Die letzten Wochen im Amt
Osterholz-Scharmbeck. Zwei langjährige Verwaltungschefs nehmen Abschied: Bernd Lütjen war 13 Jahre Landrat des Landkreises Osterholz, Torsten Rohde zwölf Jahre Bürgermeister der Stadt Osterholz-Scharmbeck. Ihre Nachfolger stehen nach den Stichwahlen fest: Auf Lütjen folgt Kim Fürwentsches (Grüne), auf Rohde der parteilose Marcus Wiedelmann. Für die beiden Amtsinhaber haben damit die letzten Wochen begonnen. Doch von einem gemütlichen Ausklang wollen weder Lütjen noch Rohde etwas wissen. Beide ziehen Bilanz, sprechen über offene Aufgaben und darüber, was ihnen nach dem Abschied fehlen wird.
Dass Kim Fürwentsches die Stichwahl um das Landratsamt gewonnen hat, führt Lütjen vor allem auf die Mobilisierung zurück. „Die Wahlbeteiligung bei der Stichwahl war natürlich katastrophal schlecht“, sagt er. Fürwentsches habe es offenbar besser geschafft, seine Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren als Michael Harjes. „Das war meiner Meinung nach letztlich der entscheidende Faktor.“
Dass damit nach vielen Jahren ein Wechsel von einem SPD- zu einem Grünen-Landrat verbunden ist, misst Lütjen dagegen wenig Bedeutung bei. „Das Parteibuch sollte dabei nicht im Vordergrund stehen.“ Ein Landrat müsse mit allen demokratischen Parteien und Fraktionen gut und konstruktiv zusammenarbeiten. „Entscheidend ist, gemeinsam gute Lösungen für den Landkreis zu finden.“
Auch Rohde hält sich mit einer politischen Bewertung des Wahlausgangs zurück. „Die Bürgerinnen und Bürger haben sich in der Stichwahl für Marcus Wiedelmann entschieden. Dieses deutliche Votum respektiere ich“, sagt er. Seinem Nachfolger wünsche er „viel Erfolg und ein glückliches Händchen bei der Ausübung seines Amtes“.
„Bis zum letzten Tag Vollgas“
Für Lütjen bedeutet die bevorstehende Übergabe keineswegs, dass er einen Gang zurückschaltet. „Ich werde bis zum letzten Tag meiner Amtszeit Vollgas geben.“ Das habe er in seinen 13 Jahren als Landrat immer so gehalten. Alle noch anstehenden Aufgaben werde er „mit der notwendigen Sorgfalt und mit vollem Einsatz“ bearbeiten.
Auch Rohdes Kalender bleibt bis zum Schluss gefüllt. „Die einzelnen Tage waren und sind mit zahlreichen Terminen ausgefüllt“, sagt er. Einerseits müssten Arbeiten abgeschlossen, andererseits die Übergabe vorbereitet werden. Besonders wichtig war ihm zuletzt der Ankauf der Kirchengrundstücke. Damit habe die Stadt nun „die große Chance“, ein zusammenhängendes Areal in der Innenstadt zu überplanen und zukunftsgerecht weiterzuentwickeln.
Wenig finanzieller Spielraum
Was ihre Nachfolger erwartet, beschreiben beide mit Blick auf angespannte öffentliche Kassen. „Die größte Herausforderung wird aus meiner Sicht die finanzielle Lage des Landkreises und der kreisangehörigen Kommunen sein“, sagt Lütjen. Die finanziellen Spielräume würden enger, gleichzeitig nähmen Anforderungen und Aufgaben zu. Das Problem: „Die Kommunen und der Landkreis haben das nicht selbst in der Hand.“
Bund und Länder müssten für eine ausreichende Finanzierung sorgen. Lütjen fordert „verlässliche Rahmenbedingungen und eine auskömmliche Finanzierung“, damit Kommunen ihre Aufgaben erfüllen und zugleich Gestaltungsspielräume behalten können.
Rohdes Liste für die Stadt ist lang. Infrastruktur müsse ertüchtigt, die Stadt an den Klimawandel angepasst und die Wärmewende gemeinsam mit den Versorgern umgesetzt werden. Dazu kommen Ganztagsbetreuung, Bevölkerungs- und Zivilschutz, weitere Digitalisierung und die Gewinnung von Fachkräften. Die Rahmenbedingungen machen die Aufgaben nicht leichter: „Die finanziell schwierigen Rahmenbedingungen werden sich in absehbarer Zeit voraussichtlich nicht verbessern.“
Schulen, Krisen und große Projekte
Auf die Frage, worauf er besonders stolz sei, muss Lütjen auswählen. „Es gibt sehr, sehr viele Projekte und Entwicklungen aus meiner Amtszeit, auf die ich besonders stolz bin.“ Besonders hebt er die Investitionen in die kreiseigenen Schulen hervor. Der Neubau und die Sanierung der Berufsbildenden Schulen seien „die größte Investition in der Geschichte des Landkreises“.
