Gas erhitzt Gemüter
„Ein klarer Wortbruch und eine Gefahr für unser Trinkwasser“, heißt es seitens der SPD-Kreistagsfraktion bestürzt über die vom Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie erteilte Erlaubnis an ein kanadisches Unternehmen, in der Gemeinde Grasberg und den Landkreisen Rotenburg und Verden nach Erdgas zu suchen und in der Folge möglicherweise mit Fracking-Technologie zu fördern. Die Kreistagsfraktion verweist auf einen Beschluss vom 6. Dezember 2018. Damals haben alle Fraktionen des Osterholzer Kreistages einstimmig beschlossen, dass es keine neuen Erkundungen oder Fracking im Landkreis Osterholz geben darf. Bis 2020 hatte unter großem Protest das Unternehmen Wintershall Dea das Feld Unterweser I erkundet, die Suche aber erfolglos beendet.
Nun will das Unternehmen Vermilion die Suche erneut aufnehmen und hat dazu die Erlaubnis – „gegen den Willen der Kommunen“, wie die SPD kritisiert – bis zum 31. März 2028 erhalten. Die Akquisition seismischer Daten sei derzeit nicht vorgesehen ist. Ziel sei es, zu prüfen, ob geologische Strukturen vorhanden sein könnten, die für weitere Untersuchungen infrage kommen, wie der Weser Kurier Vermilion-Sprecher Björn Wechsel zitiert. Der Weser Kurier und die Wümme Zeitung berichten seit Anfang April, seit der Erlaubnis an Vermilion, über das Erkundungsvorgaben.
Globaler Konzern
Vermilion ist ein global aktives Unternehmen der Erdöl- und Erdgasförderung. Der Konzern agiert seit 2014 in Deutschland und ist an Erdöl- und Erdgasfeldern im Raum Heidekreis, in Hannover, Leer, Braunschweig, Gifhorn und Ostfriesland beteiligt. Das Gebiet, für welches sich Vermilion interessiert, erstreckt sich von Ritterhude und Osterholz-Scharmbeck über Worpswede, Teile Lilienthals und Grasberg bis in die Samtgemeinde Tarmstedt sowie Ottersberg, Sottrum, Oyten, Achim und Thedinghausen. Es ist um die 789 Quadratkilometer groß.
Nicht akzeptabel
Dass sich die Landesbehörde über den Kreistagsbeschluss hinweggesetzt hat und Erdgaserkundungen „gegen den Willen der Kommunen“ gestattet hat, ist für die SPD-Fraktion „in keiner Weise akzeptabel“, so Udo Mester, Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion.
Der umweltpolitische Sprecher der SPD, Stefan Böttjer, ergänzt: „Schon die Erkundung und später eine Förderung von Erdgas birgt erhebliche Risiken für Mensch und Natur. Wir müssen verhindern, dass unsere Region zu einem Experimentierfeld für gefährliche Techniken wird.“
Es könnten Chemikalien in den Boden und das Grundwasser gelangen, verunreinigtes Lagerstättenwasser stelle eine große Umweltbelastung dar, außerdem könne Fracking geologische Schäden verursachen und Erdbeben auslösen, so die Osterholzer Genossen. Für sie stehe der Schutz von Gesundheit und Umwelt über wirtschaftlichen Interessen.
Fossiler Irrweg
Bestürzt über das Vorgehen der LBEG zeigt sich auch Bernd Wölbern von der Rotenburger SPD-Fraktion: „Die Erkundung oder gar Erschließung neuer fossiler Gasvorkommen ist im Jahr 2026 weder zeitgemäß noch mit den Klimazielen des Landes Niedersachsen und des Bundes vereinbar. Die Risiken für das Grundwasser, die lokale Sicherheit und das Ökosystem stehen in keinem Verhältnis zum marginalen Energiegewinn“, so Wölbern. Solche Vorhaben beschritten einen „fossilen Irrweg“, der durch neue Bohrungen Kapital und Infrastruktur für Jahrzehnte an fossile Brennstoffe binde, anstatt den Ausbau erneuerbarer Energien konsequent voranzutreiben. Außerdem setze die Förderung zusätzliche Millionen Tonnen Methan frei, was den Verpflichtungen zur Klimaneutralität bis 2040 (Niedersachsen) bzw. 2045 (Bund) widerspreche.
