Integrationskraft Handwerk
Landkreis. Eine volle Stadthalle zeugte vom Gewicht der diesjährigen Freisprechungsfeier der 104 Gesellinnen und Gesellen des Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser. Diedrich Höyns, Vorsitzender des Vorstandes der Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser, freute sich mit ihnen über diesen ersten beruflichen Erfolg und bedankte sich auch bei Ausbildern und Eltern.
Der Abschluss sei der Start eines vielversprechenden Berufsweges: „Die Aussichten im Handwerk sind gut“, sagte Höyns. Ein gutes und erfolgreiches Leben sei ihnen aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation sicher. Fragen und Herausforderungen würde es immer geben, „aber ein großer Teil der Lösung sind Sie selbst.“ Die Kreishandwerkerschaft bliebe an der Seite der jungen Kolleginnen und Kollegen bei Fortbildung, Spezialisierung oder besonders gern bei Neugründung.
Handwerk integriert
Unruhe, Unsicherheit und Vertrauensverlust durch den veränderten Umgang miteinander und gerade auch in der Politik seien da wenig hilfreich. „Es ist wichtig, dass diese Verlässlichkeit von uns allen wieder hergestellt wird“, wünschte sich Höyns. „Glauben Sie an Ihre Fähigkeiten und an Ihr Können. Dabei ist es egal, woher Sie kommen oder wie Sie aussehen. Das, was Sie gelernt haben und was Sie können, wird Ihnen die Kraft geben, eine gute menschliche und freiheitliche Gesellschaft zu entwickeln und auch zu erhalten.“ In dieser immer komplizierter werdenden Welt sei der Wunsch nach einfachen Lösungen groß. „Man kann schnell auf die Erklärungen einiger politischer Kräfte bei uns reinfallen.“ Aber „einfache Lösungen“ würden jenen nicht gerecht, denen man auch helfen müssen.
Im Handwerk habe man stattdessen eine große Chance, Menschen mit dem dualen Ausbildungssystem aufzufangen und nicht nur im Handwerk, sondern in der Gesellschaft zu integrieren.
Rückgrat des Mittelstandes
Der Landrat des Landkreises Rotenburg/Wümme, Marco Prietz, sprach besonders gern die Festrede: „Hier wird sichtbar, was unsere Region im Kern zusammenhält: Können, Fleiß, Verantwortung.“ Eine gute Ausbildung sei keine Selbstverständlichkeit: „Oft stecken kleine oder mittlere Betriebe Zeit, Material und Nerven in die nächste Generation.“ Selbst habe Prietz keinen Gesellenbrief in der Tasche, sondern zwei linke Hände, trotz Maurer und Heizungsbauer in direkter Verwandtschaft. „Als Politiker und Chef einer Verwaltung schaue ich deshalb auf das Handwerk mit einer Mischung aus Anerkennung und einem heimlichen Neid.“ Das Handwerk bilde nicht nur überproportional aus, sondern das praktische Können bilde das Rückgrat unseres Mittelstandes. 780 Milliarden Euro würden im Handwerk in Deutschland umgesetzt. Mit dem Gesellenbrief begegne man dem Fachkräftemangel und der Unternehmensnachfolgefrage. „Jede der über 3.300 unbesetzten Ausbildungsstellen landesweit ist eine verpasste Chance für die Betriebe und für einen jungen Menschen.“
Spaß an der Arbeit
Der frisch ausgebildete Anlagenmechaniker für Sanitär- Heizungs- und Klimatechnik Til Cordes, der sich mit dem Abitur gegen diverse Erwartungen zunächst für die Ausbildung im Handwerk statt Studium entschieden hatte, sprach von weiteren Strömungen, gegen die er anschwimmen musste: In einer Stur- und Starrheit würden alle Fehler gesehen, aber eben nicht alles, was gut laufe. „Alles ist viel leichter zu erledigen, wenn man das Gefühl hat, dass jemand einem den Rücken stärkt“, sei es der Chef, Kollege, Lehrer oder Meister oder gleich die ganze Gesellschaft, die die Arbeit die man mache, oft auch bitter nötig habe. Mit Spaß an der Arbeit lasse sich viel leichter Geld verdienen als mit dem berüchtigten Zuckerbrot und Peitsche. „Diese Zeiten, in denen man auf das Handwerk herabschaut, sind definitiv vorbei“, sagte Cordes selbstbewusst.
Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser Dr. Jan-Peter Halves sprach im Anschluss die jungen Menschen von ihrer Ausbildung frei. Ihnen wurde der Gesellenbrief von den jeweiligen Innungsmeisterinnen und -meistern und Mitgliedern des Prüfungsausschusses auf der Bühne überreicht.

