Hausärzte als Lotsen
Erst zum Hausarzt, dann zum Spezialisten: Was für viele Patientinnen und Patienten schon heute Alltag ist, könnte künftig zur gesetzlichen Regel werden. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will das Gesundheitssystem stärker steuern und setzt dabei auf ein Primärarztsystem. Es soll Praxen entlasten, unnötige Untersuchungen vermeiden und Patienten schneller dorthin bringen, wo sie medizinisch wirklich hingehören.
Das Primärarztsystem, auch Hausarztmodell genannt, ist Teil einer größeren Reformdebatte, in der es nicht nur um Einsparungen geht, sondern auch um kürzere Wege, weniger Doppeluntersuchungen, bessere Terminsteuerung und eine verlässlichere Versorgung. Der Gedanke dahinter: Patientinnen und Patienten sollen künftig nicht mehr beliebig durch das Gesundheitssystem wandern, sondern sich verpflichten, zuerst eine feste hausärztliche oder kinderärztliche Praxis anzusteuern. Diese Praxis übernimmt die erste Einschätzung, behandelt Beschwerden, wenn möglich, selbst und koordiniert bei Bedarf den Weg zum Facharzt.
Freiwilliges Modell schon lange Praxis
Der 130. Deutsche Ärztetag, der Anfang Mai tagte, befürwortet dieses Vorhaben. Ganz neu ist die Idee nicht. In vielen Praxen wird sie bereits heute gelebt – freiwillig, unter dem Stichwort Hausarztzentrierte Versorgung, kurz HZV. Wer daran teilnimmt, legt sich auf eine Hausarztpraxis als erste Anlaufstelle fest. Von dort aus werden Behandlungen gebündelt, Befunde eingeordnet und Facharzttermine gezielter vorbereitet. Befürworter sehen darin einen Weg, knappe Ressourcen besser einzusetzen: Fachärzte sollen stärker für jene Fälle frei bleiben, in denen ihre Spezialisierung wirklich gebraucht wird; Hausärzte sollen zugleich ihre Rolle als Lotsen im System ausbauen. Erfahrungen aus Niedersachsen sprechen dafür, dass eine feste hausärztliche Bindung die Versorgung verbessern kann. Eine Auswertung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, der AOK Niedersachsen und des Hausärzteverbandes Niedersachsen zeigt unter anderem, dass HZV-Patienten häufiger Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, öfter geimpft sind und stärker in Programme für chronisch Kranke eingebunden werden.
„Ich bin auch der Archivar“
Ruben Bernau hat viel praktische Erfahrung mit der Hausarztzentrierten Versorgung. Der Allgemeinmediziner aus Hambergen bietet das Hausarztmodell in der Praxis für Familienmedizin seit über 15 Jahren an. „Ungefähr 90 Prozent meiner Patienten und Patientinnen haben einen HZV-Vertrag“, schätzt er.
Bernau befürwortet eine flächendeckende Einführung des Systems für alle gesetzlich Versicherten. Der Hausarzt sei in den allermeisten Fällen die richtige Adresse für medizinische Fragen: „Wir haben Studien, die belegen, dass wir etwa 80 Prozent aller Beratungsanlässe in der Hausarztpraxis abschließend klären können“, sagt er. Wenn ein Facharzt gebraucht werde, profitierten HZV-Patienten nicht nur von kürzeren Wartezeiten: „Wenn ich einen Arztbrief schreibe, werden Befunde, Blutwerte, vorhandene Diagnosen oder Allergien übermittelt. Ich kann den Kollegen damit schnell und umfassend ins Bild setzen“, berichtet Bernau. „Unsere Orthopäden in Osterholz-Scharmbeck beispielsweise lieben das, weil sie ganz viele Fragen nicht mehr stellen müssen, das haben wir schon gemacht. Der Facharzt hat effektiv viel mehr Zeit.“
Andersrum hilft die Kooperation auch dem Hausarzt: Nach dem Facharzttermin laufen die Fäden wieder beim Primärversorger zusammen. Diagnosen und Informationen zu Behandlung und Medikamenten werden zurückgeschickt und in der Hausarztpraxis - idealerweise digital - gesammelt und verwaltet. „Ich bin sozusagen auch der Archivar“, sagt Bernau.
Überweisung bleibt Pflicht
„Die meisten Patienten finden das auch gut und möchten, dass ich den Bericht bekomme.“ Für die Patienten ist die HZV aber auch eine Verpflichtung: Ohne Überweisung vom Hausarzt gibt es keinen Termin beim Facharzt - die teilnehmenden Krankenkassen kontrollierten das auch teilweise. Das heißt aber nicht, dass jedes Anliegen zwangsläufig mit dem Hausarzt diskutiert werden muss, wie Bernau betont. „Meine Patienten dürfen auch ohne mich zu fragen irgendwo hingehen. Wenn Sie jetzt sagen: Ich möchte dem Bernau nicht erzählen, warum ich zum Urologen gehe, ist das kein Problem. Sie bekommen sofort eine Überweisung.“ Ausnahmen seien aktuell Augenärzte und Gynäkologen. Hier machen die Patienten ihre Termine weiterhin selbst.