Stattdessen sollte die Windenergie weiter ausgebaut und grüner Wasserstoff stärker gefördert werden. Mit der Vergabe des „Rechts zur Suche“ an Vermilion – mögliche Bohrungen müssten noch einmal neu genehmigt werden – würden aber nicht nur kurzfristige wirtschaftliche Interessen eines internationalen Konzerns über den langfristigen Schutz niedersächsischer Boden- und Wasserressourcen gestellt. Sie sei auch ein Schlag ins „Gesicht lokaler und regionale Klimaschutzinitiativen“.
Geopolitische Lage und Parteiübergreifender Protest
Das LBEG betont gegenüber dem Weser-Kurier jedoch die Aktualität des Vorhabens: „Gerade angesichts der aktuellen geopolitischen Lage ist es sinnvoll, dass die Suche nach neuen Erdgaslagerstätten wieder verstärkt wird“, so dessen Präsident Carsten Mühlenmeier. „Dies entspricht der Strategie der Bundesregierung, die sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt hat, die Förderung heimischer Rohstoffe zu stärken.“ Zudem werde oft vergessen, dass die Hälfte aller Haushalte mit Erdgas heize.
Dem hält die Bürgerinitiative „No Moor Gas“, die 500 neue rote Holzkreuze hergestellt hat, die zur Abholung von Fracking-Gegnern bereitstehen, entgegen: Das hiesige L-Gas („Low calorific gas“ mit niedrigem Brennwert) sei für private Haushalte spätestens ab 2030 nicht mehr nutzbar, da bis dahin die Umstellung auf H-Gas („High calorific gas“) abgeschlossen sein soll.
Den Punkt führt auch CDU-Landtagsabgeordnete Axel Miesner an, der ebenso entschieden die Erdgassuche in der Region ablehnt. In einem Brief an Mühlenmeier schreibt er, dass selbst bei einem positiven Suchergebnis die Förderung erst in vielen Jahren möglich sei – Jahre, in denen der Erdgasverbrauch weiter abnehmen werde, da in jedem neuen Haus Wärmepumpen und keine Erdgasheizungen mehr installiert würden. Gleichzeitig betont Miesner, dass es bereits im Zuge der Erkundungen von Winterschall „zu Beeinträchtigungen für Mensch und Umwelt gekommen“ sei. Lagerstättenwasserentsorgung, Erdbeben sowie Krebsfälle hätten dazu geführt, dass die Erdgasförderung in der Region auf keinerlei Akzeptanz stoße. „Es bedarf daher keiner weiteren Untersuchungen“, so Miesner.
Die belegten Risiken
Die sachlichen Kritikpunkte sind kein bloßer Ausdruck von Sorge. Erdgasförderung birgt Risiken. Der Branchenverband BVEG räumt ein, dass Erdgasförderungen Spannungsverhältnisse um Untergrund verändern und in Einzelfällen schwache Beben auslösen können, die aber meist nicht wahrnehmbar seien. Auch das Lagerstättenwasser birgt Gefahren - bei Leckagen oder unsachgemäßer Entsorgung. Umso höher seien aber die Sicherheitsstandards, die streng überwacht werden. Die Risiken von Erdgasbohrungen seien technisch beherrschbar. Weniger belegt ist der Zusammenhang von Fracking und Krebs: Eine Bundestags-Dokumentation von 2016 sagt ausdrücklich, dass ein eindeutiger ursächlicher Zusammenhang zwischen Fracking und signifikant höheren Krebsrisiken bisher nicht nachgewiesen wurde, auch wenn einzelne Studien auffällige Häufungen beschrieben haben.
Auf einem anderen Blatt steht die grundsätzliche, politische Frage: Wie sinnvoll ist die Förderung fossiler Energie?

