dich einwirkt, das heißt jegliches Scheißverhalten, jegliche Dinge, die nicht laufen, jegliche Menschen, die sich dir gegenüber auf respektlose Art verhalten oder dir das Leben schwer machen, ist für Alleinerziehende noch schwerer.“ Erleichterung verschaffe leider nur Geld. Es bedeute Erholung, Freizeit, ein Stück Normalität. Und diese verschaffe für Alleinerziehende nicht selten der Unterhaltsvorschuss. Das betont auch der Landkreis Osterholz: „Mit dem Unterhaltsvorschuss können Familien besser planen, etwa für Miete, Lebensmittel, Schulmaterial oder Freizeitaktivitäten. Regelmäßige Zahlungen erleichtern die Haushaltsführung und reduzieren Stress, der durch unregelmäßige oder ausbleibende Zahlungen des Unterhaltspflichtigen entsteht.“ Dies könne existenzielle Unsicherheiten der Alleinerziehenden verringern und grundsätzlich das Risiko von Armut mindern. Über 40 Prozent der ca. 2,8 Millionen Alleinerziehenden (2,4 Millionen sind Frauen) verdienen weniger als 1.500 Euro im Monat.
Ein politischer Widerspruch
Wenig Geld lasse zudem das ohnehin stets aktive schlechte Gewissen wachsen: das Gefühl, nie genug zu sein. Für das Kind, für sich selbst und für eine Gesellschaft, die das traditionelle Kleinfamilienmodell noch immer als Norm setze und einem - vor allem auf dem Land - signalisiere, etwas falsch gemacht zu haben. Das Problem: für Dating sei auch keine Zeit, die Rückkehr zu einer geteilten Elternschaft daher schwer. Eher wachse die Einsamkeit.
Von der ländlichen Stigmatisierung alleinerziehender Mütter weiß auch Ann-Mary Müller-Pirzkall, selbst alleinerziehend und Beraterin beim Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), zu berichten. Nicht selten, so erzählt sie, hörten alleinerziehende Frauen, dass es dann wohl ein Fehler gewesen sei, den Mann verlassen zu haben, wenn das Leben alleinerziehend so schwer sei. Müller-Pirzkall berät vor allem Frauen, die nach Jahren häuslicher Gewalt einen Neustart wagen. Oft ohne eigenes Einkommen, ohne Ersparnisse, ohne belastbares Netzwerk, manchmal ohne Arbeitserfahrung.
„Viele Frauen haben gar nicht oder nur wenig gearbeitet, weil sie zu Hause die Kinder erzogen haben“, sagt Müller-Pirzkall. „Wenn sie sich dann trennen, stehen sie komplett am Anfang.“ Und wissen nicht, wie es weitergeht. „Viele kommen zu uns und fragen: Wie geht es jetzt weiter? Wo kann ich Anträge stellen? Wie sichere ich meinen Lebensunterhalt?“
Fragen der Orientierungslosigkeit und der Angst. Der Unterhaltsvorschuss sei dann oft eine der wenigen verlässlichen Säulen. Und ausgerechnet diese existenzielle Säule soll nun auch geschwächt werden?
Lena W. und Müller-Pirzkall sind fassungslos, nicht zuletzt auch deshalb, weil das Motiv hinter der Kürzung widersprüchlich und realitätsfern sei: Die Bundesregierung fordere ja mit der Kürzung und dem bereits beschlossenem verschärften Sanktionsregime der Grundsicherung letztlich mehr Erwerbsbeteiligung von Alleinerziehenden, vielerorts fehlten aber die Strukturen, um das überhaupt zu ermöglichen. Betreuungsangebote zu kürzen und gleichzeitig mehr Engagement zu verlangen, sei ein Ausdruck von Realitätsverweigerung. Besonders problematisch sei es, wenn am Ende wegen gekürzter Leistungen, die nicht selten Alleinerziehende treffen, auch noch das Jugendamt eingeschaltet werde. „Das ist zynisch“, sagt Müller-Pirzkall. „Man bestraft damit diejenigen, die ohnehin schon am Limit leben.“
Lena W. verweist zudem darauf, dass Arbeitgeber oft vor einer Einstellung von Alleinerziehenden zurückschreckten, weil sie viel öfter ausfallen als Eltern in Paarbeziehungen. Entsprechend formulieren beide dieselben deutliche Worte: Eine mögliche Begrenzung der Bezugsdauer auf sechs Jahre oder bis zum zwölften Lebensjahr sei „richtig übel“.
