Drei Mädchen und die Pferde
Oerel. Dem ANZEIGER geben sie einen Einblick in ihr Leben, in dem Pferde eine zentrale Rolle spielen.
Wenn Lilli, Lisa und Anna von Helldorff zu einem Interview zusammensitzen, dauert es nicht lange, bis aus einem Gespräch über Pferde ein Gespräch übereinander wird. Sie kennen sich schließlich nicht nur vom Turnierplatz. Lilli und Lisa sind Schwestern, Anna ihre Cousine. Sie sind miteinander aufgewachsen, teilen den Pferdesport und die meisten anderen Aspekte ihres Lebens miteinander und wissen entsprechend genau, wer morgens am längsten braucht (Anna), wer am ordentlichsten ist (Lilli) und wer einen wichtigen Termin vermutlich als Erste vergessen würde (Anna oder Lisa).
Dabei könnte man zunächst meinen, dass sich in dieser Familie alles um Pferde dreht. Tut es auch. Nur eben nicht ausschließlich. „Das kommt gar nicht erst auf“, antworten die drei auf die Frage, ob es bei ihnen irgendwann ein Pferdeverbot am Esstisch gibt. Schließlich haben sie auch noch andere gemeinsame Themen: Schule, Freunde, eben das ganz normale Leben außerhalb des Stalls. Normal ist allerdings relativ. Denn wenn andere Jugendliche nach Schulschluss überlegen, was sie mit dem Nachmittag anfangen, ist die Richtung bei den von Helldorffs meistens klar: Stall.
Die 16-jährige Lilli sagt es so selbstverständlich, als gäbe es gar keine Alternative: „Nach der Schule verbringe ich jeden Tag mehrere Stunden bei den Pferden.“ Motivieren muss sie sich dazu eigentlich nie. Sie kann sich ihren Alltag anders gar nicht vorstellen. Bei Lisa und Anna, beide 14, klingt das kaum anders. Lisa ist schon als kleines Kind jeden Tag mit im Stall gewesen. „Meine Familie hatte mit Pferden zu tun, also hatte auch ich mit Pferden zu tun.“ Einen genauen Moment, an dem das Reiten angefangen hat, kann sie deshalb kaum benennen. Anna sagt schlicht: „Ich reite, seit ich denken kann.“
Ihre Erinnerungen beginnen mit Dorina und Moonlight, ihren „Kinderponys“. „Am liebsten ging es ohne Sattel los“, erinnert sich Anna. Dass die Kinder dabei auch mal herunterfielen, gehört heute selbstverständlich mit zur Geschichte. „Weil meine Mutter eh zu Turnieren gefahren ist, kamen die Ponys einfach mit, und wir sind die Führzügelprüfung mitgeritten.“ So fing es an. Nicht mit dem großen Plan, eines Tages bei einer Europameisterschaft anzutreten, sondern mit Kinderponys und Ausritten ohne Sattel.
Freund und Lehrer auf vier Hufen
Heute stehen andere Namen auf den Boxenschildern. Und wer hören will, wie viel diese Tiere den drei Mädchen bedeuten, muss eigentlich nur fragen, was sie ausmacht. Lilli braucht nicht lange, um ihre drei vierbeinigen Partner zu charakterisieren. Fürst Rico ist menschenbezogen, kuschelig, respektvoll. Nabucco HW kann manchmal ein kleiner Angeber sein und ist selbstbewusst, aber verschmust und dabei sehr lieb. Dijon ist auch menschenbezogen, manchmal aber etwas skeptisch. Dann setzt sie einen Satz darunter, der wichtiger ist als die einzelnen Eigenschaften: „Alle drei geben immer alles für mich!“ Einen Liebling? Nein, den gibt es nicht. Das ist offenbar schon die falsche Frage.
Auch Lisa will sich nicht entscheiden. Sie hat Valderossi, Dreamlike, Izel BB und Golden Surprise – und zu jedem fällt ihr etwas anderes ein. Valderossi, kurz „Valdi“, ist das Buschpony mit der fröhlichen Art und dem Kämpferherz. Dreamlike ist ihr Dressurpony, lieb und lernwillig. Izel steckt voller Energie. Und Golden Surprise? Der heißt im Alltag „Schorschi“ und ist „einfach nur cool und lässig“. Ponys, findet Lisa übrigens, sind oft „etwas pfiffiger“ als Großpferde. Anna stimmt ihr zu: „Ponys sind schlauer, witziger und frecher. Ich liebe es einfach, Ponys zu reiten!“
Wenn Anna über Marlon spricht, wird aus dem Sportpartner schnell ein Lehrer. „Er ist ein absoluter Professor im Gelände“, erklärt sie. Einer, von dem sie viel gelernt hat. Einer, mit dem sie ihre ersten internationalen Erfahrungen sammeln konnte. Vor allem aber ein Pony mit einem sehr großen Herzen. „Ich vertraue ihm zu 100 Prozent“, betont sie. Merowing ist ein aufgewecktes Kerlchen, das Anna selbst von Jungpferdeprüfungen bis hin zu internationalen Prüfungen ausgebildet und vorgestellt hat. Auch mit der jungen Stute Cosmic Girl konnte sie den Start in den Turniersport noch einmal ganz neu erleben. Und dann ist da noch Vespucci. Der ist nicht Professor, nicht Nachwuchshoffnung, sondern schlicht „mein bester Freund“. Anna sagt, sie könnte den ganzen Tag mit ihm verbringen.
