Die Freude am Nazis verprügeln

Benjamin Moldenhauer 12

„Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, einer der schönsten Blockbuster in der Geschichte des amerikanischen Films, wird Sonntah, 10. Mai noch einmal im Central Theater Osterholz-Scharmbeck gezeigt.

Mit Hut und Peitsche auf der Suche nach Artefakten: Indiana Jones, ikonisch gespielt von Harrison Ford.

Mit Hut und Peitsche auf der Suche nach Artefakten: Indiana Jones, ikonisch gespielt von Harrison Ford.

Bild: Wiki commons

Die segensreichen Erfindungen, die der Filmemacher Steven Spielberg dem Kino und damit auch der Welt geschenkt hat, sind zahlreich. Mit „Der weiße Hai“ hat Spielberg 1975 den Blockbuster wesentlich mitentwickelt. Und dass das Format des nicht-doofen Spektakelfilms in einer nicht enden wollenden Masse von überlangen Lärmfilmen verendet ist, dafür kann Spielberg ja nichts. Sie kommen in vielen Formen: als Kinderfilm für jedes Alter („E.T.“), Holocaust-Drama („Schindlers Liste“) oder eben Abenteuerfilm.

Die ersten drei Teile der „Indiana Jones“-Reihe, erschienen in den Jahren 1981 bis 1989, gehören sicherlich zum Unterhaltsamsten, was das amerikanische Kino in seiner an Unterhaltsamkeit ja nicht armen Geschichte hervorgebracht hat. Perfekte Filme, zumindest Teil eins („Jäger des verlorenen Schatzes“) und drei („Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ – der zweite Teil ist noch einmal ein sehr interessanter Fall für sich).

Hanebüchene Plots, perfekte Wirkung

Die Plots sind hanebüchen und wirken auch während der zwölften Sichtung noch vollkommen plausibel. Immer ein Zeichen dafür, dass ein Film Geschichte und Figuren so effektiv und wirkungsintensiv in Szene setzt, dass man es einfach glauben will. Hier: Ein Archäologie-Professor reist durch die Welt und sammelt, mit Hut und Peitsche, Artefakte ein, prügelt sich mit Bad Guys, ständig explodiert irgendwas, schöne Frauen geben sich ihm hin. Die Idee, dass Frauen schwach werden, wenn sie von Männern ungefragt geküsst oder auch an die nächste Zimmerwand gedrückt werden, konnte man dem Kino erst gegen Ende der Neunzigerjahre austreiben. Auch in dieser Hinsicht ist Indiana Jones so etwas wie eine Mischung aus Howard Carter und James Bond.

Jedenfalls entstammt die Indiana-Jones-Figur einem Comic- und B-Film-Universum, von dort kommt das Überschießende und die Freude am Krawall der ursprünglichen Indiana-Jones-Trilogie und wird von Steven Spielberg für das Blockbuster-Kino nutzbar gemacht.

Das Artefakt, das Indy in „Der letzte Kreuzzug“ sucht, ist der Heilige Gral, der Unsterblichkeit verleihen soll. Der Film eilt in hohem Tempo durch Portugal, Venedig, Österreich, Deutschland, die Türkei und Jordanien. Als erstes funktioniert das alles natürlich wunderbar als Abenteuer- und Heldenreise. Ferne Länder, Schlösser, Höhlen, Schlägereien, ein Zeppelin-Flug, Rätsel, die gelöst werden müssen, brennende Katakomben. Es gilt für „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, was für alle Filme Spielbergs in seiner Hochphase, die von 1975 bis mindestens 1993 währte, gilt: Es wird keine Sekunde langweilig.

Antifaschistische Erziehung

Mit den Schauwerten und dem hohen Tempo kommen allerdings noch ein paar weitere Dinge mit, die Spielbergs Filme als Autorenfilme erkennbar werden lassen. Immer wiederkehrende Themen und Konstellationen, die die meisten seiner Filme zumindest untergründig bestimmen. Oder auch ganz manifest: Die Bad Guys im dritten Indiana-Jones-Film sind Deutsche in SS-Uniformen, und sie werden in beiden Teilen mit einer über das filmische Normalmaß hinaus mit spürbarer Inbrunst immer wieder verprügelt. Auch sie entstammen, als Figuren, einem Comic-Universum. Aber die reale Gewaltgeschichte schwingt immer mit, und zumindest in diesem Sinne sind „Jäger des verlorenen Schatzes“ und „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ erste Bewegungen Richtung „Schindlers Liste“.

Mit seiner Freude am Zusammenschlagen von Nazis und der unübersehbaren kulturellen Überlegenheit, die der Film gegenüber dem Totalitären zelebriert, hat er wahrscheinlich mehr für die antifaschistische Erziehung der Jugend getan als die gesammelten Versuche des deutschen postfaschistischen Kinos, die sich an der sogenannten filmischen Bewältigung des Nationalsozialismus versucht haben.

Das Zuhause, das es so nie gab

Graduell untergründiger präsent ist das Thema Familie, das in fast allen Spielberg-Filmen strukturbildend wirkt. Indiana Jones wird im dritten Teil von seinem Vater begleitet, einem gleichfalls begnadeten Archäologen. Der wird, Stichwort James Bond, von Sean Connery gespielt, und die Leichtigkeit, mit der Harrison Ford seine Figur in den Gesprächen immer wieder zwischen gestandenem Erwachsenen, aufmüpfigem Kind und Nähe suchendem Jungen wechseln lässt, ist herzerweichend. Zugleich ist das Duo Ford/Connery unheimlich witzig, und das komische Timing des Films ungeheuer präzise.

Der Filmtheoretiker Georg Seeßlen hat es in seinem sehr guten Buch über Steven Spielberg bemerkt. Immer wieder geht es in Spielbergs Filmen um Scheidungsfamilien und um verlorene Kinder (in seiner Peter-Pan-Verfilmung „Hook“ dann ganz buchstäblich), immer will jemand zurück in ein Zuhause, das es so nie gab oder das zumindest nur als Sehnsuchtsort im Film vorgestellt wird (ganz buchstäblich in „E.T. – Der Außerirdische“). Immer wieder hängen Menschen – Kinder und Erwachsene – über irgendwelchen Abgründen und müssen entscheiden, ob sie einander hochziehen oder nicht. Auch am Ende von „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ müssen zwei der Figuren lernen loszulassen. Die eine schafft es, die andere schafft es nicht.

 

„Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ läuft am Sonntag, 10. Mai, um 11 Uhr im Central Theater Osterholz-Scharmbeck.