Seine Amtszeit sei zugleich von Krisen geprägt gewesen: Flüchtlingsbewegung, Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg und die Hochwasserlage 2023/2024. Stolz sei er darauf, „dass wir all diese Krisen gewissermaßen ‚nebenbei‘, also zusätzlich zum normalen Tagesgeschäft, bewältigt haben“. Das sei nur möglich gewesen, weil der Landkreis „eine hervorragende Mannschaft in der Kreisverwaltung“ habe.
Auch schwierige Verfahren, die aus seiner Sicht erfolgreich abgeschlossen wurden, zählt Lütjen zur Bilanz: die Schutzgebiete in Hammeniederung und Teufelsmoor oder das Raumordnungsprogramm für die Windenergie. „Wichtig war mir immer, die Abwägungsprozesse offen und transparent zu gestalten.“
Daneben nennt er Straßen- und Radwegebau, den Osterholz-Takt, Breitbandausbau, Innovationsförderung, das Kreiskrankenhaus und die Bioabfallvergärungsanlage der KENN. Gerade Letztere sei „ein hervorragendes Beispiel dafür, was durch interkommunale Zusammenarbeit möglich ist“.
Torsten Rohde blickt bescheiden auf Beschlüsse zurück: „Stolz ist hier meines Erachtens nicht angebracht.“ Zufrieden sei er aber beispielsweise damit, dass während der Flüchtlingskrisen kein Mensch in Osterholz-Scharmbeck in Zelten oder Turnhallen untergebracht werden musste. Das sei allerdings nur gelungen, „weil die Bevölkerung unserer Stadt die Verwaltung aktiv darin unterstützt hat“.
Als weiteres wichtiges Projekt aus seiner Amtszeit nennt er den begonnenen Neubau der IGS. Ohne die finanzielle Konsolidierung der vergangenen Jahre und die Unterstützung des Stadtrates wäre ein solches Vorhaben nicht möglich gewesen. Hinzu komme der Umbau der Innenstadt, der durch den Ankauf der Kirchengrundstücke „zusätzlichen Schub“ erhalten habe.
Ein Hotel bleibt offen
Grundsätzlich anders gemacht hätte Lütjen rückblickend nichts. „Natürlich gibt es bei jedem Vorhaben unterschiedliche Interessen und immer Dinge, die man im Nachhinein noch einmal anders bewerten könnte.“ Entscheidend sei für ihn gewesen, Aufgaben nicht unnötig hinauszuzögern. „Insofern bin ich mit dem, was wir in den vergangenen 13 Jahren erreicht haben, sehr zufrieden.“
Rohde fällt dagegen ein konkretes Vorhaben ein, bei dem er gern weiter gewesen wäre: „Ich hätte mir gewünscht, dass die Planungen für den Neubau eines Hotels in der Stadt weiter fortgeschritten wären.“
Keine Ratschläge für die Nachfolger
Beide vermeiden es, ihren Nachfolgern Ratschläge mitzugeben. „Ich möchte meinem Nachfolger keine Ratschläge mit auf den Weg geben“, sagt Lütjen. Fürwentsches werde seinen eigenen Stil entwickeln und seine eigenen Erfahrungen machen. Bei Fragen stehe er aber zur Verfügung. Der künftige Landrat treffe auf „ein gut aufgestelltes Haus mit einer kompetenten und engagierten Verwaltung“.
Rohde formuliert ähnlich: „Mein Nachfolger wird mit Sicherheit seinen eigenen Weg für den künftigen Umgang finden.“ Auch Wiedelmann könne sich auf eine „hochmotivierte und qualitativ gut aufgestellte Verwaltung“ verlassen.
Was danach kommt
Nach vielen Jahren mit dichtem Kalender freuen sich beide auch auf mehr eigene Zeit. Lütjen weiß bereits, was ihm fehlen wird: „Besonders fehlen wird mir sicherlich die Zusammenarbeit mit meiner Mannschaft.“ Nach insgesamt 25 Jahren als Samtgemeindebürgermeister und Landrat habe er sich für die Zeit danach zunächst bewusst nichts Besonderes vorgenommen. „Es wird sicher auch einmal schön sein, nicht alles lange im Voraus planen zu müssen.“
Rohde freut sich ebenfalls auf mehr Freiheit: „Ich freue mich darauf, dass ich künftig meinen Terminkalender selbstbestimmt mit meinen anstehenden Aufgaben füllen darf.“ Vermissen werde er die Begegnungen mit vielen Menschen aus der Stadtgesellschaft und seine Kolleginnen und Kollegen, mit denen er „viele spannende, schöne und manchmal auch stressige Momente“ erlebt habe.
Auf zwei Dinge kann er dagegen gut verzichten: „Mit Sicherheit werde ich nicht das frühe Aufstehen und die zum Teil sehr langen Sitzungen und Besprechungen vermissen.“

