Kassen sparen - Patienten warten

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Weniger Geld für Psychotherapeuten, obwohl der Bedarf steigt: Die jüngste Kürzung der Honorare durch die Krankenkassen ist höchst umstritten.

Wer psychisch krank ist und den Mut aufbringt, sich Hilfe zu suchen, macht damit oft nicht den erhofften ersten Schritt zur Genesung, sondern handelt sich einen Haufen neuer Probleme ein: Monatelange Wartezeiten für Therapieplätze sind keine Seltenheit. Während Betroffene in Ungewissheit verharren, ist die Lohnfortzahlung von sechs Wochen längst Geschichte. Im schlimmsten Fall neigt sich sogar das Krankengeld, das bis zu 78 Wochen lang gezahlt wird, schon dem Ende zu. Gleichzeitig werden Anträge auf Erwerbsminderungsrente oder medizinische Reha abgelehnt – denn die Behandlungsmöglichkeiten vor Ort, zum Beispiel eine Psychotherapie, wurden ja noch nicht ausgeschöpft.

Helge Grote vom SoVD Osterholz-Scharmbeck hat diesen Leidensweg mehr als einmal in seiner Tätigkeit als Berater beobachtet. „Dann ist man schnell armutsgefährdet“, sagt der Rechtsanwalt. „Die Versorgung hier im Landkreis Osterholz ist eine Katastrophe“, fasst der Geschäftsstellenleiter des SoVD zusammen und meint damit die Anzahl psychotherapeutischer Praxen.

 

„Ein sehr bedenklicher Schritt“

Ausgerechnet in dieser angespannten Lage haben die gesetzlichen Krankenkassen beschlossen, die Honorare für psychotherapeutische Leistungen zu kürzen. Vor Ort trifft das auf Unverständnis, weil der Bedarf das Angebot schon jetzt um ein Vielfaches übersteigt. „Die Wartezeit ist gefühlt schon ungefähr ein Jahr“, sagt Grote. Neue Praxen würden sofort überlaufen, viele Ratsuchende fragten verzweifelt nach freien Plätzen.

Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Tuba Müküs-Giese aus Osterholz-Scharmbeck kann die Entscheidung ebenso wenig nachvollziehen. „Unsere Honorare wurden schließlich auch vom Bewertungsausschuss beschlossen und werden jetzt einfach willkürlich zurückgenommen“, sagt sie. Ihre Praxis sei seit Jahren ausgelastet. „Nach drei Monaten waren alle Plätze belegt“, erinnert sie sich an 2018, als sie ihre Praxis eröffnete. Der Bedarf wachse weiter – gerade bei jungen Menschen. „Wir sehen viele Depressionen, Angststörungen, viele affektive Störungen. Wir kämpfen heute noch mit den Folgen der Pandemie, es gibt viele Schulvermeidungen.“

In Bremervörde beschreibt Andreas von Glahn vom Verein Tandem die Lage noch zugespitzter. „Wir erleben in unserer Arbeit täglich eine zum Teil fast schon existentielle Not“, sagt er. Wartezeiten von sechs bis zwölf Monaten seien keine Ausnahme. „Menschen in massivsten Krisen haben diese Zeit nicht.“ Die geplante Kürzung sei deshalb „ein sehr bedenklicher Schritt“, der die Situation weiter verschärfen werde.

 

Stimmen der „Unparteiischen“ geben den Ausschlag

Die Entscheidung, die diese Reaktionen auslöst, fiel in einem Gremium, das außerhalb der Fachöffentlichkeit kaum bekannt ist. Der Erweiterte Bewertungsausschuss wird immer dann angerufen, wenn sich Krankenkassen und Ärzteschaft nicht einigen können. Normalerweise kommen im regulären Bewertungsausschuss drei Vertreter der Krankenkassen und drei Vertreter der Ärzteschaft zusammen. Sie müssen regelmäßig die Honorare überprüfen und eine einstimmige Entscheidung treffen.

Gelingt das nicht, kommt der Erweiterte Bewertungsausschuss zusammen. Drei unparteiische Mitglieder kommen hinzu und es wird abgestimmt. Jetzt gilt Mehrheit statt Konsens. Je ein „neutrales“ Mitglied wird von Kassen und den Ärzten bestimmt, auf ein drittes, das auch den Vorsitz inne hat, müssen sich beide Seiten einigen.

Genau so kam es Mitte März zur Kürzung: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung lehnte sie ab, durchgesetzt wurde sie dann mit den Stimmen der Unparteiischen im erweiterten Ausschuss. Welche unparteiischen Mitglieder konkret abgestimmt haben, wird nicht veröffentlicht. Es handelt sich dabei in der Regel um Fachleute wie Gesundheitsökonomen, die aktuell weder in einer Krankenkasse noch in den Berufsverbänden der Ärzte tätig sind.