Die „Problemkinder“ von morgen
Nicht zuletzt auch wegen der Auswirkungen auf die Kinder von Alleinerziehenden. Was finanzielle Unsicherheit für Kinder bedeutet, beschreibt Annika Ziemann, Leiterin des SOS-Kinderdorfs Worpswede. Armut wirke sich unmittelbar negativ auf die psychische Gesundheit, auf Teilhabe, Bildungschancen und Selbstwertgefühl aus. Jedes fünfte Kind in Deutschland wachse in Armut auf, unter Kindern von Alleinerziehenden ist die Quote höher.
Fehlen Rückzugsräume, Freizeitangebote oder soziale Teilhabe, wachse die Gefahr von Entwicklungseinschränkungen und Mobbing.
Vor diesem Hintergrund seien verlässliche staatliche Leistungen wie der Unterhaltsvorschuss zentral. Sie schafften ein Mindestmaß an Stabilität - und „verringern existenzielle Unsicherheiten und reduzieren Stress, der durch unregelmäßige Zahlungen entsteht“, wie es auch aus der Osterholzer Verwaltung heißt.„Kürzt man sie, schwächt man Kinderrechte“, warnt Ziemann, die zumindest die SPD doch stärken wollte.
Lena W. formuliert es drastischer. „Wenn du den Eltern das Geld nimmst, fehlt es den Kindern an allem – Zeit, Bildung, Teilhabe“, sagt sie. „Und dann nennt man sie später Problemkinder, mit denen niemand spielen will.“ Es ist ein Satz voller Bitterkeit und erfahrungsgesättigt. Lena W. ist Pädagogin. Gemeint ist die Konsequenz einer Abwärtsspirale: Am Ende der Kürzungen tragen die Kinder die Folgen, die, wie es Studien immer wieder zeigen, auch als Erwachsene der Armut selten entraten.
Das Geld der Väter
Dass die Bundesregierung die finanziellen Handlungsmöglichkeiten und Sicherheiten vor allem von Frauen einzuschränken beabsichtigt, sei laut Müller-Pirzkall nicht nur bitter, sondern auch „patriarchal“. Denn sie könnte ja durchaus, um nicht auf den Schulden sitzen zu bleiben, die sie für unterhaltspflichtige, aber nicht zahlende Väter auf sich nimmt, die Mittel verschärfen, um an ihr Geld zu kommen. In anderen Ländern gebe es Lohnpfändungen oder den Entzug des Führerscheins. In Deutschland aber scheint auf Regierungsebene derselbe Mechanismus zu greifen wie in vielen Familien: Wo Männer Verantwortung verweigern, büßen Frauen.
Info: Unterhaltsvorschuss
Unterhaltsvorschuss erhalten Alleinerziehende, wenn der andere Elternteil keinen oder zu wenig Unterhalt zahlt.
Bis 2017:
Zahlung nur bis zum zwölften Geburtstag des Kindes und höchstens 72 Monate lang.
Seit 2017:
Keine Höchstbezugsdauer mehr. Anspruch grundsätzlich bis zum 18. Geburtstag, bei Jugendlichen ab zwölf Jahren unter zusätzlichen Bedingungen.
Diskutierter Rückschritt:
Rückkehr zur alten Regelung: maximal sechs Jahre Unterhaltsvorschuss und nur bis zum zwölften Geburtstag.