Ein Alltag zwischen Sattel und Sozialleben
Genau solche Aussagen sind es, die auch Nicht-Pferdemenschen verstehen lassen, warum drei Jugendliche bereit sind, so viel Zeit in ihren Sport zu stecken. Denn natürlich gibt es auch Tage, an denen andere Dinge locken. Anna geht zum Leistungsturnen, momentan außerdem mit Freunden zum Tanzkurs. Lisa hat lange Leistungsturnen gemacht und spielt heute Tennis. Lilli hat ebenfalls vor einigen Monaten mit Tennis angefangen und früher geturnt. Freunde, Schule, Feiern – all das findet ebenfalls statt. Nur muss es manchmal zwischen Training, Turniere und Pferdepflege passen.
„Meine Freunde kommen häufig mit in den Stall und helfen mir dort“, erzählt Anna. „Aber manchmal muss ich mich trotzdem entscheiden: Turnier oder etwas anderes? Auf der Feier bleiben oder lieber früher nach Hause, weil ich am nächsten Morgen früh reiten muss?“
Die drei Mädchen sehen darin allerdings wenig Verzicht und viel Normalität. Vielleicht hilft auch, dass niemand allein losmuss. Denn wenn das Wetter schlecht ist und der eigene Antrieb gerade irgendwo zwischen Sofa und Haustür verloren gegangen ist, reicht manchmal der Blick auf die anderen. Anna formuliert es ganz einfach: „Wenn die beiden im Regen reiten, fällt es mir leichter, mich auf mein Pony zu schwingen.“
Das klingt zunächst nach familiärer Motivation. Tatsächlich steckt darin aber auch die besondere Konstellation der drei. Denn sie sind nicht nur Familie. Sie sind auch Sportlerinnen, die teilweise in denselben Prüfungen starten. Und damit Konkurrentinnen. Häufig sind sie schon direkt gegeneinander geritten. Wie sich das anfühlt? „Für uns ist das ganz normal und macht Spaß“, antworten die drei schulterzuckend.
Medaillen an der Wand und Träume vor Augen
Das klingt fast zu einfach. Schließlich geht es inzwischen nicht mehr nur um irgendeinen Wettbewerb auf dem heimischen Turnierplatz. Lilli startet erfolgreich in der Dressur, Lisa sowohl in der Dressur als auch in der Vielseitigkeit, Anna hat ihren Schwerpunkt in der Vielseitigkeit. Da geht es um Meisterschaften, internationale Starts und Kaderplätze.
Lisa wurde in diesem Jahr mit Dreamlike in den Bundeskader berufen. Ihr erster Auslandsstart führte sie nach Fontainebleau in Frankreich – und wurde gleich zu ihrem ersten internationalen Sieg mit 72,428 Prozent und Platz eins in der Mannschaftsaufgabe. In der Einzelaufgabe wurde das Paar Dritter, in der abschließenden Kür Zweiter. Dabei legt Lisa sich nicht auf die Dressur fest. Sie liebt auch die Vielseitigkeit. Gefragt, was dort das Schönste sei, braucht sie keine komplizierte Erklärung: „immer das Gelände“.
Ihren größten Traum hat die 14-Jährige klar vor Augen: einmal bei den Olympischen Spielen starten. „Mein Vorbild ist Ingrid Klimke, gerade weil sie in zwei Sparten erfolgreich ist. Später soll das Reiten für mich allerdings Hobby bleiben.“ In fünf Jahren stellt sie sich auch etwas vor, das mit Pferden überhaupt nichts zu tun hat: Lernen am Strand auf Mallorca, weil sie Sport studiert.
