Gleichberechtigte Betriebsleiterinnen

Katie Hofmann 30

2026 ist u.a. das Jahr der Frauen in der Landwirtschaft. Iris Lütjen ist eine von ihnen. Katie Hofmann hat sie getroffen und mit ihr über ihr Leben, ihren Beruf und Landwirtschaft im Wandel gesprochen.

Teufelsmoor. Über den Weiden des Hofs Lütjen-Wellner im Teufelsmoor wabert Nebel, im Stall stehen die Mutterkühe, im Büro stapeln sich Anträge, Dokumentationen und Buchführung. Für Iris Lütjen-Wellner gehört all das ganz selbstverständlich zusammen. Früh morgens geht es in die Stall zum Füttern, Misten und Nachstreuen, tagsüber kontrolliert sie die Herden auf den Weideflächen, später am Tag geht es ins Büro für die organisatorischen Aufgaben. „Wir machen das alles zusammen“, sagt sie über die Zusammenarbeit mit ihrem Mann Hans. Denn: „Wenn einer ausfällt, muss der andere genauso wirtschaften können.“

Dass Frauen wie Iris Lütjen-Wellner einen landwirtschaftlichen Betrieb längst nicht mehr nur „mitführen“, sondern maßgeblich mitgestalten, soll in diesem Jahr besonders in den Fokus rücken. Die Vereinten Nationen haben 2026 zum Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft erklärt. Ziel ist es, den Beitrag von Frauen für Landwirtschaft und Ernährung sichtbarer zu machen und gleichzeitig auf bestehende Ungleichheiten aufmerksam zu machen. Weltweit leisten Frauen einen erheblichen Teil der landwirtschaftlichen Arbeit. Dennoch sind sie statistisch oft seltener Eigentümerinnen landwirtschaftlicher Flächen, haben schlechteren Zugang zu Förderprogrammen oder werden in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen weniger berücksichtigt. Auch in Deutschland soll das Themenjahr dazu beitragen, die Leistungen von Landwirtinnen stärker anzuerkennen und mehr Chancengleichheit zu schaffen.

Gleichberechtigung generationsübergreifend

Für Iris Lütjen-Wellner kommt dieses Thema nicht von ungefähr. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie selbstverständlich Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben Verantwortung übernehmen – und wie wenig das nach außen oft wahrgenommen wird.

„Die Frauen sollen mehr geschätzt werden in der Landwirtschaft“, sagt sie. „Sie laufen nicht nur nebenher. Sie machen die Arbeit genauso.“ Gerade deshalb wünsche sie sich, dass Frauen künftig noch stärker gefördert und gleichberechtigt behandelt werden. Ihre Tochter studiert Landwirtschaft in Kiel. Wenn sie den Betrieb einmal übernimmt, soll sie die gleichen Voraussetzungen und Fördermöglichkeiten haben wie jeder männliche Betriebsnachfolger.

Die Landwirtschaft begleitet Iris Lütjen-Wellner schon ihr ganzes Leben. Sie stammt selbst von einem landwirtschaftlichen Betrieb und ist mit der Arbeit auf dem Hof groß geworden. Nach ihrer Ausbildung zur Hauswirtschaftsleiterin führte sie ihr Weg gemeinsam mit ihrem Mann auf den heutigen Biohof. Seit 2001 wirtschaftet die Familie ökologisch und hat sich auf die Mutterkuhhaltung spezialisiert. „Ich sage immer gerne, wir sind Landschaftspfleger“, erzählt sie. Denn die Tiere beweiden Flächen in den Hammeniederungen und leisten damit einen Beitrag zum Erhalt der wertvollen Moor- und Naturlandschaft.

Landwirtschaft im Wandel

Die Liebe zur Landwirtschaft scheint inzwischen auch an die nächste Generation weitergegeben worden zu sein, denn auch der Sohn der Lütjen-Wellners beginnt im Sommer seine Ausbildung zum Landwirt. Dass beide Kinder später einmal den Betrieb weiterführen könnten, freut die Eltern. „Die beiden haben Lust zur Landwirtschaft und wir würden es schön finden, wenn das so bleibt“, sagt Lütjen-Wellner.

