Wenn die Straße zur Bühne wird
Landkreis. Erst kommt das Brummen. Dann das Aufheulen. Ein Wagen beschleunigt, bremst, fährt erneut vorbei. Für die einen ist es Fahrspaß. Für andere ist es Lärm vor dem Schlafzimmerfenster, ein Schreckmoment am Straßenrand, manchmal auch die Sorge, dass aus Imponiergehabe Gefahr wird. Es geht um Autoposer. Wer Autoposer hört denkt, hat schnell ein paar Bilder im Kopf: die Älteren „Manta, Manta“, jüngere „The Fast & The Furios“. Aber egal, ob deutsche oder amerikanische Filmreihe, ob 90er oder 2000er: es geht um breite Felgen, viel PS, breitbeinige Sprüche und gefährlich wenig Rücksicht. Das Auto wird zum Auftritt. Zur bereiften Egovergrößerung bzw. -stütze.
Mehr als Tuning
Autoposer sind nicht einfach Menschen, die Autos mögen, die gern schrauben. Entscheidend ist das Verhalten: starkes Beschleunigen, unnötiger Lärm, wiederholtes Auf- und Abfahren, riskante Manöver, illegale Umbauten oder verbotene Rennen. Die Straße wird zur Bühne, die Nachbarschaft unfreiwillig zum (gefährdeten) Publikum.
Neu ist das Phänomen nicht. Seit es Autos gibt, gibt es Fahrer, die mit Tempo, Klang und Karosserie auffallen wollen. Heute verstärken soziale Medien, leistungsstarke Fahrzeuge und dicht bewohnte Durchgangsstraßen das Problem.
Und wie damals sind auch heute noch die meisten Autoposer Männer, die Aufsehen erregen wollen; männliche Prahlhänse, die mit PS und Karosserie anzugeben versuchen.
CDU fordert gemeinsames Vorgehen
In Osterholz-Scharmbeck ist das Thema politisch angekommen. Die CDU-Fraktion hat beantragt, dass Stadt, Landkreis und Polizei gemeinsam gegen Autoposer vorgehen. Es wird die Vorlage von Maßnahmen nach der Sommerpause gefordert. Genannt werden Bremer Straße, Bördestraße, Bahnhofstraße, Ritterhuder Straße und Loger Straße. Dort gebe es Beschwerden über überhöhte Geschwindigkeit, starkes Beschleunigen, unnötigen Lärm und wiederholte Fahrten in den Abend- und Nachtstunden.
Die Behörden bewerten die Lage zurückhaltender. Aus polizeilicher Sicht gebe es im Bereich Osterholz-Scharmbeck keinen Einsatzschwerpunkt hinsichtlich sogenannter Autoposer oder einer Tuning-Szene, teilt die Polizeiinspektion Verden/Osterholz auf Nachfrage mit. Fahrzeuglärm werde vereinzelt gemeldet und überprüft. Auch die im CDU-Antrag genannten Straßen gelten nicht als Brennpunkte. Zwar seien Hauptdurchfahrtsstraßen grundsätzlich attraktiv für Posing-Verhalten, Unfallschwerpunkte gebe es durch Autoposing aktuell jedoch nicht.
Hinweise statt Bauchgefühl
Die Stadt Osterholz-Scharmbeck sieht ebenfalls keine verfestigte Szene. Der Unteren Straßenverkehrsbehörde lägen aktuell keine Beschwerden oder Kenntnisse vor, die über einzelne Verkehrsverstöße hinausgingen, heißt es aus dem Rathaus. Zudem sei die Überwachung des fließenden Verkehrs Aufgabe der Polizei oder der kommunalen Verkehrsüberwachung des Landkreises.
Auch dem Landkreis Osterholz sind derzeit keine konkreten wiederkehrenden Schwerpunkte bekannt.
Das heißt nicht, dass sich eine Szene im Begriff ist sich zu etablieren. Und es zeigt sich das übliche Spannungsfeld: Bürger nehmen ein Problem wahr, Politiker greifen Beschwerden auf. Behörden brauchen aber belastbare Hinweise.