Anna gewann 2025 mit Marlon Bronze bei der Deutschen Meisterschaft, ein Jahr später gehörten die beiden zur deutschen Mannschaft bei der Pony-Europameisterschaft in Le Mans. Dort war Anna im Gelände die schnellste deutsche Reiterin – und kehrte schließlich mit Team-Bronze nach Oerel zurück. Als ihren größten Erfolg benennt die 14-Jährige aber die Geschichte von Merowing, dem Pony, das sie selbst von den Jungpferdeprüfungen auf internationales Niveau gebracht hat. Vielleicht passt das zu Anna, die auf die Frage nach ihrem größten Traum keinen bestimmten Titel nennt. Sie möchte einmal ein selbst ausgebildetes Pferd auf großen Turnieren erfolgreich sehen. „Wer dann im Sattel sitzt, ist gar nicht so wichtig.“ In fünf Jahren sieht sie sich auf einem Großpferd. Mehr möchte sie gar nicht festlegen. Denn: „Es kommt, wie es kommt.“
Gerade die Gegensätze in der Vielseitigkeit faszinieren Anna: „In der Dressur müssen Pferd und Reiter locker, entspannt und präzise sein. Im Gelände dagegen mutig, schnell und etwas verrückt. Danach geht es ins Springen – wieder konzentriert, vorsichtig und geschlossen“, erklärt die 14-Jährige. „Im Gelände darf ein Pferd auch mal selbst entscheiden, beim Springen muss es wieder voll auf die Reiterin achten.“
Das setzt Vertrauen voraus. Und Mut. Angst habe sie nicht, sagt Anna. Respekt dagegen immer. Das müsse auch so sein. „Einmal bin ich in der ersten Prüfung heruntergefallen. Danach noch zur zweiten anzutreten, kostete Überwindung.“ Fehler ärgern sie. Sehr sogar. „Ich lasse es mir nur nicht besonders anmerken und versuche stattdessen, daraus zu lernen.“
Bei Lilli zeigt sich das anders. Sie ist diejenige, die ihre Schwester und Cousine selbst als strukturiert, ehrgeizig und diszipliniert beschreiben. Vor einer Prüfung herrscht bei ihr offenbar trotzdem keine große Nervosität. „In den letzten Minuten vor dem Einreiten herrscht in meinem Kopf vor allem Vorfreude auf die Prüfung“, erzählt die 16-Jährige. Dass sie einmal mit den Besten ihres Alters mithalten würde, sei nicht das Ergebnis eines einzelnen großen Augenblicks gewesen. „Es hat sich entwickelt durch ganz viel Fleiß und Ehrgeiz.“ Lilli hat mit Nabucco in diesem Jahr Gold mit der Mannschaft bei der Pony-Europameisterschaft gewonnen.
„Wenn ich mir einen Moment aussuchen muss, an den ich mich immer erinnern werde, ist es die Medaillenverleihung dort“, sinniert sie. „Und der Sieg beim Hamburger Pony-Derby mit Dobbi Dobsen im vergangenen Jahr.“ Dobbi – der ist für Lilli mehr als ein früheres Turnierpony. Sie kennt ihn, seit sie klein war. Dass ausgerechnet mit diesem Pony 2025 der Sieg beim Hamburger Derby gelang, macht den Erfolg für sie besonders. Auch die 16-Jährige schaut zu Isabell Werth auf, weil diese so viele unterschiedliche Pferde auf höchstem Niveau reiten kann, und träumt von einer Weltmeisterschaft. Beruflich mit Pferden arbeiten möchte Lilli nicht unbedingt. Aber weiterreiten, erfolgreich und intensiv – das auf jeden Fall.
Eine für alle und alle für eine
Die Grenze zwischen Konkurrentin und Unterstützerin ist sehr durchlässig, wenn es um Familie und Freundschaft geht. „Hilfreiche Tipps geben wir selbstverständlich weiter“, betonen die drei. Anna schaut sich in der Dressur etwas bei Lilli und Lisa ab. Lisa kann von Anna im Gelände lernen. Und Lilli stellt fest, dass die Vielseitigkeitsbegeisterung der beiden auch auf sie abgefärbt hat: „Seit Lisa und Anna so unterwegs sind, gehe ich selbst viel häufiger ausreiten“, erzählt sie lachend. Wenn zwei in derselben Prüfung antreten, dann will natürlich jede gut sein. „Trotzdem wird mitgefiebert. Jede drückt jeder fest die Daumen. Nicht nur Schwester und Cousine. Das gilt genauso für andere aus dem Stall“, betonen die drei. Ganz nach dem Motto: Eine für alle und alle für eine.
Streit wegen des Reitens? Nein, das gibt es nicht. Und auf die Frage, wer sich nach einer nicht so guten Prüfung am längsten damit beschäftigt, müssen die drei nicht lange überlegen. „Unsere Mütter!“, antworten sie lachend. Die Mütter unterstützen, organisieren, trainieren und analysieren. „Und wenn wir eine Medaille gewinnen, ist am Ende der Rest der Familie manchmal emotionaler als wir selbst“, berichten die Mädchen.
Vor der Tür stehen die Deutschen Meisterschaften. Während Lilli und Lisa die Deutschen Jugendmeisterschaften der Dressurreiter in Zeiskam zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich haben – Lilli holte Bronze, Lisa den sechsten Platz – wartet die nächste große Aufgabe schon: Dieses Wochenende geht es für Lisa und Anna nach Mechtersen zur Deutschen Meisterschaft der Pony-Vielseitigkeitsreiter.
Die eine liebt die Präzision der Dressur, die anderen zieht es auch über feste Hindernisse durchs Gelände. Eine plant, eine handelt eher intuitiv. Eine redet im Schlaf, eine braucht morgens eine halbe Ewigkeit, eine ist abends gerne mal etwas länger unterwegs und am nächsten Morgen trotzdem frisch im Sattel.
Aber wenn morgens die Stalltür aufgeht, werden diese Unterschiede nebensächlich. Dann wartet dort vielleicht ein kleiner Angeber. Ein Professor. Ein Kämpferherz. Ein bester Freund.
Und am nächsten verregneten Nachmittag, an dem eine von ihnen vielleicht doch kurz keine Lust hat, sitzen die anderen vermutlich längst im Sattel.