„Das ist okay, ich würde die Ausnahmen aber nicht unbedingt noch ausweiten“, meint Bernau. „Es ist gut, dass wir die Facharzt-Besuche koordinieren“, sagt er und nennt ein Beispiel, das das Entlastungspotenzial für die Spezialisten veranschaulicht. „Bei unseren HNO-Ärzten gibt es mindestens 100 Patienten, die sich einmal im Jahr eine Überweisung für eine Routine-Ohrsäuberung holen. Das könnten auch wir - oder die Patienten selbst.“ Er frage sich, ob es sein müsse, dass ein Facharzt viele Jahre studiert, um dann in seiner Praxis Ohren zu putzen.
Teamarbeit gegen Überlastung
Kritiker sorgen sich um die Kapazitäten der Hausarztpraxen. Die seien jetzt schon überlastet und könnten zusätzliche Steuerungsaufgaben nicht mehr schultern. Bernau sieht das - mit Blick auf seine eigene Praxis und das Bundesland Niedersachsen, insbesondere den Landkreis Osterholz - etwas gelassener. „Wir schaffen das, viele Patienten sind ohnehin schon seit Jahren in den HZV-Verträgen.“ Es gebe aber auch durchaus Hausarztpraxen, die bereits jetzt zu Aufnahmestopps gezwungen seien, etwa in Tarmstedt und Bremervörde. „Team, Delegation und Digitalisierung“ seien die entscheidenden Stichworte für die ärztliche Versorgung der Zukunft. „Wenn der Arzt nur noch Arztaufgaben übernimmt, kriegen wir das hin.“ Eine wichtige Säule dafür sei auch die Weiterentwicklung der Medizinischen Fachangestellten (MFA) zu Versorgungsassistenten. „Wir brauchen akademisierte nicht-ärztliche Fachkräfte in den Praxen.“ In anderen Ländern sei es selbstverständlich, dass Patienten bei ihrem Besuch in der Praxis die Wahl hätten, von einem Arzt oder - mit kürzerer Wartezeit - von qualifizierten Assistenten betreut zu werden. „Da kann man in vielen Fällen sehr viel delegieren und die Menschen sind genauso gut versorgt“, meint Bernau.
HZV als Qualitätsmerkmal
An solche Veränderungen - wie auch an die Digitalisierung - müssten sich die Menschen gewöhnen. Patienten, die aktuell noch keinen festen Hausarzt haben, empfiehlt Bernau, sich schon jetzt eine Praxis mit Hausarztzentrierter Versorgung zu suchen. Das sei nicht nur angesichts der bevorstehenden Reform sinnvoll. Praxen, die HZV-Verträge anbieten wollen, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehören Maschinen auf dem neuesten Stand der Technik, regelmäßige Fortbildungen der Ärzte und Mitarbeiter sowie bestimmte Zusatzqualifikationen. Die HZV ist quasi ein Qualitätssiegel für Allgemeinmediziner - und geht auch mit einer besseren Vergütung einher. Patienten, die sich für einen solchen Vertrag entscheiden, trügen somit auch dazu bei, eine gute Versorgung in Zukunft sicherzustellen.
Mehr Aufgaben, gedeckelte Honorare?
Ruben Bernau befürwortet die meisten Punkte der Gesundheitsreform, insbesondere die Einführung des Primärarztsystems. Ein Dorn im Auge sind ihm allerdings die geplanten Änderungen zur Vergütung. „Das ist der einzige Knackpunkt aus dem Gesetz, der weg muss.“ Erst im vergangenen Jahr wurde beschlossen, hausärztliche Leistungen zu „entbudgetieren“. Das bedeutet, dass Hausärzte aktuell alle Leistungen, die sie erbringen, bezahlt bekommen - ihre Vergütung durch die Krankenkassen ist nicht gedeckelt. Nun soll einerseits die Hausarztzentrierte Versorgung flächendeckend eingeführt werden. Gleichzeitig will der Gesetzgeber wieder eine Obergrenze für die Honorare der Hausärzte einführen. „Wir fragen uns alle, warum das im Gesetzentwurf steht“, sagt Bernau. „Wenn ich jetzt 500 neue Patienten aufnehme, während das Geld gedeckelt ist, dann bekomme ich weniger Geld für mehr Behandlungen“, erklärt er. Über seine finanzielle Situation könne er sich nicht beschweren, doch die Änderung sei weder logisch noch sinnvoll - mit dieser Einschätzung steht Bernau nicht allein da. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband hat deshalb eine Protestkampagne ins Leben gerufen, an der sich auch Bürger online beteiligen und den Bundestagsabgeordneten in ihren Wahlkreisen schreiben können. Das Formular ist unter www.hausarztpraxen-retten.de zu finden, teilnehmende Praxen legen in ihren Räumen auch Info-Material dazu aus.