 

Berufsverbände: „Eine Zumutung“

Inhaltlich begründen die Krankenkassen ihre Entscheidung mit einem gesetzlich vorgeschriebenen Vergleich. Demnach seien die Einkommen in der Psychotherapie in den vergangenen Jahren stärker gestiegen als in anderen Fachgruppen. Tatsächlich wurden die Honorare seit 2013 deutlich angehoben. Im Vergleich mit anderen Fachärzten verdienen Psychotherapeuten aber nach wie vor deutlich weniger.

Für die Kassen ist die jetzige Absenkung ein „angemessener Kompromiss“. Ursprünglich war sogar eine Kürzung um zehn Prozent im Gespräch. Am Ende fiel sie mit 4,5 Prozent niedriger aus, gleichzeitig wurden Zuschläge erhöht, die den Verlust jedoch nicht ausgleichen werden.

Die Kritik daran fällt scharf aus. Der Beruf des Psychotherapeuten müsste eigentlich noch attraktiver gemacht werden, sind sich viele Stimmen einig. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, spricht von einer Entscheidung, die „die Interessen psychisch kranker Menschen außer Acht gelassen“ habe. Es sei paradox, ausgerechnet dort zu sparen, wo ein großer Teil der Versorgung vergleichsweise kostengünstig erbracht werde.

Auch Berufsverbände der Psychotherapeuten reagieren empört. Die Bundespsychotherapeutenkammer nennt die Maßnahme „Kürzungspolitik nach dem Rasenmäherprinzip“. Das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk spricht von einer „Zumutung“ und warnt vor einer weiteren Verschlechterung der Versorgung.

 

Wirtschaftlicher Nutzen umstritten

Der Bedarf an Therapieplätzen wächst seit Jahren. Psychische Erkrankungen nehmen zu, gerade bei Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig ist die Zahl der Therapeutinnen und Therapeuten zwar auch gestiegen, doch die Wartezeiten bleiben lang.

Ökonomisch fällt die Einsparung nach Einschätzung von Berufsverbänden und Interessenvertretungen der Psychotherapeuten kaum ins Gewicht. Psychotherapie mache nur einen kleinen Teil der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung aus, die Kürzung reduziere die Ausgaben entsprechend kaum. Kritiker sprechen deshalb von einem symbolischen Sparbeitrag mit realen Folgen.

Aus Sicht der Verbände liegt genau darin das Problem: Die Behandlung psychischer Erkrankungen wirke häufig präventiv. Sie könne lange Krankheitsverläufe verhindern, Klinikaufenthalte reduzieren und Menschen schneller wieder arbeitsfähig machen. Tuba Müküs-Giese teilt diese Einschätzung: „Wir arbeiten an Funktionalität, damit die Menschen wieder zur Arbeit oder in die Schule gehen können - und das mit hoher Erfolgsquote.“

Psychische Erkrankungen verursachen - insbesondere wenn sie spät erkannt und behandelt werden - besonders lange Fehlzeiten. Und sie belasten das System auf vielfache Weise: „Zur Pyschotherapie zu gehen, ist nach wie vor eine Hürde. Viele gehen eher mit somatischen Beschwerden zum Hausarzt. Wenn die Menschen erstmal bei uns in der Behandlung sind, entfallen diese Hausarztbesuche. Psychotherapie wäre billiger“, sagt Müküs-Giese.

 

Krankenkassen sind pleite

Dass dennoch gekürzt wird, hat vor allem mit der finanziellen Lage der Krankenkassen zu tun. Sie kämpfen seit Jahren mit steigenden Ausgaben und sinkenden Rücklagen. Politische Entscheidungen, etwa der Abbau finanzieller Reserven in der Vergangenheit unter Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), wirken bis heute nach. Pandemiekosten wurden mit Mitteln der Krankenkassen finanziert und bis heute nicht erstattet. Gleichzeitig treiben demografischer Wandel, teure Medikamente und hohe Klinikkosten die Ausgaben weiter nach oben.

Andreas von Glahn sieht die bevorstehende Kürzung als Symptom eines größeren Problems: Es sei ein „Prinzip deutscher Gesundheits- und Sozialpolitik“, einzelne Personen- und Berufsgruppen zum „Thema und Opfer einer Deabtte“ zu machen, anstatt solidarische Lösungen zu suchen. „Themen wie eine gerechte Besteuerung und die Frage, welchen Beitrag reiche und überreiche Menschen leisten oder nicht leisten, will man ja hierzulande nicht ansprechen“, sagt der Diplom-Sozialpädagoge. Tuba Müküs-Giese bedauert die jüngste Entwicklung ebenfalls. „Als Bürgerin dieses Landes kann ich die Entscheidung nicht nachvollziehen. Wir haben ein perfektes Solidarsystem, darauf sollten wir alle stolz sein. Warum soll das kaputtgespart werden?“, fragt sie sich. Sie könne die Kollegen verstehen, die jetzt aus wirtschaftlichen Gründen mehr Privatpatienten behandeln wollten.