„Gott, warum hast du mich verlassen?“
Zu Ostern erfüllt sich die von Jesus selbst vorgetragene Prophezeiung, dass er verraten und hingerichtet, aber auch wieder auferstehen wird. Als Gottes menschlicher Sohn verwirklicht er an sich selbst die Erlösung, die am Jüngsten Gericht für alle möglich sein soll. Das gehört zum unverbrüchlichen Bestandteil des christlichen Glaubens, ob es nun wirklich so geschah oder man am historischen Hergang zweifelt. Oft werden diese Zweifel, so lange sie im Dienste des Glaubens geschehen, auch gar nicht kritisiert.
Der Zweifel des Herrn
Gefährlicher wird der Zweifel, wenn er an diesem zentralen Glaubensinhalt selbst rüttelt und das geschah bereits schon im Neuen Testament. Da wurde von den jüdischen Geistlichen vermutet, Jesus‘ Jünger würden den Leichnam stehlen, um seine Wiederauferstehung vorzugaukeln. (Mt 27,63-64) Diese Geistlichen bezahlten sogar Leute, um diese Variante nach der Auferstehung zu verbreiten. „Und dieses Gerücht verbreitete sich bei Juden bis heute.“ (Mt 28,15)
Dass der Zweifel an der Wiederauferstehung eines jüdischen Reformators gerade von den etablierten jüdischen Geistlichen gestreut werden sollte, ist kein Zufall. Seit es das Christentum gibt, müssen die Juden, welche ja keine Christen wurden, für den fundamentalen und teils gehässigen Zweifel stehen, den man sich nicht traut zu denken oder auszusprechen. Nur wer‘s glaubt, wird selig. Der Festigkeit des Glaubens entspricht auch ein Gott, der selber keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit lässt. Dabei ist weder Der Herr des Alten Testaments noch Jesus im Neuen einfach „mein Fels, meine Burg und mein Retter“ (Ps 18,3), die sich der Gläubige so ersehnt. Auch Der Herr hat seine Zweifel, ob seine Schöpfung gelingt. Oft tut oder lässt er etwas, was ihn später angesichts der jammernden Menge reut. Nur so kann er barmherzig sein. Als Jesus kurz vor seinem Verrat und der Verhaftung auf dem Ölberg zu seinem Vater betet, zittert er, hat Todesängste und schwitzt Blut. Schließlich sind in zwei Evangelien seine letzten Worte am Kreuz das Zitat in der Artikelüberschrift, mit dem die Evangelisten einen Psalm Davids anführen. Der beginnt pessimistisch, endet aber optimistisch im Glauben an Gott. (Ps 22,2) Wäre Jesus auch nur Sohn Gottes, wie ja auch Adam einer ist, könnte man diese Zweifel als bloß menschlich abtun. Aber durch das zentrale christliche Dogma der Dreifaltigkeit Gottes, der Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, müssen die Zweifel des Jesus auch die Zweifel des Vaters sein, wie auch das Leid ein Moment des Göttlichen überhaupt.
Aufklärung in religiöser Gestalt
Der zugrunde liegende, wenn auch nicht immer ausgesprochene Fortschritt dieser Theologie ist: Gott ist Mensch und Mensch ist Gott, wodurch das Christentum ein Schritt zur Aufklärung der Religion in religiöser Gestalt ist. Schon das Judentum hat das Menschenopfer aus Achtung vor dem menschlichen Leben abgelehnt (1. Mo 22,10-12) und die Götzenanbetung als fetischisiertes Verhältnis zu den Arbeitsprodukten der menschlichen Hand entlarvt (Jes 44,9-20). Während aber im Judentum die Heilserwartung auf ungewisse Zeit verschoben war und man sich gemeinschaftlich im Diesseits einrichtete, erkaufte das Christentum seinen Fortschritt mit der Abkehr vom Diesseits und einer hysterischen Ungeduld, im Zweifel auch mit Schwert und Feuer zuzuschlagen, um sich seines eigenen Glaubens zu versichern. Und dies umso mehr die Verheißungen des Frühchristentums nicht eintrafen und die Kirche zur Verwalterin der Sakramente auf unbestimmte Zeit wurde.
Was die Heils-Realisierung angeht, drohten die Christen also auf den Standpunkt des Judentums zurück zu fallen, von dem sie sich emanzipieren wollten, ohne allerdings die Diesseitigkeit und den Pragmatismus zu teilen, den man den Juden aus der christlichen, lustfeindlichen Perspektive vorgeworfen hat. Dieser spezifische Neid und das schlechte Gewissen, dass aller christlich motivierter Triebverzicht doch vergebens sei, wurden zu zentralen Momenten eines christlichen – und daran anknüpfend muslimischen – Antijudaismus, der u.a. in den Legenden des Gottesmordes, der Ritualmorde und des betrügerischen Juden seinen Ausdruck fand und noch heute eine reichhaltige Quelle für antisemitische Schuld-Unterstellungen ist.
Erinnerung ans Potenzial
Der Fortschritt im Glauben hat sich allein im Medium des Glaubens nicht erfüllt, auch wenn Jesus am Kreuz sterbend sagte: Es ist vollbracht. (Joh 19,30) Der Beweis, dass die Menschen individuell und kollektiv auch wirklich Herren über sich selbst, ihr menschliches Arbeitsvermögen und ihre Vergemeindung sind, muss erst noch angetreten werden. Das Osterfest kann in diesem Sinne nur an ein wünschenswertes Potenzial des Denkens erinnern, dem aber das konkrete Verständnis des Diesseits und damit seiner eigenen Voraussetzungen fehlt. Auf Basis eines solch mangelhaften Denkens wird der neue König der Juden-Feinde erwartet.
Frohe Ostern, frohes Pessach und „was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ (Joh 19, 22)
Enrico Pfau hat zum Begriff der verwalteten Welt promoviert und ist Lehrbeauftragter an der Uni Oldenburg.