Doch der Alltag auf einem landwirtschaftlichen Betrieb hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Der Anteil der Arbeit, der für Außenstehende kaum sichtbar ist, wächst. Dokumentationspflichten, Förderanträge, Buchführung und Verwaltung nehmen immer mehr Zeit in Anspruch. „Die Buchführung und das ganze Büro mache ich auch gerne“, sagt Iris Lütjen-Wellner. Trotzdem wird der Verwaltungsaufwand immer größer. Landwirtschaft bedeute heute längst nicht mehr nur praktische Arbeit auf dem Feld oder im Stall. Wer einen Betrieb führt, muss sich ebenso mit Gesetzen, Digitalisierung und Förderprogrammen auseinandersetzen.

Gerade deshalb hält sie es für wichtig, sich ständig weiterzubilden. Stillstand komme für sie nicht infrage. Seminare besuchen, sich mit anderen Betrieben austauschen oder neue Entwicklungen kennenlernen – all das gehöre heute selbstverständlich dazu. „Es ist wichtig, dass man immer offen für Neues ist“, sagt sie. Neben ihrer Arbeit auf dem Hof engagiert sich Iris Lütjen-Wellner deshalb auch ehrenamtlich im Vorstand des Landvolks Osterholz. Dort möchte sie die Interessen der Landwirtschaft vertreten, sich vernetzen und ihre Erfahrungen einbringen. Gleichzeitig sieht sie darin auch einen Beitrag, Frauen in der Branche sichtbarer zu machen. „Diesen Einsatz zeige ich“, betont sie, „nicht mein Mann.“

Dass sich in den vergangenen Jahrzehnten bereits einiges verändert hat, bestreitet sie nicht. Schon ihre Mutter habe selbstverständlich auf dem Hof mitgearbeitet, sei aber kaum dafür wahrgenommen worden. Heute sieht das schon anders aus. Trotzdem sieht Lütjen-Wellner weiteren Handlungsbedarf. Frauen müssten auch nach außen als gleichberechtigte Betriebsleiterinnen wahrgenommen werden. „Ich möchte gerne auch hören, was draußen passiert, und nicht nur für Familie und Haushalt da sein“, beschreibt sie ihre Motivation für das Ehrenamt. „Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Wertschätzung der Frauen in der Landwirtschaft und ein faires Miteinander.“ Entscheidend sei es, offen zu bleiben und gleichzeitig den eigenen Weg zu finden. Nicht jede Idee passt zu jedem Betrieb. Jeder Hof muss selbst entscheiden, welche Entwicklungen sinnvoll ist. „Man muss immer mit der Zeit mitgehen“, sagt sie.

Landwirtinnen der Zukunft

Bei aller Veränderung ist ihre Begeisterung für den Beruf ungebrochen. Am liebsten arbeitet sie mit den Tieren und in der Natur. Jungen Frauen, die über eine Zukunft in der Landwirtschaft nachdenken, möchte sie deshalb vor allem Mut machen. „Die Landwirtschaft ist ein schöner Beruf“, sagt sie. „Ich mache ihn wirklich gerne und ich könnte mir nichts anderes vorstellen.“ Die Branche bietet unzählige Möglichkeiten.

Das Internationale Jahr der Frauen in der Landwirtschaft soll genau diese Botschaft transportieren: Frauen sind auf landwirtschaftlichen Betrieben längst nicht mehr nur helfende Hände im Hintergrund. Sie führen Betriebe, treffen unternehmerische Entscheidungen, engagieren sich in Verbänden, organisieren Familien und übernehmen Verantwortung für Tiere, Natur und die Zukunft des ländlichen Raums.

Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Wertschätzung von Frauen in der Landwirtschaft und ein faires Miteinander.