Die Polizei nehme das Problem aber sehr ernst und rät Anwohnern, die etwas melden wollen, möglichst Uhrzeit, Ort, Fahrtrichtung, Fahrzeugmodell und Kennzeichen zu vermerken. Auch aggressives Fahrverhalten sollte dokumentiert werden. Das kann bei Bedarf an die Fahrerlaubnisbehörde weitergegeben werden. Nach Prüfung sind auch Fahrerlaubnisentzüge möglich.
Bremen als Warnsignal
Dass Autoposing-Szenen nicht weit weg sind, zeigen Bremen und der Landkreis Rotenburg. In der Bremer Überseestadt klagen Anwohner seit Längerem über Raser und Autoposer. Die Polizei reagierte zuletzt mit Sperrungen, Umleitungen, Kontrollen und verstärkter Präsenz. Bei Einsätzen wurden Fahrzeuge und Personen kontrolliert, Verfahren eingeleitet und Fahrverbote ausgesprochen. Auch Berliner Kissen zur Geschwindigkeitsdämpfung wurden getestet. Die Erfahrung zeigt aber auch: Punktuelle Kontrollen verlagern das Problem schnell ein paar Straßen weiter.
Rotenburg setzt auf eine Arbeitsgruppe
Für die Straßen im Landkreis Rotenburg richtete die Polizeiinspektion im Juni 2024 eine Arbeitsgruppe „Poser“ ein. Kriminaloberkommissar Tobias Koch zieht eine positive Bilanz. Ohne genaue Zahlen zu nennen, lasse sich feststellen, „dass die Szene weiß, dass wir ein besonderes Augenmerk auf sie gerichtet haben“. Die Kreiszeitung berichtete im Februar 2025 von 60 eingeleiteten Verfahren. Nach Erfahrung der Polizei stehen Geschwindigkeitsverstöße an erster Stelle. Ob es sich um einzelne auffällige Fahrer, lose Gruppen oder verabredete Treffen handelt, sei unterschiedlich.
Gerast wurde vor allem in der Kreisstadt Rotenburg und Umgebung. Beschwerden aus der Bevölkerung spielten beim Vorgehen der Polizei eine gewichtige Rolle.
Besonders wirksam gegen Autoposer seien Polizeipräsenz auf der Straße und Schwerpunktkontrollen. Dieses Vorgehen sei durchaus auch auf andere Kommunen übertragbar, so Koch.
Die Arbeitsgruppe gegen Poser ist weiterhin aktiv. Anfang Juni dieses Jahres rückte Visselhövede in den Fokus der Behörden. Bei einer Schwerpunktkontrolle kontrollierte die Polizei Fahrzeuge und Fahrer, weil es Hinweise auf Raser, Autoposer und verkehrsgefährdendes Verhalten in der Nähe von Gastronomie und Tankstellen gegeben hatte. Insgesamt kontrollierten die Beamten etwas mehr als 30 Fahrzeuge. Dabei stellten sie mehrere Straftaten und Ordnungswidrigkeiten fest. Unter anderem stand ein Fahrzeugführer mutmaßlich unter dem Einfluss von Kokain.
Solche Einsätze zeigen: Autoposer sind keine urbanes Problem. Wo Straßen auf Männer und Autos treffen, kann es entstehen.
Ob das konsequente Vorgehen in Bremen und Rotenburg dazu führen, dass sich Teile der Szene stärker ins Osterholzer Umland verlagern, wird sich zeigen. Für den Landkreis halten Polizei, Stadt und Landkreis derzeit fest: Eine verfestigte Poser-Szene oder ein Einsatzschwerpunkt sind nicht erkennbar. Der Antrag der Union bzw. die darin geäußerten Beschwerden von Anwohnern würden aber ernst genommen. Hinweise aus der Bevölkerung, regelmäßige Kontrollen und der Austausch zwischen Polizei, Stadt und Landkreis sollen helfen, auf mögliche Entwicklungen frühzeitig zu reagieren.
Damit steht Osterholz-Scharmbeck nicht vor einem akuten Brennpunkt, wohl aber vor einer Debatte, die viele Kommunen beschäftigt: Wie geht man mit auffälligem Fahrverhalten um, bevor aus einzelnen Beschwerden ein dauerhaftes Problem wird?

